Von einem geglückten Experiment war die Rede, als die Premieren-Quoten von "Newtopia" auf dem Tisch lagen. Die neue Realityshow habe den Marktanteil aus dem Stand um 174 Prozent steigern können, jubelte Sat.1 und sprach von einem "durchschlagenden Erfolg". Tatsächlich verlief der Start der neuen Realityshow, die in den Niederlanden für Furore und in den USA für einen großen Flop sorgte, im Sat.1-Vorabendprogramm hervorragend. 2,8 Millionen Zuschauer und ein Marktanteil von 17,0 Prozent in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen waren das beeindruckende Ergebnis. Für einen Moment sah es also so aus, als könnte Sat.1 zumindest einen Teil seines schwächelnden Vorabendprogramms als saniert abhaken.

Doch irgendetwas muss seither gewaltig schiefgelaufen sein, denn nicht nur der Aufbau einer neuen Gesellschaft, um den sich ein Dutzend so genannter Pioniere im brandenburgischen Königs Wusterhausen kümmern sollen, verläuft schleppend. Auch die Sendung selbst bereitet inzwischen Kopfschmerzen: Schon seit drei Wochen ist es "Newtopia" nicht mehr gelungen, die Marke von zwei Millionen Zuschauern zu überspringen. Das schafften von den 27 bislang ausgestrahlten Folgen ohnehin gerade mal sechs. Noch dazu musste das teure Show-Experiment zum Start in die neue Woche mit lediglich 1,5 Millionen Zuschauern einen neuen Tiefstwert hinnehmen. Ob die Talsohle damit erreicht ist, lässt nicht zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.

Seit dem Start haben zwischenzeitlich jedenfalls fast die Hälfte der Zuschauer dem aus der Show-Schmiede von John de Mol stammenden Format den Rücken gekehrt. Glücklich ist damit sicher niemand, auch wenn Sat.1-Unterhaltungschef Taco Ketelaar derzeit noch bemüht ist, den Schaden zu begrenzen. "Quotenschwankungen sind bei einem täglichen Format in den ersten Wochen vollkommen normal", sagt er gegenüber dem Medienmagazin DWDL.de. Richtig ist: Die Quoten schwanken. Richtig ist aber auch: Sie schwanken auf einem derzeit ziemlich unbefriedigendem Niveau und befanden sich vor allem in einem kontinuierlichen Sinkflug - auch wenn es am Dienstag mit einem Marktanteil von 9,3 Prozent immerhin für den besten Wert seit knapp eineinhalb Wochen reichte.

Zuschauer-Trend: Newtopia
Newtopia

Von einem "vollen Erfolg", wie es Senderchef Nicolas Paalzow noch vor zwei Wochen tat, will bei Sat.1 mittlerweile trotzdem niemand mehr sprechen. Kein Wunder, ist der Zuschauer-Trend doch regelrecht besorgniserregend: Von Woche zu Woche sinkt das Interesse - und noch scheint man in Unterföhring kein Rezept gefunden zu haben, um sich aus diesem Abwärtsstrudel zu befreien. "Wir analysieren natürlich die Zuschauerbewegungen sehr genau und arbeiten täglich an den Sendungen", beschwichtigt Taco Ketelaar. "Wenn wir es schaffen, dass sich 'Newtopia' wieder bei einem zweistelligen Marktanteil einpendelt, sind unsere Erwartungen mehr als erfüllt und wir einen sehr guten Schritt weiter, den Sat.1-Vorabend zu stabilisieren." Wenn.

Von den erhofften zweistelligen Marktanteilen, die Sat.1 auch abseits seiner Realityshow anpeilt, ist "Newtopia" inzwischen jedoch ein gutes Stück entfernt. Die vergangenen sieben Folgen verzeichneten allesamt nur noch einstellige Marktanteile. Dass die Sendung besser läuft als die quotenschwachen, aber eben auch deutlich günstigeren Wiederholungen von "Navy CIS", die bis vor wenigen Wochen am Vorabend liefen, ist vermutlich nur ein schwacher Trost. Auch von der Tatsache, dass "Newtopia" anfangs für die besten Quoten am Sat.1-Vorabend seit "Verliebt in Berlin" sorgte, wird man sich wenig kaufen können, sollte es nicht schleunigst gelingen, den Trend der ersten Wochen dauerhaft nicht nur zu stoppen, sondern umzukehren.

Momentan scheint es, als wiederhole sich das, was Sat.1 vor eineinhalb Jahren schon einmal mit der ersten Staffel von "Promi Big Brother" erlebte. Damals wie heute war das Interesse der Zuschauer zunächst groß, doch die Erwartungen konnten offensichtlich nicht in vollem Maße erfüllt werden. Das mag im Fall von "Newtopia" auch daran liegen, dass die Aufbereitung der Ereignisse anders daherkommt als Reality-erprobte Zuschauer das in den vergangenen Jahren vom Großen Bruder gewohnt waren. Vor allem die erstaunlich große Spanne zwischen Aufzeichnung und Ausstrahlung stieß vielen sauer auf, wie zahlreiche kritische Posts in den sozialen Netzwerken zeigten.

"Wir sind gerade dabei, den Zeitversatz deutlich zu verkürzen."
Taco Ketelaar, Sat.1-Unterhaltungschef

Die Macher des Formats haben diesen Aspekt offenbar gehörig unterschätzt. Seit Sat.1 einen zweiten Facebook-Account gestartet hat, der sich als eine Art "Spoiler"-Seite versteht und ausschließlich an den Ereignissen vom Tage orientiert, hat sich die Kritik etwas gelegt. "Es ist ein großer Unterschied, ob Sie täglich eine Tageszusammenfassung ähnlich wie bei 'Big Brother' produzieren oder aber - wie bei 'Newtopia' - eine tägliche Soap, in der es keine Vorgaben und auch keine festen Tagesabläufe gibt", erklärt Ketelaar und verspricht Besserung. "Wir sind gerade dabei, den Zeitversatz deutlich zu verkürzen."

"Sehr zufrieden" zeigt sich der Sat.1-Unterhaltungschef mit Blick auf die Kandidaten. "Wir haben in der Vorbereitung vor allem bei der Auswahl der Pioniere wirklich ganze Arbeit geleistet", klopft sich Taco Ketelaar auf die Schulter. Aus den Erfahrungen der ersten Wochen habe man gelernt, die Zuschauer jeden Tag aufs Neue auf eine Reise mitnehmen zu müssen. "Was ist passiert, welche Fortschritte gibt es? Das können wir gar nicht oft genug wiederholen", sagt er. "Und natürlich erzählen wir auch viele emotionale Geschichten rund um die Pioniere, aber die Vision von einer neuen Gesellschaft wird wieder mehr Raum einnehmen." Gut möglich, dass diese Erkenntnisse zu spät reiften.

Die Chance, den Vorabend deutlich zu beflügeln, hat Sat.1 zumindest erst mal nicht nutzen können. Vielen ist die Lust auf eine neue Gesellschaft schneller vergangen als es den Verantwortlichen von Sender und Produktionsfirma lieb sein dürfte. Nur John de Mol hat gut Lachen. Der verkaufte seine Schmiede Talpa Media drei Wochen nach dem Deutschland-Start von "Newtopia" an ITV Studios für 500 Millionen Euro. Damals waren die Marktanteile übrigens noch zweistellig.

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