Sneaky Pete © Amazon.com Inc.
DWDL.de-Serienkritik

"Sneaky Pete": Bryan Cranstons nächstes großes Ding

von Kevin Hennings
17.02.2017 - 16:46 Uhr

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Über drei Jahre ist es her, dass sich Bryan Cranston von Walter White verabschiedet hat. Nun kehrt er als Produzent und Darsteller in "Sneaky Pete" zurück. An seiner Seite: Giovanni Ribisi, der die Frage aufkommen lässt, wer eigentlich der Star dieser Serie ist.

"Grün. Ich erinnere mich vor allem daran. Dieser Grünton. Das war vielleicht das Schönste, das ich je gesehen hatte. Es gab auch eine Reifenschaukel. Jeden Sommer ging sie kaputt und jeden Sommer hat Opa sie repariert", schwärmt Pete von seinen Kindheitstagen, die er bei seinen Großeltern und in der Natur verbracht hat. Es folgt ein abrupter Schnitt und man sieht den Erzähler dieser Geschichte in einem orangenen Overall, ein lautes Buzzen und wie er sich in eine Zelle mit Gitterstäben bewegt. Pete wird jedoch keine große Rolle in dieser Amazon-Serie spielen. "Hältst du mal die Schnauze? Nichts ist wie früher!", mischt sich sein Zimmergenosse Marius (Giovianni Ribisi, "Avatar") ein.

Drei Jahre haben sie zusammen verbracht, Marius steht kurz vor der Entlassung. Doch bevor es soweit ist, bekommt er einen verheerenden Anruf, der dafür sorgt, dass er für eine gewisse Zeit untertauchen und im besten Falle erstmal eine andere Identität annehmen muss. Wie passend, dass er Petes komplette Lebensgeschichte mittlerweile komplett auswendig kennt. Und so steht er nur wenig später vor Petes Großeltern, die ihn 20 Jahre nicht gesehen haben. "Opa, Oma, ich bin zurück!"

Das ist der Beginn von "Sneaky Pete" - und einer absurden Odyssee, die zwei Welten aufeinanderprallen lässt, die selbst für den intelligenten Trickbetrüger Marius nicht ohne sind. Das liegt daran, dass er in der einen mit seiner neugewonnenen Familie zurechtkommen muss und das erste Mal in seinem Leben merkt, was Familie überhaupt bedeuten kann. In der anderen hat er mit einem der kaltschnäuzigsten Gangsterbosse aller Zeiten zu tun, dem er noch 100.000 Dollar schuldet: Vince Lonigan, gespielt von einem überragendem Bryan Cranston ("Breaking Bad"). Cranston zeigt nicht nur einmal mehr, dass er ein unfassbar facettenreicher Schauspieler ist, sondern dass er als Produzent auch ein feines Näschen für gute Drehbücher hat. Denn wo das amerikanische Fernsehnetwork CBS nach der Pilotvorstellung freundlich "Nein, danke. Das hat kein Potenzial" sagte, gaben Cranston und sein Partner David Shore ("Dr. House") die Hoffnung nicht auf und fanden mit Amazon schließlich einen Partner, der sich genauso sehen lassen kann.

Es war all die Mühe, "Sneaky Pete" zu einer ganzen Staffel ausbreiten und auf einer großen Plattform ausstrahlen lassen zu wollen, wert. Cranston, Ribisi und Co. legen ein sehenswertes Schauspiel aufs Parkett und lassen eine Geschichte zum Leben erwecken, die schnell, fordernd und smart ist. Der Zuschauer spürt all den Stress und die Aufregung, durch die die Hauptcharaktere gejagt werden und erfährt einen Adrenalinstoß nach dem anderen. Damit ist "Sneaky Pete" eine der wenigen Serien, die die Erwartungen, die in einem tollen Trailer außerordentlich geschürt werden, absolut erfüllt. Es wird geliefert, was man erwartet. Der Inhalt dieser Wundertüte ist sogar noch größer, entwickelt sich die Geschichte teils noch abstruser, als man es von diesem lustigen Identitätsdiebstahl ohnehin schon eingetrichtert bekommt. In der Tat fühlt sich Amazons potenziell neuer Hit wie ein Guy-Ritchie-Film in amerikanisch an, bei dem man froh ist, dass er nicht nach Kinofilmlänge endet.

Die gute Nachricht ist, dass Showrunner Graham Yost ("Justified") auch nach den ersten zehn Folgen noch einmal ran darf. "Sneaky Pete" wurde nämlich schon um eine zweite Staffel verlängert. Alles andere wäre auch schlecht für das Herz des Zuschauers, entwickelt sich die Serie im Laufe der Zeit doch von einem spannenden Thriller zu einer Mysteryjagd, bei der hinter jeder Ecke neue Twists lauern. Die letzte Folge der ersten Staffel endet aber nicht nur mit einigen aufploppenden Fragezeichen, sondern vor allem der Gier nach noch mehr Ribisi als Marius/Pete, der keine bessere Wahl hätte sein können und an manchen Ecken sogar an Jesse Pinkman erinnert. Dieser Gedanke ist aber natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass Bryan Cranston in Walter White-Manier aufspielt und an alte, methkochende Zeiten erinnern lässt.

"Sneaky Pete" befindet sich mit seinem Doppelleben in einer unangenehmen und ernsten Situation, die die Macher jedoch zum Glück zu keinem Zeitpunkt auch wirklich toternst umsetzen wollten. Dadurch fühlt man sich vor dem Fernseher nicht wie in einem schwer durchzustehendem Krimifilm, sondern viel mehr wie in einer Show, die sich auch mal selbst ins Fäustchen lachen kann. So wie beispielsweise in jener Szene, in der ein Gangster mit seiner Mutter darüber diskutiert, eine Frau umbringen zu müssen – die genau vor ihnen steht. Das macht das Gesamtpaket, das man bei Amazon Prime Video ab heute auch komplett auf deutsch zu sehen bekommt, so liebenswert und vor allem wertvoll.

Ein Stück weit fühlt sich "Sneaky Pete" an wie ein chaotisches Familienessen an Weihnachten. Man hat eine tolle Zeit, genießt jeden Bissen, hat im Unterbewusstsein aber dieses starke Gefühl, dass noch irgendetwas Unvorhersebares und Dramatisches passieren kann, weil das bei ja bei jedem Familientreffen der Fall ist. In diesem Szenario ist es aber nicht die Schwester, die verrät, heimlich geheiratet zu haben - sondern Bryan Cranston, der die Tür eintritt und laut verkündet, dass sein nächstes großes Ding da ist. Endlich.

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