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Das Hoff zum Sonntag

Monotonie als Kunstform: Die ARD im Wintersportwahn

von Hans Hoff
28.02.2016 - 10:00 Uhr

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Das Erste hat an diesem Wochenende keinen Wintersport im Programm - dabei hatte Hans Hoff gerade die Suche nach dem Sinn in der gesendeten Monotonie aufgegeben und sie als Meditationsvorlage akzeptiert. Doch Rettung naht...

Was ist nur los mit der ARD? An diesem Wochenende hat sie keinen Wintersport im Programm? Was soll das? Wie soll ich weiterleben ohne Männer in Wurstpellen, die sich mit Brettern an den Füßen von Schanzen in die Tiefe stürzen, ohne geölt wirkende Körper, die an andere geölte Körper gepresst durch Eiskanäle flitzen, ohne Bewaffnete, die auf Skiern den wehrlosen Schnee zerstechen? Wird an diesem Wochenende nicht irgendwo gesprungen, geflitzt oder geschossen?

Das hat was von seelischer Grausamkeit, mich wochenlang samstags und sonntags mit nichts anderem zu versorgen als Wintersport in all seinen Ausformungen. Dabei hat doch die ARD die Rechte. Sie hat offenbar viele Rechte eingekauft, sie pflastert deshalb ihr Programm seit Wochen voll mit Wintersport. Am vergangenen Wochenende berichtete sie das ganze Wochenende aus Moskau, Igls, Winterberg, La Thuile, Chamnoix und Lahti.

Lahti liegt in Finnland und hat derzeit viel Schnee. Was Lahti nicht hat, sind ganz offensichtlich Menschen, die sich Schanzenspringerei anschauen wollen. Immer wenn bei den Übertragungen die Kamera mal aufzog, waren da allenfalls ein paar hundert Menschen zu sehen, zu manchen Zeiten dürften es nicht einmal 50 Gestalten gewesen sein, die sich da an den Auslauf verirrt hatten. Zeitweise konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass da auf der Schanze mehr Menschen herumstanden als davor. Da nützten auch kreative Kameraeinstellungen auf kleine jubelnde Grüppchen wenig. Irgendwann gab es dann doch den verräterischen Schwenk, der in die Leere ging.

Die ARD störte das nicht, sie übertrug tapfer weiter und transportierte vor allem die dumpf und blechern dröhnende Umpf-Umpf-Sportstättenbeschallung in die deutschen Stuben. Dazu mühte sich Reporter Tom Bartels darum, irgendwie Spannung in die Angelegenheit zu reden. Ein guter Sportreporter wie Bartels macht das aus der Hüfte. Stimme heben, sagen, dass es spannend wird und dann so tun, als würde es wirklich spannend.

Ähnliche Phänomene ließen sich bei Bob- und Rodelwettbewerben in anderen Orten beobachten. Nur sehr wenige Menschen interessierten sich auch dort vor Ort für die Wettbewerbe, was dem Zuschauer daheim normalerweise ein bisschen seltsam erscheinen müsste. Eigentlich steht bei so etwas doch die Frage im Raum, warum man sich für etwas interessieren soll, das den Menschen am Ort des Geschehens problemlos an rückwärtigen Körperteilen vorbeigeht.

Seltsamerweise interessierte es dann aber doch mehr als nur ein paar Menschen. Etliche dieser Wintersportsendungen schafften es am Ende in die Quoten-Charts. Das lohnt sich dann wohl für die Bilanz der ARD.

Es dürfte sich auch für die Kasse der Ausrichter lohnen, denn das, was da bei den Übertragungen an Werbung zu sehen war, überstieg bei weitem das, was normalerweise auf eine Kuhhaut passt. Hier ein Werbebanner für Audi, dort eines für Bauhaus, für Veltins, für Minolta, hier ein Schriftzug für die ikk classic, dort für Manner, für Uvex, für Viessmann, und alles fast durchgehend im Bild. Das sind allein jene Werbungen, die man in Lahti bestaunen durfte. Man fragt sich da schon so manches Mal, wieso Stefan Raab seine Eventshows immer als Dauerwerbesendungen kennzeichnen musste, wenn die ARD den Werbepartnern des Wintersports doch eine ungleich größere Fläche bieten darf.

Irgendwann habe ich übrigens mein Staunen auf- und mich hingegeben. Ich habe nicht länger versucht, Sinn aus dem sinnlosen Gekurve und Gespringe und Geschieße zu saugen. Ich habe diese gleichförmigen Rituale, bei denen man immer auf die Ergebnisanzeigen schauen muss, um zu sehen, wer nun vorne liegt, als Meditationsvorlage akzeptiert. Es rutscht jemand die Schanze herunter, er fliegt und er landet, und die Stimme des Kommentators sagt mir, ob es gut oder schlecht war. Ich selbst kann gar nichts erkennen. Warum auch? Monotonie als Kunstform, hier wird sie im Gottesdienst der heiligen Belanglosigkeit zelebriert.

Genau deshalb bin ich so verunsichert, dass dieses Wochenende alles ausbleibt. Was soll ich tun? Hat sich die ARD nicht wochenlang mir angedient, um mir wenigstens visueller Ersatz für den ausbleibenden Winter zu sein?

Doch da sehe ich, dass mein Schmerz nur ein kurzer sein wird. Am nächsten Wochenende ist meine ARD wieder am Start, am Samstag von neun bis 18 Uhr und am Sonntag von neun bis 17.30 Uhr. Allerdings wird der Wintersportwahn unterbrochen vom „Presseclub“, aber der passt eigentlich auch ganz gut in diese Parade des ewig Gleichen. Ist doch nichts anderes als 42 Minuten Kampfdiskutieren auf dem dünnen Eis der Meinungsmacht. Nur die mangelnde Werbung im „Presseclub“, die verwirrt mich. Daran müssen sie noch arbeiten in der ARD.

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