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Interview mit der Schöpferin von "Transparent"

Jill Soloway: "Wunderbar, dass wir den Feind sehen!"

von Christian Fahrenbach
16.09.2016 - 16:36 Uhr

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In der kommenden Woche veröffentlicht Amazon die 3. Staffel von "Transparent", am Sonntag hoffen die Macher auf weitere Emmys. Wir haben im Vorfeld in New York mit Serienschöpferin Jill Soloway über Transsexualität, Trump und "Hast-du-DAS-gesehen?"-Szenen gesprochen

In großen Teilen der zweiten Staffeln ging es weniger um Transsexualität an sich als um Familiendynamik, Machtspielchen und letztlich sehr egoistische Charaktere. Haben Sie gedacht, dass die Leute über den Sensationsaspekt der Serie hinweg sind und Sie nun universellere Themen behandeln können?

Nun, wir versuchen immer einen authentische und menschliche Geschichte zu erzählen und denken uns nicht: "Jetzt lasst uns mal die gesellschaftliche Debatte verändern!" Aber inzwischen glauben wir schon, dass das Publikum weiter ist. Nachdem Caitlin Jenner ihr Coming Out hatte, mussten wir nicht mehr erklären, was es heißt, eine Trans-Matriarchin in der Familie zu haben. Die Zuschauer verstehen das. Deshalb können wir nun die subtilen und echten Geschichten dieser sehr menschlichen Charaktere erzählen.  

Aber glauben Sie denn wirklich, dass die Menschheit insgesamt Fortschritte macht? Haben Sie nicht diese Momente, in denen Sie denken: "Da arbeiten wir die ganze Zeit für eine tolerantere Gesellschaft – und dann kommt Trump?"

Das passiert ja gleichzeitig: Immer, wenn es in der Vergangenheit Bewegungen hin zu einer liberaleren Gesellschaft gab, hat auch Autoritarismus zugenommen. Ich habe den sehr optimistischen Glauben, dass der Aufstieg von Trump sehr bald zu etwas sehr Wunderbarem führen wird. Wir müssen nur den Weg dorthin überstehen und die Dinge nicht zu düster werden lassen. Kürzlich sagte eine Frau zu mir: "Wie furchtbar, dass Trump existiert!" Ich denke: "Wie wunderbar, dass wir den Feind sehen können!" Niemand kann noch behaupten, dass es keinen Rassismus gibt, keine Fremdenfeindlichkeit. Da gibt es jetzt diesen Mann und er sagt: "Ich baue eine Mauer!" Und wir können sagen: "Oh, das gibt es ja wirklich. Es gibt diesen Hass wirklich – und er hat einen Namen."

Wer "Transparent" schaut, fragt sich ja auch, ob es solche Familien in Wirklichkeit überhaupt gibt. Ist das beabsichtigt oder soll das alles ein bisschen übers Ziel hinausschießen?

Meine Familie ist ein bisschen wie die Familie, die wir zeigen. Aber ich denke, es ist eine idealisierte Fassung davon – ich wünschte, ich hätte so ein Haus, mit so einer Weihnachtsbeleuchtung. Wir lassen die neue Staffel mit einer idealisierten Welt beginnen, in der es so ausschaut, als ob Maura alles hat, was sie immer wollte. So dass sie vor Kopf des Tisches sitzt und sich denkt: "Und was jetzt?" 

Was passiert denn mit der deutschen Storyline?

(lacht) Ich war letztes Jahr in Deutschland und so aufgeregt, die deutschen Journalisten zu treffen – aber die Folgen im Deutschland der 30er Jahre hatte da noch niemand gesehen. Aber ich war dann am Hirschfeld-Institut und dort, wo sie Bücher verbrannt haben. In der neuen Staffel bezieht sich all unser Geschichts-Kram auf Gittel und auf diese Zeit. Es wird viel darüber gesprochen, aber es ist in den 50er-Jahren angelegt. Die Charaktere gibt es aber immer noch. 

Reden wir ein wenig über das Geschäftliche: Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Amazon über die drei Staffeln hinweg verändert? Ich stelle mir vor, dass es zu Beginn schwer war, die Idee der Serie zu verkaufen und Sie jetzt alles machen können, was Sie wollen. 

Amazon war immer wahnsinnig inspirierend und sehr großzügig. Eigentlich hat sich mehr das Verhältnis von Amazon zur Welt verändert als zu uns. Gestern Abend war ich am Times Square und da war ein Poster von unserer Serie, so groß wie ein Häuserblock. Ich hab’ ein Foto gemacht und gedacht: "Wie konnte das denn passieren?" Am Anfang habe ich die Show bei ein paar Sendern gepitcht, von denen ich wirklich dachte, dass wir sie an sie verkaufen könnten. Sie wissen schon, HBO und Showtime. Als es dann hieß: "Hey, es sieht so aus, als ob es Amazon wird", da habe ich mich gefragt, ob überhaupt irgendjemand jemals diese Serie sehen wird. Freunde haben mir gratuliert, dass ich meine "Webserie" verkauft hätte. Ich hatte einfach keine Ahnung, dass das funktionieren könnte. Das Überwältigende ist aber, dass sie mir gegenüber immer gleich geblieben sind, während sie sich in der Welt da draußen völlig neu erfunden haben. Mir gegenüber sitzen noch die gleichen Leute mit den gleichen Prinzipien und der gleichen Offenheit – dem gleichen Drang, mich zu Risiken zu überreden.  

Amazon spricht also mit Ihnen über die Handlung?

Ja, sie regen mich an, noch tiefer zu buddeln und weiterzumachen. Wir alle und auch Amazon merken einfach, dass es in der aktuellen TV-Landschaft nicht darum geht, die Patina eines Networks abzubilden, sondern etwas zu schaffen, bei dem Leute ihren Bekannten sagen: "Das musst du sehen!". Das ist für mich auch die Herausforderung: Was kann ich in einer Szene passieren lassen, bei dem dann später jemand seinen Freund anruft und sagt: "Hast Du DAS gesehen?" Das ist meine Inspiration.

Vermindert es denn den Einfluss auf die Gesellschaft, dass wir Serien viel fragmentierter als früher schauen? Es gibt doch einfach nicht mehr diesen Moment: „Heute Abend! Das große Finale von 'Friends'!"

Für mich ist das eher ein Unterschied in allen Aspekten von dem, was ich "Kino" nenne. Wenn Sie sich meine Art des Filmemachens anschauen, dann bin ich weniger daran interessiert, mich mit "Friends" zu vergleichen, als viel mehr mit Filmemachern wie John Cassavates oder Robert Altman. Echte Momente finden und sie so aussehen lassen als ob sie wirklich passieren, so dass die Leute es gar nicht fassen können, dass sie nicht wirklich so geschehen sind. Vor zwanzig, dreißig Jahren sind solche Stoffe im Kino gelaufen und es gab Debatten rund um Menschen wie Woody Allen und diese kleinen Filme über die menschliche Natur. Ich empfinde meine Arbeit nicht als schlechter vermarktetes "Friends", sondern als besser vermarkteten Cassavates.

Welche Vorteile bringt denn dann ein Streaming-Vermarkter mit sich?

Die Tatsache, dass ich einen Fünf-Stunden-Film anstelle eines Zwei-Stunden-Films machen kann und dass Amazon ihn zur Verfügung stellen kann – den ganzen Tag. Jeden Tag. Für immer. Für jeden. Wann immer man ihn sehen will, anstelle von Donnerstag zwischen 20 Uhr und 20.30 Uhr. Was immer hinter dieser Entwicklung steht, funktioniert für mich wunderbar. Klar gibt es einen Unterschied, weil es zum Beispiel nicht wie im Kino das große Startwochenende gibt, aber andererseits lädt das zu einer persönlicheren Auseinandersetzung ein. 

Bleibt nur noch eine kleine Vorausschau auf das Wochenende: Wie bereiten Sie sich auf die Emmy-Verleihung am Sonntag vor? 

Eigentlich denke ich nur darüber nach, was ich anziehen werde, wie ich einigermaßen ruhig bleibe und einen schönen Abend habe. 

Kein Gedanke daran, vielleicht 30 Sekunden im Rampenlicht zu bekommen, die man dann irgendwie nutzen muss?

Mein erster Gedanke ist eigentlich immer: "Ich muss darauf gefasst sein, dass wir nichts gewinnen und dass jemand anderes an der Reihe ist." Aber mein zweiter Gedanke ist dann: "Falls ich doch 30 Sekunden bekomme, dann will ich etwas sagen, das den Menschen etwas bedeutet." Ich denke da also schon darüber nach. Diese langen Aufzählungen von Leuten, bei denen man sich bedankt, sind ja etwas aus der Mode. Menschen wie Jesse Williams oder Viola Davis sprechen ja auch über die Bewegungen, von denen sie ein Teil sind. Ich finde das sehr anregend. Also: Ich glaube nicht, dass es noch Platz für gespieltes Überraschtsein gibt. Ich werde definitiv vorbereitet sein. 

Vielen Dank für das Gespräch und viel Spaß bei der Emmy-Verleihung!

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