Familie Braun © ZDF/Andrea Andrea
DWDL.de-TV-Kritik

"Familie Braun": Schwarzes Kind entwaffnet Neonazis

von Torsten Zarges
12.02.2016 - 10:14 Uhr

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Rechtsradikalismus als Thema einer Dramedy-Serie mit jeder Menge politisch unkorrektem Humor? Das geht, man muss man sich nur trauen. Und am besten so schwerelos und entwaffnend daherkommen wie die Webserie "Familie Braun", die ab heute im ZDF läuft.

Treffen sich ein Autor und ein Produzent, um zu überlegen, wie sie eine Familienserie mal ganz anders erzählen könnten. Frei von Sendeplatz-Konventionen, nur nach ihrer eigenen Lust. Mit möglichst absurder Figurenkonstellation. Zwei Nazis und ein schwarzes Kind etwa. Nicht ganz zwei Jahre später startet die Serie heute im ZDF.

Kein Witz. "SOKO Leipzig"-Autor Manuel Meimberg und Polyphon-Producer Uwe Urbas saßen wirklich mit genau dieser Motivation beim Brainstorming. Das Ergebnis hört auf den Namen "Familie Braun" und beweist eindringlich, wie sehr es sich lohnt, nicht nur Formatvorgaben zu bedienen, sondern neue Wege in der Serienentwicklung auszuprobieren.

 

Ein Plattenbau am Stadtrand. Hinterhof-Ghettos, schmutzige Straßen und tragische Familiengeschichten. Hier leben Thomas Braun und Kai Stahl auf 44 Quadratmetern zwischen überquellenden Aschenbechern, Bierflaschen, Pizza-Kartons und Staub. An den Wänden hängen Reste von Raufaser, ein Rehbock-Geweih und ein gerahmtes Bild des Führers. Kai und Thomas sind Neonazis. Plötzlich stellt ein sechsjähriges Mädchen ihr WG-Leben auf den Kopf: Lara – Ergebnis eines längst vergessenen One-Night-Stands von Thomas mit einer Eritreerin – ist schwarz.

Laras Mutter geht, die Kleine bleibt, und Thomas muss zum ersten Mal in seinem Leben Verantwortung übernehmen. Für Lara und für sich. Er muss Entscheidungen treffen und sich den unangenehmen Fragen seiner Tochter stellen, die ihm mit entwaffnender Naivität zeigt, wie dünn und brüchig seine rechten Ideologien sind. Für Kai hingegen ist die Sache klar, als Lara ins Wohnzimmer tapst: Das Mädchen muss weg. Kurzerhand bietet er Lara bei eBay zum Verkauf an – komplett mit Klamotten und Kuscheltier. Aber keiner will das süße Mädchen kaufen.

Mitten in der Nacht sehen die Freunde nur noch einen Ausweg: die Autobahnraststätte. Als Lara zurückkommt, wird ihnen klar, dass sie wohl für länger bleibt. Plötzlich müssen sich die beiden mit den alltäglichen Fragen des Zusammenlebens auseinandersetzen: Wer darf wann ins Bad? Und wo soll Lara eigentlich schlafen? Als sie nicht schlafen kann und zu Thomas ins Bett krabbelt, werden bei ihm Vatergefühle wach. Aber ist Hitlers "Mein Kampf" wirklich eine geeignete Gute-Nacht-Lektüre für ein sechsjähriges Kind? 

Mit politisch gar nicht korrektem Humor geht "Familie Braun" dem Thema Rechtsradikalismus und Fremdenhass nach, umschifft dabei aber konsequent abgedroschene Klischees. Meimberg hat eine Dramedy im besten Sinne des Wortes geschrieben – von hoch emotional bis äußerst witzig. Weil ursprünglich eben keine Senderfinanzierung geplant war, entschieden sich die Macher für die Form der Webserie – für acht Folgen à fünf Minuten. Und für YouTube-Stars wie LeFloid, Doktor Froid oder die Space Frogs in kleinen Gastrollen. Ein cleverer Move, der das Social-Media-Potenzial der Serie beträchtlich erhöht und nun auch dem ZDF nützt, das mit Quantum, dem Formatlabor des Kleinen Fernsehspiels, frühzeitig an Bord kam.

Im Vordergrund steht aber ein schauspielerisch überzeugendes Trio, das unter der Regie von Maurice Hübner Gespür für Timing beweist: Edin Hasanovic, frisch gebackener Nachwuchs-Preisträger der Goldenen Kamera, macht als Thomas den inneren Kampf gegen angestammte Denkmuster nachvollziehbar. Vincent Krüger meistert als Kai den schmalen Grat zwischen überfordertem Freund und unverbesserlichem Hohlkopf. Und Nomie Laine Tucker stiehlt als Lara natürlich allen die Show, aber nicht nur, weil sie so süß ist, sondern auch mit Präzision ihre Rolle ausfüllt. Den Tipp, das Mädchen zu casten, bekam Meimberg übrigens von "Deutschland 83"-Schöpferin Anna Winger.

Vor dem realen Hintergrund von Pegida, rechter Gewalt und Flüchtlingskrise hat "Familie Braun" eine aktuelle Relevanz erhalten, die die Macher bei der Entwicklung noch nicht absehen konnten. Die wohl größte Stärke der Serie ist, dass sie unabhängig davon ohne jede Schwere auskommt, stattdessen leicht und unterhaltsam – jawohl, das geht – Nazi-Gedankengut zum drüber Lachen freigibt und mit kindlichen Waffen als das entlarvt, was es ist – absurd.

"Familie Braun" startet mit den ersten beiden Folgen heute Abend um 23 Uhr im Anschluss an die "heute-show" im ZDF. Jeweils zwei weitere Folgen sind an den nächsten Freitagen gegen Mitternacht zu sehen. Alle acht Folgen am Stück laufen am Montag, 15. Februar um 0.15 Uhr im ZDF, am Freitag, 19. Februar um 20.15 Uhr bei ZDFkultur und am Sonntag, 28. Februar um 0.40 Uhr bei ZDFneo. Online ist "Familie Braun" bei YouTube und in der ZDF-Mediathek abrufbar. 

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