Am Montag herrschte noch ungewohnte Einigkeit: Sowohl die Mediengewerkschaft VRFF als auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) sowie ver.di riefen die Beschäftigten des WDR dazu auf, ihre Arbeit niederzulegen. Infolge des Streiks kam es zu massiven Auswirkungen im Programm, sowohl im TV als auch im Radio (DWDL.de berichtete). Bei den Tarifverhandlungen mit dem WDR-Management einen Tag später war von der Einigkeit zwischen den Gewerkschaften aber schon nichts mehr zu spüren. 

Wie schon in den letzten Jahren verhandelten DJV und ver.di gemeinsam mit der Musik- und Orchestervereinigung Unisono, auf der anderen Seite stand die VRFF, die mit einem eigenen Verhandlungsteam beim WDR vorstellig wurde. Hintergrund ist die Tatsache, dass VRFF und ver.di vollkommen zerstritten sind und nicht an einem Tisch sitzen können, insofern gab es am Dienstag in Köln zwei Tarifverhandlungen. Und die große Überraschung dieser Gespräche: Der WDR ist sich mit der VRFF einig geworden. 

Sowohl der Sender als auch die Gewerkschaft kommunizierten das Ergebnis ihrer "intensiven, aber konstruktiven Verhandlungen" (O-Ton WDR) an ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bzw. Mitglieder. Demnach steigen die Gehälter rückwirkend zum 1. Februar dieses Jahres um 1,23 Prozent, bereits im Januar waren sie um 1,23 Prozent gestiegen. Zum 1. Februar 2027 ist eine weitere Erhöhung um 2,0 Prozent geplant. Dann wird es kompliziert: Zum 1. Februar 2028 gibt es noch einen Anstieg, der mindestens 1,0 Prozent beträgt. Steigt der Rundfunkbeitrag, wie von der KEF vorgesehen, beträgt die Steigerung sogar 1,5 Prozent. 

Möglicherweise kommen auch noch weitere 1,0 Prozent dazu, diese Erhöhung ist aber daran geknüpft, dass sich WDR und Gewerkschaften bis Ende 2027 auf eine Regelung einigen, mit der WDR-Beschäftigte künftig unter bestimmten Bedingungen in anderen ARD-Anstalten eingesetzt werden könnten. Die theoretische Maximalerhöhung der Gehälter liegt damit bei 5,73 Prozent (Laufzeit 35 Monate) - und damit nur knapp unter Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst (5,8 Prozent, Laufzeit 27 Monate)

Während die VRFF-Verhandler erklären, sie hätten ihre "Ziele erreicht", will der WDR dieses mit der relativ kleinen Mediengewerkschaft ausgehandelte Ergebnis auf alle festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Unternehmen anwenden - unabhängig von ihrer Gewerkschaftszugehörigkeit. "Auch wenn die Gespräche mit den drei anderen Gewerkschaften ver.di, DJV und Unisono noch nicht abgeschlossen werden konnten", heißt es dazu intern vom WDR. Ausgenommen sind die Musiker und Freien, für die die VRFF nicht verhandelt hat. 

Was bietet der WDR den anderen Gewerkschaften?

Und nun wird es richtig heikel. Der WDR betont gegenüber seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, auch Unisono die Konditionen anbieten zu wollen, auf die man sich mit der VRFF geeinigt hat. Zu den Verhandlungen mit den beiden anderen - wesentlich größeren - Gewerkschaften heißt es vom Sender: "Der WDR ist bereit, sich mit ver.di und DJV auf eine Steigerung für die Honorare zu einigen, die sich im Volumen am Abschluss mit der VRFF orientiert."

"Dass die jetzt die Belegschaft gemeinsam mit dem WDR in eine Situation konkurrierender Tarifverträge bringen und damit in eine Situation, die in anderen Unternehmen für eine erhebliche Störung des Betriebsfriedens sorgt, hinterlässt mich gerade sprachlos."
Volkmar Kah, Geschäftsführer des Deutschen Journalisten-Verbands in NRW


Von ver.di, DJV und Unisono kommen dagegen anderslautende Informationen. In einem Statement informierten die Gewerkschaften ihre Mitglieder am Dienstagabend über den aktuellen Stand der fünften Verhandlungsrunde - da war die Einigung zwischen WDR und VRFF noch nicht bekannt. Demnach bot der WDR eine Einmalzahlung in Höhe von 1.000 Euro sowie 3 Prozent Gehaltssteigerung an - allerdings auf 35 Monate gerechnet. Wenn der Rundfunkbeitrag steigt, sollte die Erhöhung 4 Prozent betragen. "Das ist Lichtjahre entfernt von den Forderungen der Gewerkschaften", ließen ver.di, DJV und Unisono wissen. Und es ist eben auch noch ein Stück entfernt von den 5,73 Prozent, auf die man sich mit der VRFF geeinigt hat. 

Die Gewerkschaften gingen mit einer Forderung von einem Gehaltsplus in Höhe von 7 Prozent in die Verhandlungen mit dem WDR - und das bei einer Laufzeit von 12 Monaten. Das war wohl von Beginn an illusorisch. Aber ein Ergebnis, das sich am Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst orientiert hätte, wäre für die Gewerkschaften wohl ebenfalls noch sehr gut gewesen. Also in etwa einen solchen Abschluss, wie ihn nun die VRFF erzielt hat. Jetzt stellt sich die Frage, wieso der WDR den anderen Gewerkschaften dieses Angebot ganz offenbar nicht gemacht hat. Gestritten wird auch über Nebenforderungen, etwa die Entsendung von Mitarbeitenden zwischen den ARD-Anstalten. 

DJV: "Absolut konsterniert"

Dass nun die VRFF eine Einigung mit dem WDR erzielt hat, stößt den anderen drei Gewerkschaften sauer auf - insbesondere dem DJV. Volkmar Kah, Geschäftsführer des Deutschen Journalisten-Verbands in NRW, schrieb in einer Signal-Gruppe mit mehreren hundert Mitgliedern, von einem "Tabubruch des VRFF". Er habe mit den Vertretern der Gewerkschaft in der Mittagspause noch informell gesprochen, dass man angesichts des Angebots sicher keinen Abschluss hinbekomme. Er habe dafür von den VRFF-Verhandlern Zustimmung erhalten. "Und drei Stunden später schließen sie mit dem Haus was ab, ohne auch nur einmal Rücksprache zu nehmen." 

"Die Situation, dass wir uns zunächst mit nur einer Gewerkschaft einigen, hatten wir im WDR noch nicht."
Verwaltungsdirektorin und WDR-Verhandlungsführerin Stefanie Drinhausen


Er sei "absolut konsterniert", so Kah weiter, der der VRFF vorwirft, den anderen Gewerkschaften in den Rücken gefallen zu sein. "Dass die jetzt die Belegschaft gemeinsam mit dem WDR in eine Situation konkurrierender Tarifverträge bringen und damit in eine Situation, die in anderen Unternehmen für eine erhebliche Störung des Betriebsfriedens sorgt, hinterlässt mich gerade sprachlos. Zumal das mit Blick auf das Tarifeinheitsgesetz am Ende auch für die VRFF ein Pyrrhussieg werden dürfte." Das Tarifeinheitsgesetz besagt, dass in einem Betrieb bei konkurrierenden Tarifverträgen verschiedener Gewerkschaften grundsätzlich nur der Tarifvertrag derjenigen Gewerkschaft Anwendung findet, die dort die meisten Mitglieder hat. Das ist in jedem Fall nicht die VRFF.

Dass so deutliche Worte des DJV in Richtung VRFF kommen, ist deshalb bemerkenswert, weil die Mediengewerkschaft bislang eigentlich vor allem mit ver.di über Kreuz lag. Der DJV bemühte sich in den vergangenen Jahren immer wieder als Brückenbauer zwischen den zerstrittenen Parteien - und sieht sich jetzt durch die VRFF hintergangen. 

"Der Rahmen ist gesetzt"

"Die Situation, dass wir uns zunächst mit nur einer Gewerkschaft einigen, hatten wir im WDR noch nicht", erklärte Verwaltungsdirektorin und WDR-Verhandlungsführerin Stefanie Drinhausen derweil gegenüber den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Entscheidend sei jedoch gewesen, zügig einen Tarifabschluss zu erzielen. "Wir sind bis an die Grenzen des finanziell Machbaren gegangen – gleichzeitig hat auch die VRFF sich stark bewegt", so Drinhausen weiter. Mit den anderen Gewerkschaften will die Verwaltungsdirektorin weiter sprechen. "Der Rahmen ist gesetzt, aber wir haben ein Interesse daran, auch für die freien Kolleginnen und Kollegen und die Musikerinnen und Musiker unserer Ensembles zügig eine verbindliche Einigung mit den anderen Gewerkschaften zu erzielen und alle Tarifverträge zu schließen."

Bei DJV, ver.di und Unisono muss man das wohl so verstehen: Der WDR will zwar weiter verhandeln, das maximale Mögliche liegt aber bereits auf dem Tisch. Ob sich die drei Gewerkschaften darauf einlassen, muss sich erst noch zeigen. Noch ist das Tischtuch nicht komplett zerschnitten, für den 1. Juli ist die nächste Verhandlungsrunde angekündigt. Und man kann mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass es im Vorfeld erneut zu Streiks kommen wird. Daran wird sich die Mediengewerkschaft VRFF dann aber wohl nicht beteiligen.