Witzepolizei © Miguel Robitzky
Ich hab Witzepolizei!

Alles nur geklaut? Von originellen und originalen Gags

von Miguel Robitzky
29.03.2016 - 16:45 Uhr

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Social Networks

 

Das war alles schon mal da. Das ist alles gar nicht neu. Bevor im deutschen Fernsehen gelacht werden darf, kommt erst einmal die Witzepolizei. Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit bei Comedy. Miguel Robitzky über Vorbilder und Inspirationen.

Es gibt ja vieles, was einem im Internet gehörig auf den Geist gehen kann. Gesponserte Werbung für das neue Klubbb3-Album oder Lukas Podolskis Snaps, auf denen man nichts sieht außer überfüllte Fleischtheken, gehören ja schon zu den angenehmeren Dingen, auf die man im Netz stößt. Spiegel-Online-Kommentare, „Däumchen wär ein Träumchen“, jeder fucking Tweet von Markus Söder. Die Liste ist länger als das Gesicht von Enissa Amani, wenn sie die Quoten des Vortages bekommt. Doch seit einiger Zeit schon ist meine absolute Nummer eins auf der Top-Skala der unausstehlichsten Dinge im Internet: Die Witzepolizei!

Dein netter Freund und Helfer bestehend aus der Twitter-Elite Deutschlands, die mit aus dem Yps-Heft erlernten Detektiv-Skills vor dem Fernsehgerät sitzen, jede lustige Show gründlichst untersuchen und in Kalle-Blomquist-Manier peinlich genau aufpassen, dass darin auch ja niemand eine Silbe hustet, die der heilige Sankt Jimmy Fallon schonmal in den Mund genommen haben könnte.

„Oh! Segment von Graham Norton komplett geklaut. Innovativ. #StudioAmani“, „Gab es bis jetzt irgendein Content, den Böhmermann nicht aus amerikanischen Late-Night Formaten geklaut hat? Peinlich der Typ“ oder „Bei der #heuteshow ist alles nur geklaut“ werden einem schneller in die Timeline gespült als die Prinzen ein „Eo Eo“ erwidern kann.

Die Favoritenherzen purzeln nur so ins Haus, das eigene Ego schwillt auf Gottschalk-Größe an, was war das wieder für ein erfolgreicher Fernsehabend! Selbst wenn man versucht, sich diese Tweets mit Käse überbacken vorzustellen, bleiben sie ähnlich nervig wie Ross Antony nach fünf Dosen Red Bull Cola. Es scheint ein neuer Nationalsport zu sein, jeden Nebensatz eines Witzes zu prüfen und wenn der Gag-Emergency-Alert rot aufleuchtet, möglichst unter den ersten fünfzig zu sein, dem der dreiste Diebstahl aufgefallen ist. #Erster

Soweit ist es ignorierbar. Wir alle haben uns - genau wie an Zac Efron als ernsthaften Schauspieler - an Vollidioten im Netz gewöhnt. Man könnte problemlos darüber hinwegsehen, wenn sich unter der anonymen Nörgelmasse nicht auch schon ein paar prominente Unterstützer dieser wunderbaren Bewegung gefunden hätten. So zum Beispiel Content-Cop Luke Mockridge. Als Klaas Heufer-Umlauf Anfang Februar in einem Einspieler eins zu eins ins Englische übersetzte deutsche Comedyprogramme in London aufführte, beschwerte Mockridge sich in einem Kommentar auf der offiziellen Facebook-Seite der Show: „ich fand die Nummer besonders vor 2 Jahren lustig als ich deutsche Comedy Texte für TV Total in New York im Comedy Club getestet habe :-)“.

Luke Mockridge Kommentar
© Screenshot

Darauf gab es 60 Likes, ehe der Kommentar mit dem abgetippten Doppelpunkt- Minus-Klammer-Zu-Smiley wieder gelöscht wurde. Shitstorm vorzeitig abgebrochen. Zurück blieb nur das transportierte Gefühl von Ungelassenheit des „Beklauten“ mit dem ungelenken Umgang der Situation und das fehlende Durchhaltevermögen solch ein Kommentar dann auch selbstbewusst stehen zu lassen, selbst wenn es weniger Resonanz bekommen hat als ein Foto der nackten Käsemauken meiner Nachbarin am Strand von Mallorca und - ganz nebenbei bemerkt - am Satzanfang mit einem kleinen Buchstaben begonnen wurde. Aber kein Problem, Luke, du bist ja nicht der Einzige.

Ein weiteres Beispiel ist Gag-Oberhauptkommissar Otto Waalkes: Den Älteren bekannt als glorreiche deutsche Humorlegende, den Jüngeren als glühender Y-Titty-Fan. Nachdem Anfang März der Account von „MDR Info“ einen wenig beachteten Tweet veröffentlichte in dem sie den aktuellen „Neomagazin Royale“-Hashtag der Woche #breakingbeck thematisierten, wurde eine Antwort von Waalkes Account veröffentlicht in der wörtlich zu lesen war: „Moin, @MDRINFO, der Hashtag st nicht von @janboehm, sondern von Redakteur @DanielLaufer. Gern geschehen!“.

Otto Waalkes Kommentar
© Screenshot

Diese Worte werfen Fragen auf: Wo hat sich das verdammte „i“ versteckt beim Wort „st“? Folgt auf das „st“ noch der Aufprallfaktor „Bums“? Hat Otto Waalkes eigentlich nichts Besseres zu tun als zu checken, welche Fernsehnase Gags aus dem Internet abgeschrieben hat? Weshalb zur Hölle ist die erste Anlaufstelle bei Gag-Beschwerden eigentlich der MDR, ein Sender dessen Kinderquiz „Quickie“ heißt? Warum wurde auch dieser Tweet nach einiger Zeit wieder gelöscht? Wer ist überhaupt Daniel Laufer? Und was zur Hölle sagt Freshtorge zu dem Ganzen?

Versteht mich nicht falsch. Auch ich habe als Kind die Otto-Shows studiert. Einer meiner Lieblingsnummern war „Häppy Bänjo“ auf dem 1979 veröffentlichten Album „Der ostfriesische Götterbote“. Da spielt Otto gut gelaunt auf einem Banjo und erzählt, dass man auf diesem Instrument einfach keine traurigen Lieder spielen könne. Wenn man dies täte würde sich das folgendermaßen anhören - und er beginnt fröhlich zu trällern: „Oh! Mord und Entsetzen! Oh! Trauer und Totschlag!“. Lachen, Applaus, Euphorie. Sehr guter Witz...

Gott sei dank gab es 1979 noch keinen MDR-Info-Twitteraccount. Sonst hätten damals sicher Leute spitzzüngig in die Tastatur gehauen, dass auf dem zwei Jahre zuvor erschienen amerikanischen Comedy-Album „Let’s Get Small“ von Steve Martin exakt die gleiche Nummer zu finden ist. Zitat: „You can’t sing a depressing song while playing the banjo. You just can go: Oh! Death and grief and sorrow and murder!“. Das ist nur ein Beispiel und fand auf der Höhe von Ottos Karriere statt und nicht zu seinen Anfängen, bei den er ja bekanntermaßen sowieso mit übersetzten Woody-Allen-Sketchen Bühnenerfahrung sammelte. Gern geschehen!

Liebe Witzepolizei, die Wahrheit ist: Übersetzt, inspiriert, wiederverwertet, neu gemixt, verwurstet und zu neuen Ideen zusammengewürfelt wurde in der Comedy eigentlich schon immer, genau wie in der Musik gesampelt wird. Nur dass man es in internetlosen Zeiten - genau wie die Saufpartys von David Hasselhoff - ganz einfach nicht mitbekommen hat.

Wenn Sie also das nächste Mal posten, dass wieder irgendein unkreativer Pointen-Schnorrer eine Idee von „TV Total“ übernommen haben soll, dann denken Sie daran, dass Stefan Raab von Anfang an seine Attitüde von Ray Cokes abgekupfert hat; dass er 2001 gegen eine Frau boxte, wie Andy Kaufmann in den 70ern, er den ESC mit Lena-Doubles eröffnete, wie Eminem die MTV Music Awards; er in der „Harald Schmidt Show“ 1996 immer zu wieder vom Stuhl fiel exakt so wie Terry Gilliam 1982 und er zuletzt in seiner großen Abschiedswoche ein Bülent-Ceylan-Double von seiner Show-Treppe stolpern ließ, genau wie es Katie Couric es acht Monate zuvor bei James Corden gemacht hatte.

Und bevor Sie das nächste mal aufschreien, weil ein Showelement nach Harald Schmidt riecht, dann vergessen Sie nicht, dass dieser 90% seiner Karriere im nachgebauten Letterman-Studio moderierte, er seine Bluebox-Schreibtischfahrten auch erst nach Conan O’Brien gemacht hat und generell das einzige, was er nicht aus amerikanischen Late-Night-Shows übernommen hat, David Lettermans Zahnlücke ist.

Man könnte ewig weiter machen: Von Böhmermann zu Schmidt, von Schmidt zu Letterman, von Letterman zu Jonny Carson, von Jonny Carson zu Bob Hope, bis man irgendwann bei Charlie Chaplin ankommt und merkt: Selbst der hat bei Adolf Hitler abgeschaut. Ja, richtig gehört, liebe Jimmy-Fimmel-Ultras: Auch die großen amerikanischen Vorbilder erfinden das Rad nicht neu. Jimmy Fallons „Emotional Interview“ ist zum Beispiel eine Rubrik, die tatsächlich vorher so zuerst in Deutschland stattgefunden hat. Hier bekannt als „Unnötig abwechslungsreiches Interview“ aus „Circus HalliGalli“.

Vielleicht überschneiden sich diese Ideen zufällig. Vielleicht sind sie abgekupfert. In jedem Fall ist es unnötig, es ohne Rücksicht auf Groß- und Kleinschreibung mit seinen Zweit- und Dritt-Twitteraccounts in die Weite des Internets zu pusten und sich dabei höchst investigativ zu fühlen. Am Ende hat jeder eine Inspirationsquelle, nimmt sich von überall und wendet es auf seine Themen an. Daraus entsteht dann etwas Neues, denn nur so gibt es eine Evolution, solange es nicht einfach wörtlich übersetzt ist. Es sind nur Gags und höchstwahrscheinlich war jeder schonmal da. Wow, was für ein großartiger letzter Satz! Hoffentlich merkt die Witzepolizei nicht, dass ich ihn von @rock_galore geklaut habe.

Offenlegung: Miguel Robitzky, freier Karikaturist und Autor beim Medienmagazin DWDL.de, macht derzeit ein Praktikum bei Florida TV, Produzent von u.a. "Circus Halligalli".

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