Enissa Amani © ProSieben / Boris Breuer
DWDL.de-TV-Kritik

"Studio Amani": Zu viele Torten und zu wenig Haltung

von Alexander Krei
08.03.2016 - 04:26 Uhr

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Dass nur eine halbe Stunde verging, bis Zuschauer mit Torten beworfen wurden, sagt einiges aus über die Premiere der neuen ProSieben-Show "Studio Amani". Dabei hätte die erfrischende Gastgeberin viel mehr Freiraum verdient.

Etwas mehr als zwei Jahre liegt Enissa Amanis erster Fernsehauftritt zurück. Bei "TV total" stand sie damals auf der Bühne – ausgerechnet, möchte man sagen, denn mit dem Start ihrer eigenen Show schloss sich am Montagabend gewissermaßen ein Kreis. Dass sie mit ihrem "Studio Amani" einen der Sendeplätze des Fernseh-Frührentners Stefan Raab erbt, kann die hübsche Komikerin mit iranischen Wurzeln vermutlich selbst kaum fassen. Vorsichtshalber ließ Amani im Vorfeld ihrer ProSieben-Premiere schon mal ausrichten, dass sie ja bloß eine kleine Show machen werde, die sich nicht vergleichen lasse mit "TV total". Eigentlich schade, begann doch "TV total" einst auch mal als kleine Show, von der damals, auf den Tag genau vor 17 Jahren, wohl niemand erwartet hätte, dass sie es einmal auf weit mehr als 2.000 Ausgaben bringen würde.

Womöglich wäre es also gar keine schlechte Idee gewesen, sich vor dem Start von "Studio Amani" einmal anzusehen, wie es damals eigentlich losging mit "TV total". Gleich in der ersten Folge begab sich Raab auf einer Pudelmesse erstmals "in Gefahr" und nahm Rudi Carrells legendäre "Rudigramme" aufs Korn, indem er den sichtlich verwunderten Altmeister in dessen Büro mit einem nicht gerade schmeichelhaften "Raabigramm" überraschte. "Wann wirst du endlich wieder lustig?", trällerte Raab ihm damals schamlos ins Gesicht. Selbst die beiden Jungs, die wenig später als "Ö-La-Palöma-Boys" die Charts erobern sollten, wurden bereits mit einem kurzen Ausschnitt bedacht. "TV total" bot also gleich zum Start so manches von dem, was man noch viele Jahre später mit einigem Recht als "Kult" bezeichnen kann. Schwer vorstellbar, dass man später mit etwas Abstand einmal Ähnliches über die Premiere von "Studio Amani" sagen wird.

Das begann schon mit dem Stand-Up, das Enissa Amani zwar deutlich besser beherrscht als es Raab jemals getan hat, aber durch flache Witzchen letztlich kaum in Erinnerung blieb. Etwas später in der Sendung – da saß die Moderatorin schon längst auf einem der beiden Sofas in der Mitte des viel zu kühl geratenen Studios – präsentierte Amani den neuen "Krankmach"-Button bei Facebook mit dem Gesicht des Grünen-Politikers Volker Beck, machte sich über einen misslungenen Tweet lustig, in dem die Schweriner Polizei nach einem türkischen Indianer suchte, und verglich die Frisur von Donald Trump mit dem Aussehen eines Maiskolbens. Irgendwo dazwischen fand sich noch Platz für einen Internetschnipsel, der eine übergewichtige Katze beim missglückten Versuch zeigte, von einer auf die andere Seite zu springen.

All das hat man an anderer Stelle schon vielfach und vor allem lustiger gesehen. Um eine ganze Sendestunde zu füllen, wird das auf Dauer kaum ausreichen, zumal der anschließende Talk mit Schauspieler Antoine Monot jr. nicht gerade inspirierter ausfiel als das zuvor Gezeigte. Ihn ein paar willkürlich ausgewählte Zuschauerfragen über Essensreste im Bart oder sein technisches Verständnis beantworten zu lassen, sorgte nicht gerade für laute Lacher im Publikum und geht ebenso wenig als Inbegriff der Kreativität durch wie das Bewerfen einiger Zuschauer mit Torten, das kurz darauf immer dann zu bestaunen war, wenn diese die Gastgeberin mit ihren mitgebrachten Geschichten langweilten. Viel besser wäre es doch gewesen, das Publikum hätte Torten auf die Bühne geworfen, um seinerseits zu signalisieren, wie langweilig diese Sendung ist.

Studio Amani
© Screenshot ProSieben

Vielleicht hätte man Enissa Amanis Stärken im Vorfeld einfach noch etwas stärker herausarbeiten müssen und die eigentlich erstaunlich erfrischende Komikerin von all dem unnötigem Ballast befreien sollen, der dazu führt, dass sie wie eine Getriebene durch ihre eigene Show hetzen muss. Gut ist sie beispielsweise immer dann, wenn sie auf kulturelle Unterschiede zu sprechen kommt. Sie hat ein Thema und eine Haltung, die sie nur allzu gerne nach außen trägt. So witzelte sie leider viel zu kurz über die Eigenheiten von "Kanaken" und "Deutschen ohne Migrationshintergrund", die es ja angeblich auch geben soll. "Aber niemand ist perfekt", scherzte Amani und wunderte sich schließlich recht unterhaltsam darüber, dass die Deutschen in der Regel so strukturiert seien wie Busfahrpläne.

Auch das "Comedy-Battle", in dem sie sich ganz am Ende der Sendung mit dem polnischen Comedian Marek Fis ein lautstarkes Wortgefecht darum lieferte, ob denn nun Polen oder Iran das bessere Land ist, bot ein paar ganz launige Momente. "Jedes Mal, wenn ich nach Polen schaue, habe ich das Gefühl, ich sehe 'ne Folge 'Bauer sucht Frau'", ätzte Amani, woraufhin ihr Widersacher schließlich zugab, sich schon mal als Schwein bei der Fernsehshow beworben zu haben – ohne Erfolg, weil es in der Redaktion von RTL bereits genug davon gäbe. Schade nur, dass von den guten Ansätzen im "Studio Amani" zunächst so wenig zu spüren war. Allenfalls sporadisch blitzte auf, was alles möglich wäre, so wie etwa beim Versuch, den rechten Hetzern aus Clausnitz in Form einer Teleshopping-Verkäuferin - die Amani in grauen Vorzeiten tatsächlich mal war - ein wenig Menschlichkeit anzudrehen.

Am Ende der Sendung forderte Enissa Amani das Publikum noch auf, Kritik in den sozialen Netzwerken zu hinterlassen. Negative Kommentare würden allerdings gelöscht oder geblockt, gab sie zu bedenken. Das ist aber ohnehin nicht weiter tragisch: Eine Torte im Gesicht tut's im Zweifel ja auch.

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