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"Schnapp Dir das Geld!": Teils überinszeniert, aber temporeich

von Timo Niemeier
01.12.2016 - 23:10 Uhr

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Mit "Schnapp Dir das Geld!" hat RTL eine kleine, aber feine Gameshow im Programm, bei der dem geneigten Zuschauer nicht so schnell langweilig wird. Bei der Premiere gab's allerdings noch ein paar Kinderkrankheiten...

Es ist schon eine Überraschung gewesen, wie groß RTL sein Programm für die neue Spielshow "Schnapp Dir das Geld!" mit Annett Möller umgebaut hat. Dort, wo jahrelang eigentlich nur Serien zu sehen waren, hat RTL jetzt Shows platziert. Weil man der neuen Spielshow, bei der Kandidaten einen Koffer mit 30.000 Euro verstecken müssen, der anschließend von professionellen Ermittlern gesucht wird, aber offenbar nicht die ganz große Bühne um 20:15 Uhr zutraute, setzte man "Schnapp Dir das Geld!" auf den Sendeplatz um 22:15 Uhr und zeigt davor Spezial-Ausgaben von "Wer wird Millionär?". Das ist zwar verständlich, dürfte Günther Jauch die neue Show damit doch gut anschieben, gleichzeitig aber auch schade, weil "Schnapp Dir das Geld!" gar nicht so schlecht ist, wie vielleicht einige Kritiker vor dem Start der Show befürchteten.

Das Original-Format heißt "Take the Money and Run" und lief 2011 mit sechs Folgen bei ABC. Hinter dem Projekt standen damals unter anderem Jerry Bruckheimer und Bertram van Munster (beide "The Amazing Race"), die Erwartungen an das RTL-Format sind also hoch. Und natürlich: Mit dem spektakulären "Amazing Race" kann "Schnapp Dir das Geld!" auf keinen Fall mithalten, dafür ist die RTL-Show aber auch mit deutlich bescheideneren Mitteln produziert worden.


Doch auch das deutsche Format hat seine Stärken: Auch hier ist das Erzähltempo hoch,  glücklicherweise haben sich die Macher für eine einstündige Show entschieden und sie nicht, wie inzwischen ja fast üblich, auf zwei oder mehrere Stunden aufgebläht. So kommt im Verlauf der Sendung eigentlich nie Langeweile auf, immer passiert etwas. Und es könnte sogar noch etwas dichter erzählt sein: Am Anfang geht Moderatorin Annett Möller auf Kandidatensuche in die Aachener Innenstadt. Dort redet sie mit einigen Passanten und am Ende schaffen es die beiden Freunde Carsten und Moritz in die Show. Nach welchen Kriterien sie ausgesucht wurden, bleibt völlig unklar, diesen Part der Show hätte man also auch getrost weglassen können.

Danach geht es auch schon los: Carsten und Moritz müssen den Koffer verstecken, haben aber ein paar Regeln an die Hand bekommen. So muss das Gebiet, in dem der Koffer versteckt wird, für die Ermittler 24 Stunden lang zugänglich sein, der Koffer darf zudem nicht in einem See versenkt werden. Und so beginnen die beiden Freunde ihre einstündige Tour durch Aachen und umliegende Städte, um das perfekte Versteck zu finden.

Im Anschluss daran werden sie von den Ermittlern "verhaftet", was etwas überinszeniert wirkt. Sie kommen anschließend für 30 Stunden in Isolationshaft. Zwei Ermittler suchen fortan draußen nach dem Koffer, zwei weitere befragen die beiden Freunde. Um erste Anhaltspunkte zu haben, erhalten die Ermittler die GPS-Daten des Autos sowie die aufgezeichneten Telefon-Daten.

Interessant in der ersten Folge ist vor allem die Tatsache, wie schnell die Ermittler das Gebiet, in dem sie den Koffer vermuten, eingrenzen. Dass die beiden Freunde in den letzten Minuten nur noch versucht haben, sie auf eine falsche Fährte zu locken, haben sie schnell durchschaut. Und in den Einzelverhören verstricken sich die beiden schnell in Widersprüche und geben unabsichtlich Hinweise. Dass es aus dem Off manchmal so klingt, als würden die beiden Kandidaten kurz vor der Aufgabe stehen und brechen, ist natürlich etwas zu viel des Guten. Sehenswert sind die kleinen Psychotricks der Ermittler aber allemal.

Und auch Annett Möller macht eine gute Figur, auch wenn sie sich weitestgehend im Hintergrund hält. Doch anders als bei "Grill den Henssler" am vergangenen Sonntag, wo sie seltsam übermotiviert und gewollt lustig daherkam, präsentierte sie sich in der RTL-Show ruhig und angenehm. Eventuell sollte sich Möller aber entscheiden, ob sie eine seriöse Nachrichtensprecherin oder Moderatorin in der Unterhaltung werden will. So recht passen beide Sachen bei ihr nämlich nicht zusammen.

Zuschauer rätseln mit

Für die Zuschauer ist die Show auch deshalb spannend, weil sie selbst nicht wissen, wo genau sich der Koffer befindet. Sie sehen zwar, ab wann die beiden Teilnehmer den Koffer nicht mehr bei sich tragen, das genaue Versteck erfahren sie aber nicht. Der RTL-Show könnte auch deshalb eine lange Zukunft bevorstehen, weil es nicht klassisches 0815-Fernsehen ist. Andere Kandidaten werden sich womöglich ganz anders verhalten: Andere Verstecke wählen, nicht das vorgegebene Auto nutzen, im Gespräch mit den Ermittlerin einfach schweigen (und sich so nicht in Widersprüche verwickeln).

Trommelwirbel, Herzschlag, Zeitlupe

Und, na klar: Am Ende der ersten Folge haben die Ermittler den Koffer gefunden. Etwas abrupt endete die Szene, in der die Ermittler gerade den richtigen Weg eingeschlagen hatten. Dann spaziert Annett Möller ins Bild und verkündet, dass man nun auflösen werde, ob sie Erfolg gehabt hätten. Trommelwirbel, Herzschlag, Zeitlupe. Der Kofferraum eines Autos geht auf und tatsächlich steht der Koffer dort. Die Kandidaten gehen ohne Geld nach Hause. Auch hier hat RTL wieder etwas zu tief in die Inszenierungskiste gegriffen, anders als bei anderen Sendungen der Kölner spielt sich hier aber alles noch in einem erträglichen Rahmen ab.

Kurzum: Was Warner Bros. da für RTL auf die Beine gestellt hat, ist unterhaltsames und kurzweiliges Fernsehen. Durch die Möglichkeiten der Variation könnte es gut möglich sein, dass die Zuschauer hier nicht so schnell erlahmen, weil sie am Anfang einer Folge eben noch nicht wissen, wie das Ganze ausgeht. Dass RTL das Format mit "Wer wird Millionär?" anschiebt, ist auch der Tatsache geschuldet, dass man keinen ganzen Abend mit entsprechenden Shows programmieren kann. Und da wären wir wieder bei "The Amazing Race", das man ja auch mal für den deutschen Markt adaptieren könnte. Zusammen mit "Schnapp Dir das Geld!" würde das jedenfalls ein schönes Line-Up ergeben.

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