Foto: ARD © ARD
Testversion ist am Sonntag gestartet

ARD-Mediathek ist ein mediales Armutszeugnis

von Thomas Lückerath
12.05.2008 - 10:46 Uhr

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Sie ist da, die ARD-Mediathek - und sie ist ein absolutes Desaster. Die Mediathek zeigt einmal mehr, wie sich die ARD mit ihrem föderalen System selbst blockiert.

Die Erwartungen waren hoch. Immerhin hat die ARD bereits seit Ewigkeiten an ihrer Mediathek gearbeitet. Jetzt wo sie am Sonntag überraschend als "Testversion" gestartet wurde, wünscht man sich, sie hätten noch länger dran gearbeitet - oder es besser erst gar nicht versucht. Die ARD-Mediathek ist unübersichtlich, unpraktisch und inhaltlich leider noch unattraktiv. Von dem inzwischen vielversprechenden Vorzeige-Modell des ZDF ist man weit entfernt. Dabei hätte man aus den Fehlern der Mainzer lernen können - und die Verspätung des Starts zum Beispiel dazu nutzen können, gleich mit einem überzeugenden Content-Angebot zu starten.

Doch statt ganzer Sendungen gibt es häufig nur kurze Beiträge - eine Schnipselparade, wie es sie auch bislang schon auf den einzelnen Websites der Anstalten gab. Vollständig ist aber selbst dieser Teil der Mediathek nicht. Die Verwirrung ist komplett: Dem Nutzer ist nie klar, welche Inhalte er überhaupt erwarten kann - und wie er sie findet, ist ebenfalls eine Wissenschaft für sich. Es ist schon tragisch: Da verfügt die ARD mit ihren Anstalten über einen unglaublichen Programfundus - und kann davon nur so wenig nutzen. Einen Vorwurf den man auch der ZDF-Mediathek machen kann - doch genießen die Mainzer noch den Bonus, wenigstens deutlich eher online gewesen zu sein und inzwischen auch vermehrt z.b. fiktionale Inhalte online zu stellen.

Es ist nicht so, dass sich nicht auch interessante Sendungen finden lassen in der ARD-Mediathek. Doch die Perlen muss man erst finden. Die weder intuitiv noch attraktive Navigation gibt ihr Bestes, das zu verhindern. Die entsprechend des Logos des Senderverbundes in blau-weiß gehaltene Startseite besteht aus den Elementen "Highlights", "Thema des Tages", "Kategorien", "Die neuesten Clips" (wohinter sich sowohl Clips als auch ganze Sendungen verstecken), "Podcast der Woche" und "Das Beste aus...".
 
Foto: Screenshot
 

Doch es wird noch schlimmer: Entscheidet man sich z.B. für die Kategorie Nachrichten, die laut Angabe auf der Website mehr als 12.600 Beiträge enthält, gelangt man zu einer "Übersichtsseite" auf der wie ein Fototeppich ein "Tagesschau"- bzw. "Tagesthemen"-Logo neben dem anderen steht. Bei einem Klick gelangt man zur jeweiligen Sendung. Doch es gibt keinerlei Angaben zu den Themen der einzelnen Sendungen. Keine weitere Suchfunktion. Stattdessen 789 Indexseiten mit solchen monotonen Fototeppichen.
 
Mindestens so kurios: Auch im Bereich Filme & Serien - mit immerhin 975 Einträgen - gibt es abgesehen von einer Tagcloud keine andere Möglichkeit als alle Indexseiten durchzuklicken um den Beitrag bzw. die Folge zu finden, den man sucht. Doch man sucht wahrscheinlich lang, weil sich in dieser Kategorie nicht nur ARD-Serien & -Filme verstecken - nein, auch Fernsehtipps und Kinotipps. Und das gleich von jedem dritten Programm, dass entsprechendes anbietet. Die ARD-Mediathek entlarvt die völlig unsinnige und kostspielige Doppelung von Inhalten in der ARD. Wozu - und das ist nur die Spitze des Eisbergs - z.B. dutzende Kinotipps von jeder einzelnen Anstalt?

Angenommen man hätte noch nicht die Geduld verloren und wider Erwarten doch etwas gefunden, was man sehen wollte, so enttäuscht die ARD-Mediathek auch technisch. Während das ZDF diverse Einstellungsmöglichkeiten in seiner Mediathek anbietet und auch ein (nahezu) Vollbild-Modus selbstverständlich ist, begnügt sich die ARD-Mediathek mit in die Seite eingebetteten Clips. Vergrößern? Fehlanzeige. Während das ZDF mit seinem Angebot durchaus so etwas wie eine neue Darstellungsform im Internet gefunden hat, ist die ARD-Mediathek nicht mehr als eine herkömmliche Website mit Videos, die sich nicht finden lassen und dann auch noch technisch enttäuschen.
 
 
Foto: Screenshot


Übrigens: Nicht nur die übergeordnete ARD-Mediathek ist online. Auch das Hauptprogramm DasErste hat seine Mediathek bekommen. Die ist optisch schon deutlich anders und ansprechender - was aber gleichzeitig bedeutet, dass es keine einheitliche Benutzerführung gibt. Immerhin lassen sich hier aber einzelne Sendungen sehr leicht finden und auch ein Vollbild-Modus wurde spendiert. Neben Video-on-Demand lässt sich hier auch live fernsehen. Zum Beispiel die Nachrichten des Ersten sowie die nachmittäglichen Telenovelas "Rote Rosen" und "Sturm der Liebe".

Darüber hinaus ist das Angebot noch etwas dürftig. So fehlen auch ganze Folgen von "Schmidt & Pocher" - es gibt nur kurze Clips, auch wenn falsche Längenangaben auf der Übersichtsseite erst anderes suggerieren. Dabei wäre das sicher kein schlechter Motor für die Mediathek gewesen. So bleibt die Mediathek des Ersten hinter dem ZDF-Angebot zurück. Optisch und inhaltlich. Aber sie ist wenigstens nicht so furchtbar dilletantisch wie die ARD-Mediathek, die neben technischen Mängeln insbesondere den in manchen Belangen völlig unsinnigen Föderalismus der ARD entlarvt.

Einst als regionale Anstalten mit regionalem Fokus gestartet, war die Doppelung der Programme der "Dritten" schon mit der Verbreitung der dritten Programme über das eigentliche Sendegebiet hinaus offensichtlich geworden. Doch die ARD-Mediathek macht es jetzt so deutlich wie nie zuvor. Und dazu kommt angesichts dieses Angebots - auch wenn es noch eine Testversion ist - die Erkenntnis, dass sich bei so vielen unterschiedlichen Interessen der einzelnen ARD-Anstalten offenbar einfach kein vernünftiges Ergebnis erzielen lässt - dafür ist die unsägliche Mediathek aber nicht der erste Beweis. Fragen Sie nur mal Günther Jauch.

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