© ZDF/Johanna Brinckmann
Das Hoff zum Sonntag

Das deutsche Fernsehen braucht eine Kultur des Scheiterns

von Hans Hoff
20.03.2016 - 10:00 Uhr

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Wieso schaffen es eigentlich in schöner Regelmäßigkeit halbgare Formate auf den Bildschirm - und warum konnte niemand die "Versteckte Kamera" oder "Studio Amani" verhindern? Wie Hans Hoff die Zahl der TV-Unfälle reduzieren möchte...

Ich habe Mitleid. Mitleid mit Fernsehmenschen, die ein bisschen Erfahrung haben, die wissen, wie das Geschäft läuft, die ihr Gespür noch nicht haben plattwalzen lassen von Quotensucht und Spardiktaten. Ich nehme an, dass solche Menschen furchtbar leiden müssen, wenn sie in einer Produktion feststecken und früh erkennen, dass ihr Projekt gerade dabei ist, mit Karacho gegen die nächstliegende Wand zu donnern.

Solche Menschen muss es geben. Ich bin mir da sicher. Solche Menschen sind wichtig fürs Fernsehen. Menschen, die wissen, wie Fernsehen funktioniert, die aber vor allem wissen, wie Fernsehen nicht funktioniert. Was müssen diese Menschen ertragen, wenn sie merken, dass niemand ihre Einschätzung hören will, dass die Vorbereitungen eines Projekts schon so weit fortgeschritten sind, dass es ein Zurück nicht mehr geben kann. Die Verträge sind gemacht, die Trailer produziert, der Sendeplatz ist bereits angewärmt, der Point of no Return überschritten.

Im Nachhinein lässt sich leicht fordern, dass diese Typen besser mal laut stopp geschrien hätten, als sie etwa erkannten, dass so etwas wie „Studio Amani“ nicht funktionieren kann, weil Enissa Amani als Gastgeberin gnadenlos überschätzt ist, weil sie nur ein paar vorbereitete Gags im ewig gleichen Tussenton abzusondern weiß und dazu so tut, als sei sie politisch engagiert, weil ihre Eltern ja Kommunisten sind. Da hätte doch mal einer aufstehen müssen und „Halt! Stopp!“ rufen müssen.

Hat keiner gemacht, weil ja jeder weiß, wie dringend ProSieben Sendeplatzfutter braucht, um die Raab-Lücke zu stopfen. Und wie soll man auch gegen die Argumente ankommen, wenn eine Protagonistin alles zu haben scheint, was es für den Erfolg braucht: Ist hübsch, hat eine Masche, tut politisch, spielt mit ihrem Migrationshintergrund, nimmt ihre Tussenhaftigkeit selbst auf die Schippe. Wer will dagegen etwas sagen? Da hält man doch lieber die Klappe, denn sonst wird man noch als Frauenfeind gescholten oder gefragt, ob man etwas gegen Menschen aus anderen Kulturen habe.

Also versieht man als erfahrener Fernsehmensch seinen Dienst und leidet still vor sich hin. Hat ja auch einen Vorteil. Das Schweigen bewahrt den Job, aber nur bis zur Absetzung.

Ähnlich bemitleidenswerte Gestalten muss es bei den Steven-Gätjen-Projekten im ZDF geben. Sowohl bei der versteckten Kamera als auch bei „I can do that“ gibt es im Team mit Sicherheit Menschen, die schon vorab hätten sagen können, was alles schief laufen wird. Nur hörte schon in der Vergangenheit niemand auf sie, weshalb sie das Sagen offenbar schon länger eingestellt haben.

Was wäre auch die Folge einer Wortmeldung gewesen? Man stelle sich nur mal vor, ein Mitarbeiter wäre bei den Proben zu „Die versteckte Kamera 2016“ aus den Kulissen getreten und hätte gesagt: „Hört mal, so kann das nicht funktionieren. So wird das einfach nur großer Müll. Das schadet Steven Gätjen, das schadet dem ZDF, das schadet dem Zuschauer.“

Was wäre mit solch einem Mitarbeiter passiert? Bestenfalls hätte er anerkennende Blicke der Mitleidenden erhalten. Offiziell hätte man seine Bedenken zur Kenntnis genommen und gesagt, man habe da schon ein Auge drauf. Das werde schon werden. Später hätte sich der Rufer in der Wüste dann gewundert, dass man so selten bei ihm anruft und ihn für eine neue Produktion engagieren will, während die Maulhalter weiter Beschäftigung finden.

Was müssen etwa die Kundigen bei der Vorbereitung der Lars-Reichow-Show gefühlt haben, als sie im vergangenen Sommer schon bei den Proben feststellten, dass dieser ZDF-Versuch von Talk so gar nicht funktionieren würde? Trotzdem mussten sie danach noch vier Folgen lang erleben, wie das Vorhaben in die Binsen ging. Hätte man vorher wissen können? Ja, hätte man. Wollte aber niemand wissen, weil es beim Fernsehen nun mal keine Kultur des Scheiterns gibt.

Beim Theater geht so etwas eher. Da wird schon mal ein Stück kurz vor der Premiere vom Spielplan genommen. Weil sich der Regisseur verrannt hat oder sich als so unfähig erweist, dass der Intendant um den Ruf seines Hauses fürchtet. Das ist nie schön und lässt regelmäßig viel böses Blut wallen, aber es dient letztlich dem nachvollziehbaren Anliegen, nur das auf die Bühne zu bringen, was den Ansprüchen gerecht wird.

Gäbe es so etwas auch, hätte man beim ZDF spätestens am 12. Februar reagieren müssen und die für den Folgetag angesetzte Premiere der versteckten Kamera absagen oder wenigstens verschieben müssen.

Absagen? Verschieben? Zwei Begriffe, die im Repertoire von Fernsehplanern nicht vorkommen. Die Vorstellung, eine Show am Vortag abzusagen, die Gäste auszuladen, die Halle zu räumen, ersatzweise einen Krimi zu programmieren, das klingt so irre, dass man schon beim Hinschreiben fürchtet, gleich klingele es und ein langer weißer Wagen stehe vor der Tür mit freundlichen Herren, die eine Jacke mitbringen, die man hinten zuknöpft.

Nein, im Fernsehen werden Unfälle nicht vermieden, sie werden ausgestanden. Das versendet sich, sagen sie gerne. Oder sie verweisen auf Bananenhändler, die auch darauf setzen, dass ihre Ware beim Kunden zu Ende reift. Aber vorher reagieren und dann den geordneten Rückzug antreten? Im Leben vielleicht, im Fernsehen niemals.

Mit welchem Recht vertrauen Fernsehverantwortliche eigentlich darauf, dass sie halbgare Produktionen straflos aufführen dürfen, um hernach zu behaupten, dass man die Fehler bei den nächsten Modellen schon abstellen werde. Man stelle sich nur mal vor, Mercedes lieferte eine neue Limousine mit drei Rädern aus und behauptete dann, dass man diesen Mangel bei Folgemodellen aber abstellen werde.

Ich fordere daher hier und jetzt eine neue Kultur des Scheiterns. Die zuständigen Aufsichtsgremien der Sender erlassen dazu eine Regelung, die vorsieht, dass pro Jahr mindestens vier größere Produktionen kurzfristig abgesetzt oder verschoben werden können, ohne dass die am jeweiligen Projekt beteiligten Mitarbeiter und Produktionsfirmen kurz- oder langfristig deswegen benachteiligt werden.

Oh, Entschuldigung, ich muss kurz unterbrechen. Es hat geklingelt. Draußen steht ein langer weißer Wagen, und da sind freundliche Herren, die meinen, ich bräuchte mal eine neue Jacke…