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Von "NCIS" zu "Bull": Und weiter in bewährtem Trott

von Kevin Hennings
11.01.2017 - 16:38 Uhr

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Zum Ende der 13. Staffel verließ Shootingstar Michael Weatherly "Navy CIS", um sein Gesicht für "Bull" in die Kamera zu halten. Dort spielt er einen an "Dr. Phil" angelehnten Gerichtsanalytiker mit viel Charme. Dem kam die Serie dummerweise abhanden.

"Ich kam an einen Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, zu lange auf der Party geblieben zu sein", erklärte Michael Weatherly seinen Fans seinen Entschluss, nach langen 13 Jahren die Rolle als Tony DiNozzo an den Nagel zu hängen und sich von seiner "Navy CIS"-Familie zu verabschieden. Seine TV-Abstinenz blieb jedoch nur von kurzer Dauer: Mit "Bull" wagte Weatherly nämlich den Sprung vom Sidekick zum Hauptprotagonisten. In seiner neuen Serie, die lose auf dem frühen Leben des legendären amerikanisches TV-Arztes Dr. Phil McGraw basiert, spielt er einen Psychiater und Gerichtsanalytiker, der mit seine verblüffenden Menschenkenntnis dafür sorgt, dass selbst hoffnungslose Fälle freigesprochen werden.

So überraschend Weatherlys Abgang von "NCIS" so manchem Beobachter damals erschien, so schnell wurde deutlich, dass sich der Schauspieler von einem "sicheren" Konzept zum nächsten schwang. "NCIS" hat das Cop-Genre geprägt und bewiesen, wie gierig die träge Masse vorm Fernseher nach dieser Art von Serienstoff ist. Nun folgt mit "Bull" eine Produktion, die in ihren Grundfesten nicht wesentlich anders aufgebaut wurde. Einmal mehr gibt es einen Fall der Woche und einen Helden, der nicht nur auf den ersten, sondern auch auf den zweiten und dritten Blick wie eine aalglatte Schablone daherkommt. Das Produzententeam, hinter dem neben Steven Spielberg auch Phil McGraw selbst steht, scheint mit der Serie keinerlei Ambitionen zu hegen, etwas Neues und Eigenes zu wagen. So fühlt sich "Bull" dann auch zu keinem Moment frisch an, sondern eher wie ein schlechter Remix aus bestehenden Shows wie "Lie to me" und "Suits".

In jeder Episode folgt der Zuschauer Dr. Jason Bull, einem lässig-coolen Charakter, der sich, wie es sich für eine neumodische Serie im 21. Jahrhundert offenkundig gehört, mit einer Menge Computern und anderen intelligenten Menschen umgibt. Da wären unter anderem das Genie Cable McCrory (Annabelle Attanasio, "The Knick"), eine Millenial Hackerin, die Cyber-Informationen über Menschen sammelt, und der stets over-the-top schauspielernde Chris Jackson ("After.Life") als Chunk Palmer, ein "fashion-bewusster Stylist, der dafür sorgt, dass die Klienten im Gericht vorzeigbar sind". Zusammen mit seinem Team agiert das Trio - natürlich - in einem futuristischen Stahl-Loft, um psychologisch und technisch dafür zu sorgen, Geschworene und Richter so zu analysieren und zu beeinflussen, dass ihre angeklagten Opfer möglichst ohne Strafe den Gerichtssaal verlassen werden. Koste es, was es wolle. Wortwörtlich.

Bull ist es völlig egal, wie absurd teuer die Einsatzmethoden werden, sind seine Klienten doch meist sowieso stinkreich. Dass er sich gleich in der Pilotepisode auf die fragwürdige und zugleich illegale Nutzung einer Sicherheitskamera einlässt, macht relativ schnell deutlich, wie weit seine "Ich kriege den Scheiß geregelt"-Attitüde eigentlich geht. Ja, dadurch wirkt Bull an manchen Stellen aufregend und gefährlich, doch sind das letztlich eben jene Versuche, einen Charakter strahlen zu lassen, die man von "NCIS" und Konsorten bereits seit Jahren kennt. Weatherly nimmt seinen Serienwechsel dennoch ernst und versucht spürbar, das Beste aus dieser so schwach geschriebenen Rolle herauszuholen. Ebenfalls aus eben genannten Formaten kopiert: Der große Twist zum Ende sämtlicher Folgen, der oftmals so enttäuschend langweilig ist wie jeder Beginn einer "The Walking Dead"-Episode.

Dieses Konzept passt jedoch haargenau in den Programmplan des US-Senders CBS - jenem Network, das "Bull" in Serie schickte und in der ersten Staffel dank überragender Quoten sogar eine "Back Nine Order" erteilte, also eine Aufstockung von 13 auf 22 Folgen. Der US-amerikanische Sender hat sich auf Dramaserien dieser Art eingeschossen und etwa mit Quoten-Hits wie "NCIS", "Criminal Minds" und "Hawaii Five-O" sein Selbstbewusstsein dafür gestärkt, lieber bei altbekannter Krimikost zu bleiben, als sich die Mühe zu machen, etwas Neuartiges auszuprobieren. Dabei wäre es ganz sicher möglich gewesen, die Geschichten zumindest etwas besser zu konstruieren und dadurch weit weniger nervig zu präsentieren.

Und so bleibt "Bull" eine Serie, die notdürftig mit all jenen Zutaten versehen wurde, die es braucht, um im Mainstream zu bestehen. Hier noch hippe Technik, dort ein paar flippige Typen - fertig ist der coole Mix, mit dem ein älteres Produktionsteam reichlich mühsam versucht, auch noch die Millenial-Generation anzusprechen. So wirkt "Bull" letztlich leider wie das Äquivalent zur partymachenden Mutter, für die sich jedes Kind insgeheim ein bisschen schämt. Vielleicht hätte Michael Weatherly besser bei "Navy CIS" bleiben sollen.

"Bull" läuft ab sofort mittwochs um 20:13 Uhr auf 13th Street.

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