Florian Hager © SWR/Monika Maier
DWDL.de-Interview mit Florian Hager

Florian Hager: "Erwartet im Herbst keine Revolution"

von Thomas Lückerath
09.09.2016 - 09:10 Uhr

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Social Networks

 

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Stichwort Erfolg. Sie können online noch viel schneller messen wie erfolgreich eine Idee ist als Fernsehmacher. Wie viel Ruhe haben Sie? Wie viel „Quotendruck“?

Wir sind öffentlich-rechtlich und damit nicht allein nachfrageoptimiert. Wir haben einen qualitativen Anspruch an uns und unsere originären Inhalte. Aber natürlich können wir uns nicht komplett von einer Erfolgsbetrachtung lösen, weil wir ja auch rechtfertigen müssen, was wir mit unserem Budget anstellen. Da wollen wir auch möglichst transparent sein. Aber das ist online - klingt vielleicht komisch - schwieriger als im TV, weil wir dort einen begrenzten Kuchen haben, der verteilt wird unter allen, die am Tisch sitzen. Online ist Erfolg etwas relativer. Etwa 15 Millionen Menschen gehören zu unserer Zielgruppe. Uns geht es am Ende darum zu wissen, wie viele Menschen davon erreichen wir täglich, wöchentlich und monatlich mit unseren Inhalten.

Wann bekommt das Baby denn nun einen Namen?

Bei uns stehen die Inhalte im Vordergrund. Unser Name steht an zweiter Stelle und soll sich über die Inhalte aufladen. Deshalb kommt der Name zusammen mit den konkreten Formaten zum Start Anfang Oktober.

Nervt es, wenn Journalisten sich immer wieder an sowas wie dem Namen aufhängen, wo die größere Herausforderung für Sie vermutlich in der inhaltlichen Arbeit liegt?

Nein, natürlich nicht. Ich kann das Interesse verstehen. Wir wissen, dass wir mindestens zwei Stakeholder haben: Einmal unsere Zielgruppe aber eben auch darüber hinaus alle Gebührenzahler, weil wir als öffentlich-rechtliches Angebot agieren. Die Häuser, ihre Gremien und die Presse interessieren sich verständlicherweise für den Namen. Der Zielgruppe ist der Name völlig egal. Da brauch’ ich jetzt keine Kampagne machen und die Städte zupflastern mit Werbung. Die wollen keine Hülle sondern Inhalte.

 

Junges Angebot
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Zugänglicher als der Lerchenberg: In der 22. Etage des linken Turms am Mainzer Hauptbahnhof hat sich das Junge Angebot von ARD und ZDF niedergelassen.

Schön gesagt. Die Revolution hat also keinen Namen aber Inhalt?

Ich versuche jetzt schon mal zu verdeutlichen: Erwartet im Herbst keine Revolution. Wir wollen einiges richtig machen und brauchen eine gewisse Zeit. Auch ein LeFloid hat Jahre gebraucht um letztlich großen Erfolg damit zu haben.

Aber…

…so viel Zeit wird man uns nicht zugestehen. Das ist uns völlig klar. Wir müssen uns der Gebührendiskussion stellen und zwar in dem Sinne, dass für das investierte Geld auch genutztes Programm entstehen muss. Nur schön aber ohne Nutzer - das wäre nicht gut.

Am Budget dürfte es zumindest nicht scheitern.

Nein, ein StartUp mit jährlich gesicherten 45 Millionen Euro - da beschweren wir uns überhaupt nicht. Uns sitzt eher die Zeit im Nacken und wir wollen über möglichst viele Partnerschaften in der Branche unsere Inhalte auch zu den relevanten Zielgruppen bringen.

Die Webvideo-Branche ist recht flüchtig. Viele der frühen Stars haben aufgehört oder machen inzwischen andere Dinge. Ist es eine Experimentierfläche oder eine eigene Medienform? Und funktioniert es, wenn sich Talente nicht von Zero to Hero verfolgen lassen sondern öffentlich-rechtlich geplant werden?

Unser Ansatz ist es, die Webvideo-Branche ernst zu nehmen und die entstandenen Formate und Genre als eigene Medienform zu betrachten. YouTube ist keine Experimentierwiese sondern hat neue Inhalte und Formen ermöglicht. Aber wir glauben auch, dass sich da alt und neu annähern wird. Wir waren viel in der Branche unterwegs um herauszufinden: Wie werden wir da wahrgenommen. Sind wir da die Nestbeschmutzer vom Dienst? Gibt es eine Rolle, die wir spielen können für die Szene? Das war sehr ergebnisoffen.

Und welches Ergebnis kam raus?

Wir sind auf offene Ohren gestoßen, weil die Webvideo-Szene sich inhaltlich und kreativ weiterentwickelt. Das Geschäftsmodell MultiChannel-Network stößt dabei an seine Grenzen. Und da erleben wir gerade eine Bewegung vom Channel-Denken hin zum Format-Denken. Und das ist dann die Denkweise, die wir unterstützen können.

Stichwort Fernsehmacher. Die BBC gilt so gerne als Vorbild für progressiven öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Gab es da auch einen Austausch?

Wir haben uns natürlich auch mit den Kollegen der BBC ausgetauscht. Dort war man von der Radikalität überrascht mit der wir herangehen. BBC Three ging ja aus einem gut verbreiteten TV-Kanal gezwungenermaßen ins Netz. Da transportiert man eine klare Fernseh-Denke. Man muss aber in der BBC auch weniger radikal sein, weil z.B. BBC One auch noch viele junge Zuschauer erreicht und der iPlayer im Netz schon länger für viele junge Nutzer ein etablierter Zugriff auf die BBC ist. Die BBC hat also deutlich einfachere Voraussetzungen als wir, die etwas neu aufbauen müssen.

Wo wird bzw. soll denn die Zielgruppe ihre Angebote konsumieren? Wo werden Sie angeboten?

Unsere Zielgruppe ist jung - und in sich eben noch einmal sehr vielfältig. Deswegen werden wir keine Anlaufstelle in den Mittelpunkt stellen, um es als zentrale Plattform zu bewerben, sondern uns je nach Format überlegen, auf welchem Wege wir es am Besten zur Zielgruppe bringen können. Mal bei Facebook, mal YouTube, mal Instagram, Twitter oder Snapchat.

Das sagen Sie jedes Mal. Aber sollte sich ein öffentlich-rechtliches Angebot allein auf Drittanbieter verlassen?

Nein, natürlich haben wir einen Ort, an dem wir alle Inhalte, die wir über diverse Drittanbieter verbreiten, auf einer eigenen Plattform bündeln. Wir zwingen niemanden unsere Inhalte auf Drittplattformen zu konsumieren. Also gibt es eine Website bzw. App. Aber es ist nicht unsere Erwartungshaltung, dass alle jetzt gezielt dies ansteuern. Natürlich ist die mittel- und langfristige Strategie bei uns wie bei allen anderen, die Leute zum eigenen Angebot zu holen. Aber wir gehen nicht den üblichen Weg und schmeißen viel Geld für das Marketing einer neuen Marke aus dem Fenster sondern investieren in unsere Inhalte.

Und wann geht es jetzt los?

Tja, noch ist der neue Rundfunkstaatsvertrag in der Ratifizierung durch die Länderparlamente. Da warten wir jetzt noch auf das letzte nötige grüne Licht in den kommenden Tagen - zwei Landtage entscheiden noch – der offizielle Start wird dann am 1. Oktober sein.

Herr Hager, herzlichen Dank für das Gespräch.

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