Die vierte Gewalt © NDR/Marc Meyerbröker
Journalisten als Filmfiguren

Die zynische Gewalt: Wie das Fernsehen Journalisten sieht

von Jan Freitag
30.11.2016 - 10:00 Uhr

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Nach "Tödliche Geheimnisse" macht die ARD am Mittwoch mit "Die vierte Gewalt" zum zweiten Mal im November Reporter zu Filmfiguren, die weder Bluthunde noch Opportunisten, sondern einfach nur wahrheitsliebend sind. Ein Blick in die Klischeekiste.

Wie sich Film und Fernsehen rasende Reporter von heute vorstellen, Journalisten auf der Jagd nach heißen Storys also, stets im Einsatz, immer am Ball, Rastlose der hektischen Mediengesellschaft, das Gute, Wahre, Richtige im Visier? Ungefähr so: Anfang 40, volles Haar, fusseliger Kinnbart, hohe Stirn, zielstrebiger Blick und mit Namen idealerweise – Benno Fürmann.

Bereits 2013 verkörperte das Stamminventar zeitgenössischer Unterhaltung mit Wirklichkeitsanspruch den realen BR-Redakteur Ulrich Chaussy bei der politisch blockierten Aufklärung des Oktoberfestattentats und machte seine Sache so gut, dass es Lob förmlich hagelte. Drei Jahre später nun spielt der Berliner erneut einen Berichterstatter auf großer Skandalspur. Im ARD-Film namens „Die vierte Gewalt“ verkörpert er eben die allerdings als unterbezahlter Freelancer, dem ein Scoop über den Amtsmissbrauch einer Ministerin die nötige Festanstellung beim Online-Portal „Die Republik“ bringen soll.

Gut, manchmal hetzt dieser Jan Schulte etwas melodramatisch durch die kühle Redaktion in anthrazit-weißem Design; aber insgesamt ist das ein recht authentischer Journalist, der sich damit in guter Gesellschaft von Rommy Kirchhoff befindet. So hieß 25 Tage zuvor die Hauptfigur eines Films mit dem denkbar dämlichen Titel „Tödliche Geheimnisse“. Dargestellt von Nina Kunzendorf spürt sie im Auftrag eines großen Magazins üble Machenschaften im TTIP-Dunstkreis auf und stößt, klaro, in ein Wespennest. Beide Beispiele erwecken den Anschein, das journalistisch geprägte Fach des Sozialdramas würde Reporter als Protagonisten generell wirklichkeitsgetreu darstellen.

Pustekuchen.

Denn schon die Antagonistin – Jördis Triebel als Jan Schultes selbstsüchtige Kollegin und Anke Engelke als opportunistische Chefin von Rommy Kirchhoff – erfüllen reihenweise Klischees, die das Genre durchziehen. Fiktional sind Reporter demnach häufig verschlagen oder anderweitig windig, wahlweise hyperaktiv oder stinkend faul, tendenziell desillusioniert, meist unfähig, gern korrupt, insgesamt also das, was die Krakeeler von Pegida bis Trump Lügenpresse schimpfen. Siegfried Weischenberg wählt dafür einen lyrischen Begriff: „Ritter von der traurigen Gestalt.“

Aus Sicht des Medienwissenschaftlers beauftragt die Öffentlichkeit ihre Presse zwar als „Reparaturbetrieb“, der alle Mängel am soziokulturellen Motor beheben soll. Weil sie ihnen aber zusehends weniger über den Weg traut als Gebrauchtwagenhändlern, setzt es real dauernd Medienschelte und fiktional Überzeichnung. Kein Wunder, dass „Lou Grant“ bereits 1977 Lokalchef einer publizistischen Legebatterie in L.A. war, die vorwiegend von ketterauchenden Cholerikern bevölkert war. Leuten also wie Jonah Jamesen vom „Daily Bugle“, der erst im Comic, später auf Leinwand mit debilem Boulevardgezeter über Spiderman herzog.

Daneben gibt es Exzentriker, Workoholics und Soziopathen, die Filterkaffee in sich hineinschütten und mal am Flächenbrand interessiert sind, mal am Feierabend, aber selten an Fakten. In der Realität sieht das natürlich etwas anders aus. Redakteure sind da vielfach Bürohengste zwischen Onlinerecherche und Telefoninterview – also näher an Hape Kerkelings Horst Schlämmer vom „Grevenbroicher Tagblatt“ als am Schickeria-Dompteur Baby Schimmerlos, der 1985 in „Kir Royal“ badete.

Zwischen diesen zwei Extremen kennt der un-, über-, aber selten korrekt eingeschätzte Beruf eigentlich nur moralisch integere Spürnasen wie „Die Unbestechlichen“ auf der Jagd nach den Watergate-Verschwörern oder zuletzt „die unbestechliche Reporterin Annika Bengtzon“, mit der die ARD vor drei Jahren die schwedische Polizei in Reihe verklärte. Lichtgestalten wie diese haben stets in Zeiten des Umbruchs Konjunktur, wenn sich das Gemeinwesen seiner Selbstheilungskräfte versichern möchte: Anfang der Neunziger etwa, als das Westfernsehen dem neuen Ostpublikum einen Crashkurs in Sachen Mediengesellschaft verpasste.

Als „Gerichtsreporterin“ wollte Gerrit Kling im Ersten bloß Gerechtigkeit. Thekla Carola Wiedt tat es ihr mit Namen Anna Marx in einer seriösen Bonner Zeitung gleich. Andere Wahrheitskämpferinnen hießen Sylvia Brant oder Emile Rousseau und entfachten Feuer publizistischer Aufklärung, das auch die türkischstämmige Renan Demirkan als Azad Cedik ins Revolverblatt der pressekritischen WDR-Serie „Reporter“ spülte. Mehr als ein Dutzend solcher Serien lief seinerzeit an, es war die Blütezeit journalistischen – und kaum grundlos sehr weiblichen – Verantwortungsdenkens am Bildschirm. Eine kurze, wohlgemerkt.

Danach regierte wieder der Typ Kent Brockman: ein selbstherrlicher Whitehead im Land der „Simpsons“ – quotengeil, korrupt, biegsam. Und lästig wie jener Schmierfink, der unlängst bei einem Fall von Lebensmittelvergiftung in der „Lindenstraße“ auftrat wie ein Erbschleicher auf der Beerdigung. Auch solche Kunstfiguren sind schuld, wenn Reporter fiktiv wie real als Bluthunde diffamiert werden, die für eine Story über Leichen gehen oder schlimmer: links liegen lassen, weil sie das System zu Zynikern macht.

So einen wärmte die ARD-Serie „Zwischen den Zeilen“ auf. Während der einzige Redakteur eines Aachener Lokalblatts ständig Pornos glotzt, ersäuft sein Chef alles Selbstmitleid in Wodka, statt von der Wahrheit zu künden. So also stellte sich das Erste die 4. Gewalt einer Großstadt 2013 vor: Eine Tippse, zwei Schreiber, viel zu glucksen, nix zu tun. Wie tröstlich, dass sich mit Rommy Kirchhoff und Jan Schulte nun mal wieder die Tatsache ins Entertainment schleicht. Allerdings nur kurz – das Fernsehen liebt seine Vorurteile.

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