Stell dir vor, du bist Popstar – und niemanden interessiert's. So dürfte es mehreren jungen Frauen gehen, die RTL II an diesem Wochenende zu den Gewinnerinnen seiner Castingshow bestimmt. Dass das Finale der elften Staffel noch vor den "RTL II News" über die Bühne geht, zeigt, dass etwas gehörig schiefgegangen sein muss bei der Neuauflage von "Popstars". "Popstars", das ist jene Castingshow, mit der RTL II hierzulande bereits Erfolge feierte, als Dieter Bohlen noch einmal nicht damit begonnen hatte, das Genre mit seinen hämischen Kommentaren über mehr als ein Jahrzehnt hinweg zu prägen.

Einige Jahre lang konnten beide Formate gut nebeneinander existieren: Zwar gelang es "Popstars" nie, in die Quotensphären der "Superstar"-Suche vorzudringen. Und doch war die Show zunächst für RTL II und ab der dritten Staffel dann über mehrere Jahre hinweg für ProSieben ein ziemlich verlässlicher Quotenbringer, auch wenn der Wettbewerb nach den No Angels und Bro'Sis keine nennenswerten Siegerbands mehr hervorbringen konnte. Schlagzeilen machte "Popstars" vor allem, weil es laut und extrovertiert daherkam, gerne auch ein Stück weit trashig.

Dass man das Format bis heute mit diesen Attributen assoziiert, liegt nicht zuletzt am früheren Personal – und allen voran an Schreihals Deltef D! Soost, der dem Sänger-Nachwuchs über Jahre hinweg Feuer unterm Hintern machte. Was Bohlen für "DSDS" ist, war Soost für "Popstars". So gesehen gingen RTL II und die Produktionsfirma Brainpool volles Risiko, als sie sich in diesem Jahr an eine Neuauflage wagten. Besonders riskant war es, "Popstars" von all dem Schrillen zu befreien, für das die Castingshow rund zehn Jahre lang stand. Wo Soost einst die Kandidaten drillte, warfen die neuen Jurorinnen um Stefanie Heinzmann plötzlich mit Wattebällen.

Auf ein "Popstars" dieser Art hat offensichtlich niemand gewartet, wie die massiv gesunkenen Quoten nach der ohnehin schon recht mäßigen Premiere eindrucksvoll vor Augen führten. Zwei Wochen vor dem Finale hatten gerade mal noch 130.000 Zuschauer eingeschaltet. "Flops gehören ebenso zum TV-Geschäft wie Erfolge", sagt Martin Blickhan, Leiter der Programmkommunikation bei RTL II, rückblickend im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de. "Leider hat die Neuauflage von 'Popstars' ihr Publikum nicht erreicht. Mögliche Gründe dafür analysieren wir gerade." Viel mehr möchte der Sender momentan nicht sagen zu seiner wohl bittersten Quoten-Enttäuschung der letzten Zeit.

Zuschauer-Trend: Popstars

Popstars

Einer der Knackpunkte könnte tatsächlich in der veränderten Ausrichtung von "Popstars" liegen. So dürfte mancher Fan früherer Jahre enttäuscht darüber gewesen sein, wie zahm die einst so laute Show plötzlich daherkam. Während die genaue Fehlersuchte noch aussteht, kann schon jetzt mit ziemlicher Sicherheit gesagt werden, dass RTL II nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen die Lust am Casting erst mal abhanden gekommen sein wird. Nicht aber an der Musik, wie Martin Blickhan betont. Immerhin hätten Dokus wie jene über Boney M. und Girlgroups gezeigt, dass das Genre Musik bei RTL II funktioniere. "Aber nicht nur in diesem Genre bleiben wir experimentierfreudig", verspricht er.

Die Häme der Konkurrenz dürfte sich indes in Grenzen halten, was nicht nur daran liegt, dass "Popstars" sehr ordentlich produziert war. Vor allem aber stellten auch die großen Sender mit "Rising Star" und "Die Band" eindrucksvoll unter Beweis, wie schwer es geworden ist, dem Publikum den alten Casting-Wein in mehr oder weniger neuen Schläuchen zu servieren. Wie es mit den Siegerinnen der "Popstars"-Staffel weitergehen wird, steht übrigens noch in den Sternen. Die Quoten legen jedoch nahe, dass sie nach dem Finale wieder bei Null anfangen müssen. Den Titel "Popstars" sollten sie also besser erst mal aus den Köpfen streichen.