Wer bietet mehr? © NDR/Morris Mac Matzen
Fabrik statt Studio

Antiquitäten-Shows: Bitte nicht ohne Backsteinwand

von Alexander Krei
29.03.2016 - 13:30 Uhr

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In diversen Formaten versuchen Kandidaten derzeit ihre mitunter wertvollen Antiquitäten loszuwerden - alleine das ZDF hat inzwischen gleich drei Shows dieser Art. Viele von ihnen eint ein gern gesehenes Stilmittel: Die Backsteinwand.

Der Trend geht zur Backsteinwand. Ganz eindeutig. Reinhold Beckmann hatte eine, Harald Schmidt sowieso. Und auch Markus Lanz und Bettina Böttinger lassen es sich nicht nehmen, vor der Kulisse einer solchen Wand ihre Gespräche im Zweiten und Dritten Programm zu führen. Das hat einen guten Grund, denn eine Backsteinwand vermittelt stets eine Art Werkstattcharakter. Die bewusste Abkehr vom Glanz des Showgeschäfts, in dem so vieles auf Hochglanz getrimmt ist, soll dem Zuschauer vermutlich unterschwellig suggerieren, dass das, was er gerade sieht, irgendwie echt, nah dran, bodenständig ist; dass es vielleicht auch mal etwas härter zur Sache geht als im mit Flokati eingerichteten Studio. Wer sich zum entspannten Plausch einfinden möchte, trifft sich doch viel eher im gemütlich eingerichteten Wohnzimmer als in Vatis Hobbyraum mit der Backsteinwand.

Was im Talk schon seit einigen Jahren ein gern gesehenes Element ist, um dem Medium ganz bewusst ein Stück weit seinen von Haus aus existierenden Glamour zu nehmen, greift seit einiger Zeit auch in andere Bereiche des Fernsehens über. Wenn Tüftler und Unternehmer die "Höhle der Löwen" betreten, dann werden sie vom Moderator in aller Regel zunächst vor einer Fabrikhalle begrüßt, die – Sie ahnen es bereits – aus Backsteinen errichtet wurde. Dass die Pitches, um die es ja eigentlich in der Sendung geht, inzwischen gar nicht mehr in dieser Fabrik gedreht werden, sondern in einem Ossendorfer Fernsehstudio, wird dem Publikum verschwiegen – was freilich nicht tragisch ist, aber ganz gut zeigt, welche Assoziationen der pure Anblick einer Backsteinwand beim Publikum wecken soll.

Kühle Arbeitsatmosphäre statt glitzernder Show-Welt, Nähe und Authentizität anstelle von Schall und Rauch. Ganz ähnlich verhält es sich auch bei "Bares für Rares": Wenn die Kandidaten den Händlern ihre Dachboden-Schätze zum Kauf anbieten, tun sie dies in einer Kulisse aus Backsteinen. Horst Lichter passt da im Übrigen ganz gut ins Bild, denn der Koch ist quasi die personifizierte Backsteinwand. Ein echter Typ, ungekünstelt. Einer, den man eher in der Garage beim Bierchen erwartet als auf der großen Bühne mit Mikrofon. Auch im Falle von "Bares für Rares" funktioniert die Illusion – und zwar so gut, dass sich das ZDF in den vergangenen Wochen gleich zwei Mal selbst kopiert hat: Zunächst mit "Wieder wertvoll" und seit Ostersonntag nun auch mit "kaputt und... zugenäht". Hier wie dort geht’s um altes Zeug, das gegen Bezahlung aufgehübscht und dann wahlweise behalten oder verhökert wird.

Bares für Rares
© ZDF/Frank Hempel

Und während sich das ZDF im Falle von "Wieder wertvoll" für eine Art Speicher als Kulisse entschieden hat, fand die gute, alte Backsteinwand im Vorspann von "kaputt und... zugenäht" dann doch wieder Verwendung. Nur wenige Stunden später konnte sie dann auch in der neuen NDR-Show "Wer bietet mehr?" mit Kai Pflaume bewundert werden, in der Händlern zur Abwechslung nicht – wie mittags im ZDF – die arm- und augenlose Puppe Inge aus den 50ern, sondern drei echte Barbie-Puppen aus den 60ern angeboten wurde. Dass die Backsteinwand bei "Wer bietet mehr?" unbedingt zum Einsatz kommen musste, überrascht im Übrigen nicht, schließlich handelt es sich bei dem Neustart gewissermaßen um eine Mischung aus "Höhle der Löwen" und "Bares für Rares", die ohne diese Art von Wandgestaltung nun wirklich nicht denkbar wären.

Das Spannende an "Wer bietet mehr?" ist indes die Tatsache, dass die Kandidaten den Händlern ihre wertvollen Gegenstände, die – anders als die Barbies – auch mal für 30.000 Euro den Besitzer wechseln können, einzeln andrehen müssen. Kommt ein Deal nicht zustande, geht es in den nächsten Raum, wo unter Umständen ein niedrigeres Angebot wartet. Ein Zurück gibt’s jedoch nicht mehr. Ist die Prozedur überstanden, treffen sich alle bei Kai Pflaume vor der Backsteinwand, um noch einmal über die Verhandlungen zu sprechen. Das kann man sich ebenso gut ansehen wie "Bares für Rares", das zwischen Blaulicht-Einsätzen und Herzschmerz-Trief derzeit am Nachmittag vermutlich ohnehin das am leichtesten bekömmliche Format ist.

Aber seien Sie auf der Hut: Sollten Sie also zufällig im Besitz eines leerstellenden Hobbykellers sein, könnte es passieren, dass schon bald ein Kamerateam ihre Backsteine als Kulisse für die nächste Antiquitäten-Show nutzen möchte. Das Fernsehen hat gerade erhöhten Bedarf.

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