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Das Hoff zum Sonntag

Klatschvieh im TV: Put your Patschehändchen together

von Hans Hoff
13.03.2016 - 10:30 Uhr

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Da der Pressesprecher von Heiko Maas etwas laut klatschte, ließ Anne Will ihn auffliegen. Doch auch sonst wird im Fernsehshows eifrig geklatscht - häufig etwas zu eifrig, findet Hans Hoff. Wie sich die überschwänglichen Reaktionen erklären lassen...

In der vergangenen Woche ist viel über einen einsamen Klatscher gesprochen worden. Der saß bei Anne Will im Publikum und patschte seine Hände stets zusammen, wenn Justizminister Heiko Maas etwas aus seiner Ansicht Dolles gesagt hatte. Nun klatschte er ein bisschen zu oft, was die Moderatorin der Sendung dazu brachte, ihn anzusprechen und als Pressesprecher des Ministers zu outen. Keine gute PR. Nicht für den Minister, nicht für den Pressesprecher. Eher blamabel. So blamabel, dass Jan Böhmermann in seiner Sendung das „Neo Magazin Royale“-Maskottchen William Cohn ins Publikum setzte, auf dass dieser besonders die schalen Gags beklatschen möge. Da wird sich der Maas-Sprecher noch einmal gewünscht haben, seiner Begeisterung ein wenig dezenter Ausdruck verliehen zu haben.

Das warf nun ein besonderes Licht auf das allgemeine Klatschverhalten von Zuschauern in Fernsehsendungen. Das ist selten normal zu nennen. Wann immer eine Show läuft, gibt es Applaus. Mal dezenter, aber in der Regel eher übertrieben. Applaus gehört zum Klangdesign im Fernsehen. Mit Applaus kann man prima Themenwelten trennen, von einem Thema zum anderen kommen. Mit Applaus kann man zudem signalisieren, dass das, was gerade geschieht doch ganz offensichtlich ein Riesenerfolg und damit gut zu finden ist.

So etwas führt besonders oft bei Shows, die größer sind als Anne Wills Talk, zu aberwitzigen Situationen. Da schaut man der Sendung daheim zu und wundert sich, warum die Zuschauer im Studio gerade ausklinken, als hätten sie einen Lottogewinn zu feiern.

Das hat natürlich mit den Warmuppern zu tun, also jenen Menschen, die sich vor der Show darum kümmern, dass das Publikum auf Betriebstemperatur kommt. Wer je bei einer Aufzeichnung war, weiß, wie lästig solche Gestalten sein können. Sie fordern den Anwesenden begeisterten Applaus ab und sondern dann Imperative ab wie „Put your Patschehändchen together.“

Angeblich dient das dem Einpegeln der Tonapparaturen und der Einspielung von Zwischenschnittmaterial. Schon in der Aufwärmphase halten nämlich auch die Kameras drauf, und wenn später in der Show mal ein Gag versandet, wird er kurzerhand mit einem vorher aufgezeichneten Applaus gepimpt.

Faire Warmupper weisen die Zuschauer auf solch ein Verfahren hin, denn es birgt natürlich die Gefahr, dass jemand in Verruf gerät, weil er wie ein Duracell-Häschen applaudiert, obwohl der Gag eher schal war. Aber nicht immer werden die Zuschauer über solche Nebenwirkungen informiert, und noch seltener sehen sie die Chance, zu fliehen, wenn sie mit der verordneten Vereinbarung nicht einverstanden sind.

Ich war mal bei der Aufzeichnung einer überaus müden ProSieben-Show. Da gab es nicht wirklich viel zu lachen, und der seitlich postierte Warmupper konnte während des Ablaufs noch so oft die Arme animierend in die Luft reißen, der Applaus blieb mau. Trotzdem waren später in der fertigen Show ausschließlich schwer begeisterte Zuschauer zu sehen, die sich komplett wegschmissen vor Lachen.

Erklären ließ sich das mit einem Kunstgriff, denn in einer Pause hatten die Produzenten ein paar „Pleiten, Pech und Pannen“-Videos eingespielt, Filme von Menschen, die irgendwo gegenlaufen oder ausrutschen oder von Katzen, die drollig reagieren. Heissa, war da was los. Das Publikum schmiss sich weg vor Lachen. War auch echt lustig. Dass die Kameras mitliefen, merkte kaum jemand.

All die überschwänglichen Reaktionen fanden sich dann später zwischen die schalen Gags der ProSieben-Komiker montiert, weshalb sich mancher der Studiozuschauer die Frage gefallen lassen musste, was zum Teufel er denn daran nun lustig gefunden habe, warum er also derartig ausgerastet sei.

Ein anderes Phänomen, das regelmäßig den Phonpegel hochtreibt, ist das sogenannte Stockholm-Syndrom. Das ist eigentlich Geiseln vorbehalten, die sich nach langer Geiselhaft in ihre Entführer verlieben, passt aber bei überlangen Aufzeichnungen durchaus auch auf den einen oder anderen Zuschauer. Der sieht sich gefangen in seinem Sitz und fühlt sich aus unerforschten Gründen ein bisschen mitverantwortlich für das Gelingen.

Es ist dem Zuschauer peinlich, wenn vorne etwas daneben geht. Deshalb klatscht er, und man kann dem Applaus am Ende nicht mehr entnehmen, ob er nun aufmunternd oder eher mitleidig war. Applaus ist Applaus.

Böse Regisseure bei schlechten Shows quälen auch gerne ihre Zuschauer. War ihnen ein Applaus nicht laut genug, lassen sie die zugehörige Szene einfach wiederholen. Der Zuschauer kapiert dieses Prinzip sehr schnell. Er weiß, er kommt hier so schnell nicht raus, wenn der Applaus nicht mindestens frenetisch ausfällt. Also tut er das, was Klatschvieh macht. Er klatscht.

Aber auch ohne solche Geschichtsfälschung kann man dafür sorgen, dass Zuschauer wunde Hände bekommen. Ein bisschen Erpressung hilft dabei. In der frühen Phase der Harald Schmidt Show war so etwas üblich. Da kam vorab ein Mitarbeiter auf die Bühne und erklärte, dass ab sofort alles, was auf dieser Bühne passiere superlustig zu finden sei und dass das Publikum gefälligst bei jeder Ansage auszurasten habe. Dann ließ er probeklatschen. Danach schnappte er sich einen Zuschauer aus der ersten Reihe, ließ den aufstehen und fragte nach seinem Namen. Wenn der dann angab, er heiße Kevin, setzte der Schmidt-Show-Mitarbeiter ein diabolisches Grinsen auf und verkündete: „Meine Damen und Herren. Das hier ist Kevin, und Kevin hat rein gar nichts verstanden.“ Dann machte er vor, wie schüchtern Kevin während des geforderten Applauses die Hände zueinander geführt hatte. Kevin wurde rot, das Publikum hatte schadenfreudigen Spaß, aber ein jeder fürchtete fortan, der nächste Kevin zu sein. Prompt wurde alles beklatscht wie irre.

An so etwas sollte man denken, wenn man sich nochmal über einen armen Pressesprecher lustig macht. Hat man berücksichtigt, unter welchen Zwängen der Mann stand? Trug er vielleicht einen Elektroschocker am Bein, der ihm bei jeder Aussage seines Ministers einen aktivierenden Stromstoß versetzte? Oder klatschte er gar, um seinen Jahresbonus zu sichern?

Man weiß so etwas doch nicht wirklich. Das Fernsehen ist schließlich eine einzige Schwindelkiste, betrieben von einer halbkriminellen Vereinigung skrupelloser Gutelauneproduzenten, eine Illusionsmaschine, die nie ausgibt, was man reintut.

Und jetzt Applaus, aber heftig bitte. Sonst schreibe ich noch bis morgen weiter.