BigFM-Aktion bei Bundesvision Song Contest © ProSieben
DWDL.de-Kommentar

Billiger Busengrapscher: Inszeniert für Radio-MA

von Thomas Lückerath
15.02.2009 - 13:57 Uhr

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Der Busengrapscher bei Stefan Raabs "Bundesvision Song Contest" ist ein Armutszeugnis für das deutsche Radio, dessen wirtschaftliche Grundlage nicht auf der Qualität oder wenigstens der Reichweite des Programms liegt. Kein anderes Medium ist so verzweifelt auf PR-wirksame Aktionen angewiesen. Ein Kommentar...

Foto: PhotocaseEs gibt in der deutschen Medien-Landschaft keine effektivere Möglichkeit seine Media-Budgets zu verbrennen als seine Werbung im Radio zu schalten. Diese Worte will kein Radiomacher hören und doch weiß er ganz genau, dass diese Aussage stimmt, da eine glaubwürdige Reichweitenmessung fehlt. Die zweimal im Jahr veröffentlichten Reichweiten der Radiosender sind die Mühen ihrer zweifelhaften Erhebung nicht wert. Die Werte der Radio-Marktanalyse (Radio-MA) sind stets veraltet und von den Radiosendern quer durch die Republik selbst bewusst manipuliert. Auch hier würde niemand widersprechen. Dieser Konsens über die Trickserei für gute Werte bei den Radio-MAs macht beinahe Angst: Eine ganze Branche betrügt ihre Werbekunden und sich selbst mit Ansage und Anlauf.

Dieser Trickserei ist bei der aktuellen Methode der Radio-MA Tür und Tor geöffnet: Erhoben werden die Reichweiten-Daten vier mal im Jahr per telefonischer Umfrage. Da wird dann zum Beispiel gefragt "Kennen Sie den Sender XY?" oder auch konkreter ob man diesen gewissen Sender schon mal, in den letzten sieben Tagen oder vielleicht sogar gestern erst gehört habe. Mit anderen Worten: Die angerufenen Personen antworten aus der Erinnerung heraus. Und da lässt sich ja nachhelfen: Spektakuläre Gewinnspiele sollen in schöner Regelmäßigkeit passend zu den Erhebungszeiträumen der Radio-MA helfen, die Bekanntheit der Sender zu erhöhen, damit man sich an sie erinnert. Wenn Gewinnspiele nicht mehr reichen, kann man auch noch einen Schritt weiter gehen. So wie BigFM am Freitag beim "Bundesvision Song Contest" auf ProSieben.
 

 
Stefan Raabs jährlicher Musikwettstreit kommt für die Radiosender der Nation sehr gelegen: Er findet mitten in einem der Erhebungszeiträume der Radio-MA statt. Bei der Punktevergabe aus den 16 Bundesländern nutzt so jeder Radio-Partner die wenigen TV-Minuten für ein bisschen Werbung. So auch in diesem Jahr. Das Ergebnis: Mal war die Werbung recht dezent, mal die Sprüche mehr als peinlich. Den Vogel abgeschossen hat aber BigFM bei der Schalte nach Baden-Württemberg. Dort sollten die Moderatorn Hans Blomberg und Suzanka Bersin die Punkte aus dem Ländle vergeben. Zuvor gab es jedoch eine perfekt inszenierten Skandal - extra für die Radio-MA: Da grapscht Herr Blomberg an den Busen der Kollegin, die ihn daraufhin gleich ohrfeigt. Fertig ist das Skandälchen.

BigFM-Aktion bei Bundesvision Song ContestIm Internet kursiert das Video dieser Szene bereits auf diversen Videoportalen und auch die "Bild am Sonntag" sowie einige andere Boulevard-Blätter haben sich aufmerksamkeitsstark des Themas angenommen. BigFM-Geschäftsführer Karsten Kröger sagte gegenüber "Bild am Sonntag" zur Grapsch-Attacke von Herrn Blomberg: "Was er sich geleistet hat, schießt übers Ziel hinaus." Aber sicher. Seinen Job soll Blomberg allerdings nicht verlieren. Was für eine Überraschung - sorgte er doch für kostengünstige Werbung. Und solange auch noch bei jedem gedruckten bzw. veröffentlichen Screenshot der Grapscher-Szene völlig zufällig mehrere BigFM-Fähnchen im Bild zu sehen sind, wird sich BigFM-Chef Kröger die Hände reiben, wenn er nicht gerade mal für die Presse wieder so tun muss, als sei er höchst empört.

Dieses Schmieren-Theater ist peinlich für die Radio-Branche - und schlecht für den Radiohörer. Solange sich die Reichweiten-Messung im Radio allein auf die Erinnerung der befragten Zuhörer stützt, wird man weiter unsägliche Promo-Aktionen, die immer gleichen Gewinnspiele und eine teilweise unerträgliche Penetration mit Sender-Jingles ertragen müssen. Auch wenn mancher Radiosender das Gegenteil behaupten wird: Veränderung an der methodisch höchst zweifelhaften Radio-MA will in Wirklichkeit allerdings auch keiner. Zu groß ist die Angst vor den dann möglicherweise völlig anderen Werten. Und Glücksspiele mögen die Sender nur, wenn sie sie selbst veranstalten.

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