Dreharbeiten am Bahnhof © Picturepest / Flickr (CC BY 2.0)
Über die Suche nach den richtigen Kulissen

Locationscouts: Wo ist die Stasi, wenn man sie mal braucht?

von Andre Gärisch
23.03.2016 - 11:25 Uhr

Tools

Social Networks

 

Zuerst waren sie die rechte Hand der Werbewirtschaft. Aber auch im Film- und Fernsehgeschäft sind Locationscouts längst unverzichtbar. Knapp 100 davon gibt es in Deutschland. Einblicke in einen ziemlich ungewöhnlichen Beruf...

Wohin soll das Set für die Romanverfilmung reisen? In die schottischen Highlands, die mit saftigem Gras, beindruckenden Granitfelsen und unendlichen Weiten ein leidenschaftlich-romantisches Umfeld bieten? Oder reicht ein Trip in die Lüneburger Heide, mit ihren netten Rapsfeldern und der beschaulichen Flora und Fauna, um dem Zuschauer die nötige Portion Gefühl zu vermitteln? An welchem Ort sollen die finalen Szenen des Psychothrillers gedreht werden? In einer stillgelegten polnischen Eisenfabrik, die mit rostigen Regalen und eingestaubten Lampen aufwartet oder in einem Berliner Kellerclub, dessen Wände mit Totenköpfen und Skeletten bemalt sind?

Die Antworten kennt der Locationscout. Er ist Herr über Drehorte, bestimmt, welche Wohnungen, Plätze oder Straßen einer bestimmten Szene die richtige Stimmung verleihen. Als wesentliches Rädchen im Produktionsgefüge setzt er die Arbeit des Szenenbildners in Gang, hört sich dabei die Wünsche des Regisseurs und Produzenten an. Alessandro Nasini, Geschäftsführer von Wellenreiter TV, beschreibt dessen Bedeutung näher: "Locationscouts brauchen wir dann, wenn es um spezielle Inszenierungen in oder vor besonderer Kulisse geht. Zum Beispiel bei einer Back-Show, die ganz spezielle Anforderungen hat und die Erfahrung eines guten Scouts die Recherche beschleunigt. Ein guter Locationscout weiß, wo ich eine Küche finde, die eine bestimmte Anzahl an Backöfen und Küchenspülen hat. Er findet eine Küche, die die richtige Größe hat, mit dem richtigen Look."

Die Berufsbezeichnung "Locationscout" ist nicht geschützt. Ebenso wenig führt eine spezielle Ausbildung zum Job, der bis zu 500 Euro Honorar pro Tag einbringt. In der Branche tummeln sich Persönlichkeiten mit unterschiedlichstem Background – Journalisten, bildende Künstler, Drehbuchautoren oder Theatermitarbeiter. Ihren Ursprung hat die Tätigkeit in der Werbebranche – denn seit jeher sind Unternehmen bestrebt, ihre Marken in bestem Licht darzustellen und bestimmte Stimmungen zu erzeugen. Anfang des vergangenen Jahrzehnts hat sie sich dann in der deutschen Film- und Fernsehbranche etabliert. 

Roland Gerhardt ist einer der knapp 100 Locationscouts, die es in Deutschland gibt. Der Berliner arbeitete früher beim Radio und als Werber, ehe er sich 1999 dafür entschied, beruflich Lagerhallen und Ruinen zu erspähen: "Kenntnisse für diesen Job kann man sich nur über Praxiserfahrung aneignen. Ich persönlich bin seit 1991, als ich zum ersten Mal Set-Runner bei einer Produktion war, mit der Branche verbunden. Man muss einfach begreifen, wie 'Film' funktioniert und sich für alle Produktionsaspekte interessieren." Unabdingbar sind Fähigkeiten als Fotograf: "Das ist entscheidend, denn der Regisseur kriegt die Motive zuerst nur als Fotos zu sehen. Wenn die nichts taugen, wird der jeweilige Ort nicht besichtigt, auch wenn er eigentlich schön ist. " Kommunikationsfähigkeit, Kenntnisse in Architektur und Kunstgeschichte sowie ein Netzwerk, bestehend aus ortskundigen Menschen, Förstern, Denkmalpflegern oder Immobilienmaklern, runden das Stellenprofil ab.

Die Arbeit von Gerhardt beginnt mit dem Erhalt des Drehbuchs: "Das lese ich. Danach gibt es eine Gesprächsphase mit den Vertretern der Produktionsfirma, dem Regisseur und dem Szenenbildner, um zu erschließen, in welcher Welt man sich bewegt. Anschließend steige ich in die ersten Motive ein, indem ich aus dem Archiv Vorschläge zusammensuche, meinen Ansprechpartnern zeige und Feedback erhalte. Man nähert sich dann systematisch dem Idealbild an." Im Archiv des Hauptstädters finden sich Zehntausende von Aufnahmen – von einfachen Wohnungen über pompöse Villen bis hin zu Gefängnissen und schmuddeligen Rotlichtbars. Ist nichts dabei, begibt er sich auf die Suche, mustert leerstehende Wohnungen, durchstreift Waldgebiete oder trifft sich mit Großgrundbesitzern. Dann folgt der letzte Schritt: die gemeinsame Besichtigung.

Am anspruchsvollsten seien laut Gerhardt historische Filme: "Je weiter Filme in die Vergangenheit zurückreichen, desto schwieriger gestaltet sich die Suche nach zusammenhängenden Motivkomplexen. Man braucht dann sehr viel Fantasie. Oft macht es Sinn, in Ebenen zu denken – Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund –, denn durch den Einsatz von Visual Effects besteht die Möglichkeit, diese verschiedenen Bausteine zu verbinden." Für das Mittelalterepos "Der Medicus" sollte er einzig "ein kleines Dorf vor großem Gebirge" finden; der Rest wurde am Computer hinzugefügt. Eine andere historische Produktion macht den 50-Jährigen besonders stolz: "Weissensee". Für die von Ziegler Film für die ARD produzierte Serie, die das Schicksal der Familien Hausmann und Kupfer im Ost-Berlin der 1980er Jahre schildert, gab Gerhardt DDR-Wohnungen und Stasizentrale ein angemessenes Gewand.

Apropos Berlin: Die Stadt ist für Locationscouts – allein die Hälfte aller Drehort-Spezialisten arbeitet hier – ein wahres Schlaraffenland. Von internationalen Produzenten wird die Metropole aufgrund ihrer Vielseitigkeit gerne genutzt. Zeughaus und Neue Wache dienten als Kulisse für das historische Paris. Tom Tykwer machte das Sony Center am Potsdamer Platz für seinen Thriller "The International" zu einem Brüsseler Bankgebäude. Der Neubau des Berliner Tierheims verkörpert im Film "Aeon Flux" eine futuristische Regierungszentrale. Ein echter Evergreen unter den Berliner Spots ist die Schönhauser Allee. Um sie herum wurden Streifen wie "Oh Boy", "Das Leben ist eine Baustelle" oder "Ecke Schönhauser" gedreht. Oft sind es Geschichten über Außenseiter und Zweifler, die dieser Straßenzug markiert.

Geht man nach Roland Gerhardt, so ist die Zukunft des Locationscouts nicht gefährdet: "Mit dem Aufkommen von Visual Effects hatten einige Kollegen Angst, unwichtig zu werden. In Wirklichkeit erhalten wir aber mehr Aufträge, weil das, was am Computer zusammengebaut wird, irgendwo auch aufgenommen werden muss. Etwas auf dem PC aus dem Nichts herzustellen, ist weitaus aufwendiger." Er erkennt außerdem, dass bei der Unmenge an Content, die für verschiedene Medien produziert werden soll, attraktiv-einzigartige Motive immer gefragt sind. So wird er sich auch in den nächsten Jahren auf die Suche nach magischen Drehorten machen – sollte ihn die dafür nötige Fantasie nicht verlassen.

Kommentare zum Artikel

DWDL.de-Reihen

Montags: Aktuelles aus dem Milliardengeschäft Sport - präsentiert von Eurosport zum Sports-Update Dienstags: Neues aus der Welt der Vermarkter und Agenturen - präsentiert von RTL II zum Media-Update Mittwochs: Die News der Woche aus dem Vereinigten Königreich - präsentiert von Sony zum UK-Update Donnerstags: Die aktuellen Radio-Meldungen präsentiert von der WDR mediagroup. zum Radio-Update Freitags: Die wichtigsten TV-Meldungen aus den Vereinigten Staaten zum US-Update Samstags: Ulrike Klode schreibt, was sie in ihrer Serienwoche bewegt hat zu Meine Woche in Serie Sonntags: Fernsehkritiker Hans Hoff über Aufreger und Programmperlen zum Hoff zum Sonntag

DWDL.de Newsletter

Mit den Newslettern der DWDL.de-Redaktion sind Sie werktäglich bestens informiert. Für die Rundum-Versorgung abonnieren Sie einfach alle Angebote oder wählen den für Sie passenden Newsletter...
Name:
E-Mail:

Ich möchte die folgenden Newsletter erhalten: