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Innovationen ändern Arbeitsabläufe

Rein in die TV-Branche? Berufsbilder wandeln sich

von Nora Jakob
17.03.2016 - 13:12 Uhr

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Wer heute in die TV-Branche einsteigen will, der sieht sich mit anderen und vielfältigeren Berufsbildern konfrontiert als frühere Generationen. Was sich in Studium und Ausbildung in den letzten Jahren geändert hat.

Die Branche ist im Wandel – und mit ihr ändern sich auch die Berufsbilder im Broadcasting. Natürlich gibt es heute noch klassische Fernsehjournalisten, die mit einem Kamerateam rausfahren, Interviews führen, kleine Beiträge mit einer Dramaturgie schneiden, die dann abends in der Tagesschau laufen. Aber das wandelt sich, und oft sind es eben nicht mehr nur die klassischen Beiträge, die ein Redakteur abliefern muss. "Die Zeit des analogen linearen Fernsehens ist zumindest für viele jüngere Zuschauer vorbei und das verändert natürlich die Arbeit die Journalisten, die ein Thema für verschiedene Formate und Zuschauergewohnheiten aufbereiten müssen“, sagt Michael Geffken. Er ist Direktor der Leipzig School of Media, eine Schule, die für Medienschaffende, Journalisten und Marketingleute berufsbegleitende Masterstudiengänge und Lehrgänge anbietet. Und dabei müsse immer auch crossmedial gedacht werden. "Das versuchen wir auch in der Schule umzusetzen, andererseits können wir nicht jedem kurzlebigen Trend hinterrennen."

Allein die Akkreditierung der Studiengänge, die gemeinsam mit der Universität Leipzig und der HTWK Leipzig angeboten werden, würde einen ständigen Wechsel der Studiengänge nicht zulassen. Aber in „New Media Journalism“, einem von vier Studienangeboten der Schule sollen Journalisten lernen, über alle Kanäle zu kommunizieren und den „digitalen Workflow“ zu beherrschen. "Die Anforderungen verändern sich kontinuierlich und wir befinden uns in einem ständigen Anpassungsprozess", sagt Geffken, Direktor der Leipzig School of Media.

Crossmediales Produzieren unterrichtet etwa Michael Hauri, der als Dozent an verschiedenen Hochschulen arbeitet und 2009 die Multimedia-Studios 2470media gegründet hat. Der Produzent findet, dass es in der Ausbildung vor allem auf das Experimentieren ankomme. „Natürlich spielt die Vermittlung journalistischer Grundkenntnisse nach wie vor eine zentrale Rolle. Mir persönlich ist aber wichtig, bei meinen Seminarteilnehmern auch die Lust zu wecken, neue Ausdrucksformen zu erschließen. Dazu gehört die Grundhaltung, den technologischen Fortschritt als Chance zu begreifen und die Arbeit in multimedialen Teams als selbstverständlich anzusehen.“

Und technischer Fortschritt bringt immer auch neue Berufsbilder mit sich: In den Redaktionen werden deshalb verstärkt Multimedia-Redakteure, Videojournalisten, Web-Developer, Datenvisualisierer und Social-Media-Manager gesucht, wie Hauri beobachtet. „Es gibt aber auch neue Formen von Aufträgen für Redakteure und Freelancer, zum Beispiel die Smartphone-only-assignments. Davon spricht man in den USA, wenn beispielsweise ein Fotograf losgeschickt wird, um mit seinem Handy den Instagram-Account einer Redaktion zu befüllen“, sagt der Dozent, der auch an der Leipzig School of Media, aber auch an der Akademie für Publizistik in Hamburg unterrichtet. „Es geht schlicht und einfach darum, den Anschluss nicht zu verpassen“, sagt Hauri. Das wissen auch die Journalistenschulen wie die Bayrische Akademie für Fernsehen und die RTL-Journalistenschule – und haben ihre Programme entsprechend angepasst.

„Wir setzen weiterhin auf eine solide, journalistische Grundausbildung, in der die Basistugenden und Fertigkeiten nicht zu kurz kommen dürfen“, sagt Thomas Repp, Leiter der Bayerischen Akademie für Fernsehen. Gleichzeitig gibt es seit 2014 eine „Cross-Media-Offensive, die natürlich weiterhin das lineare Fernsehen umfasst, sich aber auch mit dem vernetzten, mobilen, gestreamten Medium beschäftigt. „Heute sind alle Lehrpläne und alle Praxisübungen mit diesen digitalen Inhalten und Kanälen inhaltlich vernetzt. Die Produktion von Beiträgen wird begleitet von Social-Media Aktivitäten, sowohl in der Preproduction als auch in der Produktion und in der Ausspielung“, sagt Repp. Und weiter: „Nachwuchsjournalisten sollten sich unbedingt mit den digitalen Werkzeugen - seien es Facebook, Twitter, Instagram, YouTube, Vimeo oder viele andere - auseinandersetzen und damit arbeiten.“ Dazu gehöre auch ein selbstverständliches Arbeiten mit Wordpress und Adobe-Suite dazu.

Von veränderten Anforderungen berichtet auch Leonard Ottinger, Geschäftsführer der RTL-Journalistenschule: „Vor zehn Jahren haben wir das Kameratraining ausschließlich mit Videokamera für die EB-Berichterstattung durchgeführt. Heute lernen die Journalistenschüler die Videoproduktion auf drei Systemen: EB-Kamera, Spiegelreflexkamera und Smartphone.“ Die Beschäftigung mit Dramaturgie, Bildsprache  und Konzeption von Beiträgen, von Videocontent generell habe sich ebenfalls verändert. Dabei würden Fragen nach den Erzählformen für TV, Webvideo und mobile Anwendungen aufgegriffen. „Wie gehe ich mit dem sich stark wandelnden Nutzungsverhalten um? Wie begegne ich den neuen Wettbewerber im Bereich Bewegtbildinformation?“

Durch den digitalen Wandel und die Transformation des Bewegbild sind auch die Anforderungen an (Nachwuchs-)journalisten in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, gleichzeitig haben aber auch die technischen Möglichkeiten, mit denen berichtet werden kann, zugenommen. Fest steht: Die Branche befindet sich grundsätzlich im Wandel und wer sich diesem verschließt, wird auf der Strecke bleiben, denn kaum ein Journalist, kaum ein journalistischen Medium arbeitet heute noch „monomedial“. „Alle Redaktionen, ob Print, Radio oder TV, arbeiten nicht mehr nur für eine Plattform“, sagt Ottinger. „ Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass Journalisten aller Medien die multimedialen Darstellungsformen beherrschen sollten. Sie sollten alle Plattformen kennen, dort wo ihre Leser, Hörer, Zuschauer, User unterwegs sind.“

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