Doppelt hält besser. Als Anke Greifeneder am Tag nach der Preisverleihung des "Deadline German TV Disruptor Awards" die Hauptbühne vom Kölner Seriencamp betrat, überreichte der Host des Fireside Chat Max Goldbart ihr die Trophäe einfach zum zweiten Mal. "Mein neues Hobby", sagte die Vice President Original Productions GSA & France bei Warner Bros. Discovery mit Schwerpunkt HBO Max lachend – und erzählt höchst unterhaltsame 30 Minuten, wofür genau sie ihn nun abermals bekommen hat. Vor allem im "übervorsichtigen" Deutschland nämlich sei es interessant, "den Status Quo herauszufordern".
Und weil die Eingeborene aus Baden-Württemberg zwar auf der Bühne, aber nicht bei ihrer Arbeit Angst kenne, "nehme ich das Risiko zu scheitern gern in Kauf". Denn ohne Wagnis, beteuert sie, keine Entwicklung. Und da wird es ein bisschen, nun ja, dialektisch. Einerseits moniert Anke Greifeneder am deutschen Markt nämlich, dass er Formate, die funktionieren, "immer und immer und immer wiedermacht". Im Zweifel also Krimis. Was HBO Max dort aktuell produziert, erfindet das Serienrad allerdings auch nicht neu.
Ende 2026 läuft dort voraussichtlich das lang ersehnte Prequel der TNT-Legende "4 Blocks". Mitte 2027 dann machen die Mystery-Fachleute Jantje Friese und Baran bo Odar das sehr deutsche Horror-Märchen "Struwwelpeter" zur Serienkiller-Crime. Beides weltweit beachtete IPs mit Lokalkolorit. Aber innovativ? Das bedarf dann doch einer eingehenden Erklärung. "Wir wollten die Serie nicht weiter ausquetschen", meint Greifeneder im geschliffenen Englisch ihrer internationalen Erfahrung von MTV über TNT bis WBD. "Aber ich wollte schon immer wissen, wie Tony Hamadi zu Tony Hamadi geworden ist."
Deshalb reist das abgeschlossene Gegenwartsformat nach drei Staffeln in die Neunzigerjahre, als Menschen mit Migrationsvordergrund, wie Ausländer von damals heute heißen, weder Bildung noch Akzeptanz, geschweige denn Integrationswillen zuteilwurden. "Das soll jetzt keine Entschuldigung dafür sein, kriminell zu werden", sagt Greifeneder über die hochpolitische Erzählung der Baseballschlägerjahre. "Aber es ist zugleich vertraut und neu", erkläre also einiges, was bislang offen war. Beim brachialpädagogischen "Struwwelpeter" hingegen wolle HBO ein "intergenerationelles Trauma" verarbeiten, bei dem es eher um Ängste als Serienkiller gehe.
Abgesehen davon, dass es tradierte Marken sind, wollen beide Serien jedoch das, was auch HBO Max auf dem sehr speziellen Heimmarkt plant. Nämlich "alles, was charcterdriven und edgy" sei. Zwei fiktionale Kernbegriffe, die am ehesten mit figurenorientiert und rebellisch übersetzbar sind. Beides keine Erfolgsgaranten – das weiß auch Anke Greifeneder. Aber wenn es Kultur, Geschmack und Logik regionaler Märkte auch international plausibel macht, steige die Erfolgswahrscheinlichkeit. Dafür sucht HBO Max aber noch etwas anderes, und zwar dringend.
Junge Stimmen der Generationen Z bis Alpha wie einst Lena Dunham, deren "Girls" seinerzeit nahezu allen Millennials urbaner Lebensräume aus dem asphaltierten Herz sprachen. Und bei der Fahndung sei die renommierte Kinderbuchautorin mit Jura-Abschluss nach jahrzehntelanger Branchenerfahrung bei HBO an der richtigen Adresse. Die Markenliebe für ihren neuen Arbeitgeber erinnere sie schließlich an bessere Zeiten bei MTV. "Sorry, wenn das nach PR klingt", entschuldigt sie sich am Ende wie so oft fröhlich und nimmt als Nachfolgerin von Annette Hess (2024) und Philipp Käßbohrer (2025) ihren Preis mit. Diesmal endgültig.
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