Makaberer Fringe-Trailer © Screenshot
Ist der Ruf erst...

Geschmacklose Werbung mit Nachrichten-Fake

von Thomas Lückerath
14.03.2009 - 01:40 Uhr

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Diese außergewöhnliche Werbung fällt auf - allerdings negativ: ProSieben bewarb am Freitagabend eine neue Serie mit einer gefakten Sonderausgabe von "Newstime" - und sorgte mit verstörenden Bildern und dem Breaking News-Charakter des Trailers für Empörung. Ein Kommentar inklusive Stellungnahme von ProSieben...

Grafik: DWDL; Logo: ProSiebenFür ProSieben gehört die Programmfarbe Information nach eigenen Angaben zur Kernkompetenz. So verkauft es auch Werbezeiten-Vermarkter SevenOne Media. Gemeint sein kann damit aber eigentlich nicht die am Vorabend zusammengekürzte Nachrichtensendung "Newstime". Zur Kernkompetenz Information gehören deshalb laut ProSieben neben "Galileo" auch Dokusoaps wie "Deine Chance! 3 Bewerber - 1 Job".

Zu diesem Verständnis von Kernkompetenz Information passt es dann ganz nach dem Motto "Ist der Ruf erst ruiniert..." sehr gut, wenn man seine eigene Nachrichtensendung auch gleich für einen PR-Gag nutzt: Am Freitagabend zeigte ProSieben erstmals einen Trailer für eine neue Serie, der aussah wie eine Sonderausgabe von "Newstime". Michael Marx verkündet darin mit Breaking News-Charakter eine verstörende, medizinische Meldung - im Hintergrund sichtbar eine Person, die makabererweise gerade kurz nach dem Amoklauf in Winnenden zunächst auch für eine blutüberströmte Leiche gehalten werden könnte.
 
 
Die vermeintliche Breaking News: Ein Neugeborenes in New York sei kurz nach Geburt in Rekordzeit gealtert und stelle damit Ärzte und Wissenschaftler vor Rätsel. Gezeigt wird eine Szene, die Nachrichtensprecher-Darsteller Michael Marx - hauptberuflich Journalist - mit den Worten "Ein Mitarbeiter konnte diese schrecklichen Szenen mit einer Kamera festhalten" kommentiert. Aufgelöst wird die gefakte Breaking News-Sendung, die am Freitagabend u.a. in einem Werbeblock bei den "Simpsons" und "Schlag den Star" zu sehen war, mit den Worten: "Weitere Informationen zu diesen ungewöhnlichen Ereignissen erfahren Sie nach den Nachrichten und exklusiv auf ProSieben". Es folgt der Name der neuen US-Serie.

Als Serienfan oder Fernsehzuschauer mit ausgeprägter Medienkompetenz war der Fake sicher schnell erkennbar. Doch zunächst einmal vermittelte die unerwartete Unterbrechung des laufenden Programms durch diese "Breaking News" eine Nervosität, die zusammen mit dem eingeblendeten Bild einer auf den ersten Blick blutüberströmten Leiche, an jüngste Schreckensmeldungen erinnerte. Dies ist unzähligen Kommentaren im Internet und mehreren dutzend entsetzter eMails zu entnehmen, die DWDL.de am Freitagabend erreicht haben. Auf ProSieben.de hingegen diskutierten Zuschauer sogar minutenlang noch darüber, ob dies eine echte Nachrichtensendung gewesen sei oder nicht.
 
Makaberer Fringe-Trailer
 
Man hätte sicher klüger sein können. Denn dass ProSieben sein Programm tatsächlich für seine "Kernkompetenz Information" unterbricht, ist höchst selten. Als Papst Johannes Paul II. am 2. April 2005 nach langer schwerer Krankheit verstarb, war dies ProSieben zunächst weder Programmunterbrechung noch eine Texteinblendung wert. Die Unterföhringer zeigten stattdessen: "Stirb langsam 2". Geschmack und Feingefühl waren damals wie aktuell bei dieser PR-Aktion nicht unbedingt die Stärke des Senders.

Über den Einsatz von Nachrichtenmann Michael Marx in diesem merkwürdigen Werbetrailer kann man sich im Grunde auch nur wenig wundern. Glaubwürdigkeit moderierender Personen spielt bei ProSiebenSat.1 manchmal nur eine untergeordnete Rolle. So moderiert eine N24-Nachrichtenmoderatorin gerne auch mal eine völlig absurde Alien-Show auf ProSieben und eine 9Live-Animateurin darf nach Abzock-Spielen wiederum bei N24 ran - wenn auch nur als Wetterfee. Manchmal ist Privatfernsehen zum Haare raufen - und Kopfschütteln. Dabei hätte ProSieben das doch eigentlich gar nicht nötig.
 
Am Samstagmorgen äußerte sich ProSieben zu der PR-Aktion. Neben klassischen Trailern setze ProSieben zur Bewerbung der neuen Serie "an ausgewählten, wenigen Stellen - ganz bewusst abgesetzt in den Trailer-Blöcken - Programm-Ankündigungen ein, die von Michael Marx moderiert werden. Diese Sendehinweise greifen Inhalte einer Folge auf", erklärt ProSieben-Sprecher Christoph Körfer am Samstag auf DWDL.de-Anfrage. Um falsche Interpretationen zu vermeiden, werde jeder Trailer mit einem expliziten Sendehinweis auf die Serie beendet.

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