Liane Jessen / HR-Tatort © HR/Benjamin Knabe
Interview mit HR-Fiction-Chefin Liane Jessen

"In der ARD sieht man uns als Sandkasten-Rocker"

von Torsten Zarges
25.11.2014 - 23:50 Uhr

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Sie lotet gern die Grenzen der TV-Fiction aus - und das mit Erfolg: Liane Jessen, Leiterin Fernsehspiel und Spielfilm des Hessischen Rundfunks, spricht im DWDL.de-Interview über Zirkus als Arbeitsprinzip und das Produzieren ohne Produzenten.

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Frau Jessen, Sie zeigen immer wieder Mut zu unkonventionellen Filmen. Als Sie vorige Woche beim FernsehfilmFestival Baden-Baden den Hans-Abich-Preis bekamen, hieß es in der Begründung, dass Sie "das System vor allem dazu nutzen, es systematisch in Frage zu stellen". Wie anstrengend ist es, Liane Jessen zu sein?

Gar nicht anstrengend! Ich stehe jeden Morgen auf und danke Gott dafür, dass ich eine Festanstellung bei gleichzeitiger kreativer Freiheit habe. Ich kann machen, was ich will. Das gibt's sonst nicht so oft. Alle Redakteure öffentlich-rechtlicher Sender sollten sich dieses Privilegs bewusst sein und es nutzen. Es ist noch kein Festangestellter wegen zu viel Kreativität entlassen worden. Wäre ich freie Produzentin und hätte sechs Kinder von drei Männern, dann sähe es sicher anders aus. Dann müsste man sich viel mehr an Auftraggebern, an Massengeschmack und Quote orientieren.

Arbeiten Sie denn selbst in dem Bewusstsein, das System ständig in Frage zu stellen?

Das empfinde ich als einen selbstverständlichen Arbeitsauftrag. Das System sind ja immer die Personen, die es gestalten. Als junge Redakteurin beim ZDF habe ich mir geschworen: Sollte ich irgendwann mal Chef sein, mache ich es besser als alle Chefs, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe. Das heißt: Ich stelle ein richtig gutes Team zusammen, und in diesem Team sind wir alle gleich viel wert – von der Redaktionsassistentin bis zur Leiterin. Wenn wir beispielsweise einen neuen Film besetzen, hole ich die ganze Truppe zusammen, wir hängen 50 Fotos von Schauspielern an die Wand und diskutieren über sie. Das System in Frage zu stellen, heißt für mich: Wir arbeiten so, als wären wir in einem Zirkusunternehmen, wo derjenige, der die Manege fegt, genauso wichtig ist wie der Artist am Trapez – und nicht so, als wären wir im Finanzamt Frankfurt-Ost.



Das mag im kleinen, kuscheligen HR gelingen – aber was ist mit der großen, komplizierten ARD? Oftmals sagen Ihre Kollegen aus anderen Sendern, sie würden ja gern, können aber nicht, weil ständig der Zwang zum Kompromiss in irgendwelchen Gemeinschaftsredaktionen besteht.


Wenn ich in diesen endlosen Sitzungen sitze, dann sage ich schon mal zu den Kollegen: Leute, könnt ihr das nicht bilateral lösen? Draußen scheint die Sonne, lasst uns das Nötige in einer Stunde besprechen und dann ist gut! Unsere ARD-Koordination ist ein formaler Zusammenschluss der Fernsehspielchefs, die darüber diskutieren, was wir planen, wo es möglicherweise Dubletten gibt, was gut und was schlecht gelaufen ist. Aber jede Rundfunkanstalt kann machen, was sie will. Wir unterliegen schließlich den jeweils eigenen Landesrundfunkgesetzen. Wenn Herr Herres 22 Uhr statt 20.15 Uhr als Sendetermin vorschlägt, kann man zwar nichts dagegen tun. Aber welchen Film ein Sender realisieren will, ist seine eigene Sache.

Ein wesentlicher Unterschied zu allen anderen ARD-Anstalten ist auch, dass Sie im HR noch immer einen vollen Eigenproduktionsbetrieb haben und Ihre sieben Fernsehfilme pro Jahr selbst inhouse produzieren.

Stimmt, wir sind nicht nur Redaktion, wir sind auch Produzenten. Wir übernehmen komplett die Verantwortung für alles, was wir tun. Über meinen Tisch geht jede Abklebefolie, jeder Nagel, jeder Lippenstift. Wenn man solche Verantwortung bekommt, muss man sie auch ausfüllen und darf sich nicht hinter irgendwelchen Vorgaben verstecken.

Viele Rundfunkmanager sehen die Inhouse-Produktion heute als Anachronismus. Müssen Sie das Prinzip ständig verteidigen?


Ja, es gibt Begehrlichkeiten auf dem Markt, uns zu übernehmen. Das Tolle ist: Wenn Sie bei uns in den Sender kommen, spüren Sie eine ganz andere Stimmung als in den anderen Sendern, weil bei uns alle kreativen Gewerke sitzen – die Ausstattung, die Maske, das Kostüm, der Schnitt, das Licht, die Kamera. Das mag vielleicht ein Anachronismus sein – aber in künstlerischer Hinsicht ist es ein Geschenk, weil alles in einer Hand liegt und sich so enorme Gestaltungsmöglichkeiten bieten. Das befördert im Übrigen auch das Vertrauen von Regisseuren und Autoren.

"In künstlerischer Hinsicht ist die Inhouse-Produktion ein Geschenk, weil alles in einer Hand liegt"

Liane Jessen, Hessischer Rundfunk


Produzenten sehen das naturgemäß anders und blicken kritisch auf den HR. Gerade "Tatort"-Produzenten klagen über eine Verzerrung, weil Sie angeblich mehr Budget und mehr Drehtage pro Folge zur Verfügung haben.


Irrtum! Wir haben nicht mehr Budget, sondern eher weniger. Bei uns kostet ein "Tatort" im Durchschnitt 1,3 Millionen Euro, bei anderen Sendern wegen HU und Gewinn der Produktionsfirmen durchaus mehr.

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