Frank Hoffmann © RTL / Stephan Pick
DWDL.de-Interview mit Frank Hoffmann

Hoffmann: "Wir sind in die 'Homeland'-Falle getappt"

von Thomas Lückerath
13.01.2016 - 14:45 Uhr

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Vor der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2016 analysiert RTL-Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann im DWDL.de-Interview Fehler und Chancen seines Senders. Ein Gespräch über "O-Ton-Maschinen", Relevanz und die Schwierigkeit, ohne Druck Neues zu entwickeln.

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Vergangene Woche startete die 4. Staffel von „Der Lehrer“ auf Anhieb mit Rekordquoten. Gibt Ihnen das den Glauben an die deutsche Serie zurück?

Den Glauben an die deutsche Serie hatten wir nie verloren und trotzdem sind wir so überrascht wie begeistert. Kaum waren die Quoten da, wurden SMS ausgetauscht und Telefongespräche geführt. Da freut man sich über jede rote Ampel, weil man die Gelegenheit hat, nochmal eine neue Nummer einzugeben (lacht). An „Der Lehrer“ haben wir lange und sehr intensiv gearbeitet - bei Sony Pictures wie auch bei RTL. So ein Erfolg kann entstehen, wenn alle mit Lust und Leidenschaft dabei sind. Das spürt man dann und überzeugt auch den Zuschauer.

Dann folgt jetzt zügig die Beauftragung der 5. Staffel?

Im vergangenen Jahr haben wir ja schon während der laufenden Staffel die Fortsetzung bestätigt und uns entschieden statt acht sogar gleich 13 Folgen zu beauftragen. Ein stärkeres Commitment kann es ja kaum geben. Wir würden sogar mehr beauftragen, aber auf diesem Niveau zu produzieren ist schon eine Herausforderung. Maximal dürften 13 bis 15 Folgen pro Jahr ohne Qualitätsverlust möglich sein.

Ist dieser Erfolg nicht der Beweis, dass gerade Serien einen langen Atem brauchen?

Bei dem einen oder anderen Format braucht man sicher einen langen Atem. Geduld allein reicht aber nicht aus. Obwohl „Der Lehrer“ qualitativ schon früh überzeugte, wurde intensiv am Format gearbeitet. Aus 30 wurden 60 Minuten, Tragik und Komik anders erzählt und neue Figuren gibt es auch.

Wie lang ist der Atem bei „Deutschland 83“? Es ist jetzt erfolgreich in Großbritannien gestartet. Hat das Auswirkungen auf die Entscheidung, die Serie fortzusetzen? Oder zählt allein die Werbeinselreichweite bei RTL?

Wir freuen uns, wenn Gutes produziert wird und „Deutschland 83“ ist etwas sehr, sehr Gutes. Das ist unsere Bewertung losgelöst von Quoten. Wir selbst hatten keine übertriebenen Erwartungen und haben die Serie im Werbezeitenverkauf mit rund 14 Prozent Marktanteil geplant. Aus unterschiedlichen Gründen hat „Deutschland 83“ bei RTL dann leider nicht funktioniert. Trotzdem bleibt es eine besondere Serie, die international völlig zu Recht ihre Würdigung erfährt.

Soweit ist das alles bekannt. Welche Konsequenzen hat das jetzt für eine Fortsetzung?

Meine Aufgabe ist es, für gute Quoten bei RTL zu sorgen. Aus dieser Perspektive heraus betrachtet, hat „Deutschland 83“ sein Ziel nicht erreicht. Aus dem Blickwinkel der RTL Group bleibt „Deutschland 83“ ein großer Erfolg. Nun wird die Performance in Großbritannien und Frankreich beobachtet. Wir werden die Ergebnisse analysieren und dann entscheiden, ob und in welcher Form „Deutschland 83“ fortgesetzt wird.

Sie sprachen eben von „unterschiedlichen Gründen“. Können Sie das nochmal ausführen?

„Deutschland 83“ ist rückblickend betrachtet eher prädestiniert für Sender, die etwas spitzer aufgestellt sind als RTL. Mit ein bisschen Übertreibung könnte man sagen, wir sind in die “Homeland“-Falle getappt. „Breaking Bad“, „Homeland“, „House of Cards“ - alles Programme, die wir lieben. Aber sie waren nicht Mainstream und für eine spitzere Zielgruppe konzipiert.

Aber macht man es sich bei RTL nicht zu einfach, wenn man der Serie und ihrer Geschichte jetzt ein geringeres Potential zuschreibt? Man könnte ja auch fragen, ob es am Sender lag, dem es nicht gelungen ist, das öffentlich-rechtliche Publikum für die Serie zu begeistern?

Auch ein Format wie „Team Wallraff“ hat niemand bei uns erwartet – und erst zu Wochenbeginn ist eine weitere erfolgreiche Ausgabe gelaufen. Aber ich stimme zu: Für einen Erfolg hätten wir mehr öffentlich-rechtliche Zuschauer für „Deutschland 83“ gewinnen müssen. Wir haben das versucht und entsprechend unsere Plakat-Kampagne ausgerichtet. In unserer Kernzielgruppe hat die Serie übrigens relativ gut funktioniert - allerdings nur zum Auftakt. Wenn sich bereits am ersten Ausstrahlungstag Zuschauer aus dem Programm verabschieden, kann es nicht allein an den Umständen gelegen haben.

Im vergangenen Herbst haben UFA Fiction und Betafilm bereits eine Serie über das Leben von Adolf Hitler angekündigt. RTL sei interessiert, hieß es. Sind Sie an Bord?

Wir warten derzeit auf weitere Bücher, werden sie lesen und dann bald entscheiden.

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit „Deutschland 83“ klingt das zweifelnd. Bleiben wir kurzfristiger: Welche fiktionalen Produktionen stehen bei RTL 2016 denn definitiv auf dem Programm?

„Der Lehrer“ ist ja gerade gestartet. Das „Duell der Brüder“ – die Geschichte von Adidas und Puma – ist in Produktion und wir bereiten die Verfilmung der „Costa Concordia“ vor. Ganz besonders freuen wir uns auf die dreiteilige „Winnetou“-Neuverfilmung.

"Twitter erlebe ich manchmal wie Schönschreibe-Wettbewerbe."

Vor Weihnachten wurde fälschlicherweise berichtet, Winnetou dürfe bei RTL nicht Winnetou heißen. Das wurde im Netz beinahe mit Schadenfreude aufgenommen. Sagt das etwas über das Image von RTL oder den Zynismus im Netz aus?

Das sagt schon viel über die Netz-Kultur aus, was man gelassen sehen kann, wenn es nur um Fernsehen geht. Im Umfeld wichtiger gesellschaftlicher und politischer Themen sind die Umgangsformen und unüberlegten Äußerungen bestimmt bedenklicher. Das Netz hat unschätzbar viele Vorteile, aber ich würde mir manchmal einen bewussteren Umgang damit wünschen.

Ein bewusster und verhältnismäßiger Umgang wäre sicherlich wünschenswert. Was sagen Sie zur oft hämischen Kritik an RTL.

Wenn es ungerecht wird, sind wir schon auch mal genervt. Andererseits: Antagonismus ist der ideale Nährboden für phantasievolle Sprache. Twitter erlebe ich manchmal wie Schönschreibe-Wettbewerbe. Wer bekommt mit möglichst pointierter Kritik an RTL - nicht zwingend mit inhaltlicher Positionierung - den größten Applaus? Lassen Sie es mich so sagen: Chapeau, wir haben eine Menge guter Texter in Deutschland.

Eine Frage noch zur Fiction bei RTL: Es gab im vergangenen Jahr einen Sitcom-Pitch. Was ist dabei herausgekommen?

Wir haben inzwischen mehrere Piloten gedreht, von denen vier gerade in der Medienforschung sind. Nach unserem Gefühl sind ein bis zwei davon besonders gut gelungen. Wir hoffen nach der Medienforschung schnell in Produktion gehen zu können, um eventuell noch dieses Jahr neue RTL-Sitcoms auf den Schirm zu bringen. Es kann aber auch gut Frühjahr 2017 werden.

Wesentlich früher, schon am Freitag, startet „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“. Wird das Dschungelcamp in diesem Jahr wieder stärker als 2015?

Die inhaltliche Stärke des Formats ist immer gegeben, aber die „Larissa-Staffel“ war für viele unterhaltsamer als das Dschungelcamp 2015. „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus“ ist tagesaktuelles Live-Fernsehen, das sich vor Ort entwickelt und nicht komplett planbar ist. Der aktuelle Cast ist hervorragend, das Team aus Produktion und Redaktion ist es sowieso. Die Voraussetzungen für einen ganz besonderen Erfolg sind also gegeben: Wir haben gleich mehrere „O-Ton-Maschinen“ im Camp und außerdem auch ein paar Spielregeln geändert. Mehr möchte ich noch nicht verraten.

„Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ ist ein erfolgreiches Format aus der Hochzeit des internationalen Formatgeschäfts. Das ist lange her. Sehen Sie international derzeit Bewegung in dem Segment, das seit Jahren auf den nächsten großen Hit wartet?

Es gab in den vergangenen Jahren international keinen einzigen großen Format-Hit, der die Erwartungen erfüllen konnte. Darauf haben wir u.a. mit einer eigenen Entwicklungsabteilung reagiert. Das Ressort ist neu gegründet und soll im März seine Arbeit aufnehmen. Verantwortlich ist Kirsten Petersen, die ja auch „Ich bin ein Star“ oder den „Bachelor“ für uns redaktionell verantwortet. Wir erhoffen uns in den nächsten ein bis zwei Jahren neue Impulse für das Programm, wobei das Development-Team ohne Druck entwickeln soll, denn der würde die Kreativität ausbremsen.

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