Neandertaler © RTL II
TV-Kritik zur Eigenproduktion von RTL II

Miniserie "Neandertaler": Quickie mit guten Zähnen

von Hans Hoff
20.09.2016 - 16:20 Uhr

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Nachdem RTL II mit "Gottlos" wenig Quotenglück beschieden war, steht mit "Neandertaler" nun die nächste eigene Miniserie auf dem Programm. Hans Hoff hat schon einen Blick darauf geworfen - und gute Zähne und durchaus angenehme Unterhaltung gesehen

Nein, der Neandertaler ist keine neue Währung, die den Euro in der Gegend östlich von Düsseldorf ablösen soll. Es geht auch nicht um eine frische Bezeichnung für das durchweg tätowierte Lotterpersonal in den handelsüblichen Scripted-Reality-Dokus. Nein, RTL II hat tatsächlich mal wieder eine neue Serie im Angebot, eine eigene sogar, eine recht ordentliche dazu. Bäng! Take That! Kann man sich denn auf nichts mehr verlassen? Nicht mal darauf, dass RTL II zuverlässig in die televisionäre Mülltonne greift? Wie kommen die darauf, jetzt einfach mal wieder passables Fernsehen zu bieten? Hat danach jemand gefragt? Alles durcheinander – na schönen Dank, Frau Merkel.

So, jetzt wieder raus aus dem Protestwählermodus. Rein in die Serie, die mit vier Teilen zwar noch recht schlank daherkommt, aber durchaus Appetit macht auf mehr. Der Look stimmt, die Story hat Potential, die Schauspieler wirken nicht überfordert. Dieser Eindruck macht sich auf jeden Fall breit, wenn man die erste Folge schaut. Mehr lässt RTL II derzeit noch nicht sehen.

Der Start ist schon auf beeindruckende Größe angelegt, zumindest akustisch. Ansprechend bombastisch dröhnender Hollywoodsound unterlegt den Marsch in eine verlassene unterirdische Sowjetfabrik. Es ist 1991, in Polen. Früher wurden hier Panzer gefertigt, jetzt wird ein Mediziner in eine Art überfuturistischen Kreißsaal gezwungen. Dort schreit und wimmert eine Schwangere. Nicht ohne Grund, denn ihr Baby will nicht auf normalem Wege das Licht des RTL II-Kosmos erblicken. „Bringen Sie das Kind lebend zur Welt. Das Leben der Mutter ist zweitrangig“, sagt der oberste Bösewicht, was die Folgeereignisse in einer Produktion dieser Art beinahe zwingend macht. Als ein seltsam behaartes Lebewesen, von dem man nicht viel mehr als den Arm sieht, geboren ist, geht die Hand des Bösen zur Waffe, ist das Schicksal der meisten Beteiligten sehr offensichtlich besiegelt. Schnitt.

In der Jetztzeit wird die Pathologin Lena Taubner zu einem Blutbad gerufen. Vier Leichen liegen in einem abgelegenen Haus nahe der deutsch-polnischen Grenze, es riecht nach Mecklenburg-Vorpommern, wo nach den letzten Wahlergebnissen die Existenz von prähistorischen Wesen nicht gänzlich ausgeschlossen scheint.

Am Tatort trifft Lena Taubner auf einen Kommissar der alten Art. Mürrisch, politisch unkorrekt, dauergenervt. Er soll sehr offensichtlich den Gegenpol bilden zur jungen Überfliegerin.

Die stülpt sich erst einmal Kopfhörer über und hört Maria Callas, während sie ins Blutbad steigt. Das Ergebnis ihrer Recherche verblüfft viele. Die gefundene DNA stimmt nur zu 99,5 Prozent mit der menschlichen überein. Der Rest ist rätselhaft. Eine verschmutzte Probe? Die Wiederholung der Tests bringt das gleiche Ergebnis. Als Zuschauer weiß man, nicht nur aufgrund der Vorgeschichte in der Panzerfabrik gleich, dass sich hier die Vergangenheit Bahn bricht. Kann es sein, dass die vor 40.000 Jahren lebenden Neandertaler zurück sind? Doofe Frage. Natürlich sind sie zurück. Sagt ja schon der Titel. Am Ende der ersten Folge sind sie zu sehen, und man muss sagen: Erstaunlich gute Zähne.

Es bleibt aber trotzdem noch einiges vage in dieser Serie, die auf die üblichen Mysteryactionkrimi-Ingredienzien setzt. Die Musik dräut bedrohlich, der Nebel wabert, und wenn es heikel wird, hat die Heldin kein Netz. Es müffelt so schwer nach Verschwörung und Geheimlabor, dass es gleichzeitig ein wenig nach Unterforderung des Zuschauers riecht. Das Gute und das Böse scheinen ein bisschen zu klar verteilt, ein paar Zwischentöne wären ganz nett gewesen. Aber vielleicht kann man bei RTL II dann auch wiederrum nicht so arg viel verlangen. Woher sollen die treuen Senderkunden schon wissen, was Zwischentöne sind? Sowas hat ihr Tattoo-Studio in der Regel nicht vorrätig.

Nikolaus Krämer hat mit Matthias Dinter die Bücher geschrieben und Peter Gersina Regie geführt. Zusätzlich gelingen Kameramann Jochen Stäblein ein paar bemerkenswerte Bilder, und die Hauptdarstellerin Natalia Belitski liefert durchweg eine gute Vorstellung. Das hilft ein wenig darüber hinweg, dass ein paar andere Figuren zu hölzern agieren. Zudem klingt hier und da der Ton nach schlechter Bearbeitung. Sehr künstlich.

Trotzdem kann man sich angenehm unterhalten lassen, wenn auch alles auf einen Quickie hinausläuft. Da RTL II die Miniserie in Doppelfolgen (20. und 21. September, 20.15 Uhr) ausstrahlt, ist der Spuk nach zwei Sendeterminen schon gegessen. Die Frage, ob die Kürze dem mangelnden Mut der Auftraggeber geschuldet ist oder eher der Tatsache, dass sich die Story so rasch erschöpft, wird wohl erst am Schluss der vierten Episode zu beantworten sein. Bis dahin wird man nicht viel mehr tun können, als sich hineinzustürzen in dieses ganz nett inszenierte Abenteuer, dem Neandertaler mal kräftig die behaarte Hand zu schütteln und dann zu schauen, ob nach dem letzten Abspann noch Lust auf mehr bleibt. Die Zeichen dafür stehen nicht schlecht, und man könnte das Neandertaler-Motto „Sie sind wieder da“ durchaus auch auf die Serienmacher im Hause RTL II münzen. Geht doch.

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