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DWDL.de-Webcheck

Alles oder nichts: Zoomer.de spielt auf Risiko

von Thomas Lückerath
18.02.2008 - 08:33 Uhr

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Ein Versprechen haben die Macher des neuen Holtzbrinck-Portals Zoomer.de gehalten: Es ist anders als alle bisherigen Nachrichtenportale. Doch diese Einzigartigkeit birgt ein enormes Risiko: Zoomer.de fordert ein völlig anderes Nutzungsverhalten. Gelingt es, dies den Usern anzutrainieren? Zoomer.de im DWDL.de-Webcheck.

Foto: ZoomerUnterschieden sich die bisherigen Nachrichtenportale im Endeffekt nur im Detail, schafft Zoomer.de tatsächlich die Revolution. Das neue Nachrichtenangebot aus dem Hause Holtzbrinck wollte völlig anders sein als die Online-Angebote von Spiegel, Focus, Welt und Co. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes auf den ersten Blick gelungen. Die Optik unterscheidet sich klar von den Klassikern; setzt auf der Startseite mehr auf Bild und Video als auf Text.
 
Die Topthemen werden nach einem Index sortiert, der sich aus Aktualität und Interesse zusammensetzt. Letzteres erklärt Zoomer.de: "Je stärker eine Story geklickt wird, desto mehr grüne Punkte werden vergeben." Und weiter: "Je mehr Ihr Euch für ein Topthema interessiert, desto intensiver wird das Thema von der Redaktion weiterverfolgt." Der Klick in ein Thema wird mit dem Interesse an ihm gleichgesetzt. Eine Gleichung die verblüffend einfach und logisch erscheint und doch irgendwie die Beklemmung auslöst, dass die Personalisierung und Automatisierung des Web2.0, die inzwischen auf immer mehr Websites zu finden ist, den Wissenshorizont eher beschränkt als erweitert.

Das Motto von Zoomer.de: Wichtig ist, was die Masse interessiert oder zu Deinen Profilangaben passt. Oder anders formuliert: Interessiere Dich doch bitte für das, was Du angegeben hast. Man kann argumentieren, dass dies ein Fortschritt ist. Dass die Bedeutung von Nachrichten eben nicht mehr von einzelnen Journalisten beurteilt wird. Doch es nimmt dem Internetnutzer vielleicht auch eigenständiges Denken ab. Dramatischer formuliert: Es lässt das Verlangen, mehr zu erfahren, verkümmern. Denn wenn automatisiert und personalisiert zunächst nur das zur Verfügung gestellt wird, was andere für wichtig halten oder das Redaktionssystem aufgrund meiner Angaben als interessant für mich einstuft, besteht die Gefahr, sich damit zufrieden zu geben.
 
Kurioserweise macht damit ein Web2.0-Portal, dass gerade durch die Beteiligung der User an Interaktivität gewinnen soll, manchen Leser dabei so passiv wie kein anderes Nachrichtenangebot: Man muss dem Interesse der anderen Nutzer vertrauen. Herausgeber Wickert spricht von "Nachrichten, die Euch wirklich interessieren". Doch genau hier stößt Zoomer.de noch an Grenzen: Ein Besuch der Seite gibt nach allerlei Rumspielerei leider nicht das Gefühl, gut informiert zu sein.
 
Foto: Zoomer
Der obere Teil der Startseite: Topthemen und weitere News in einer Bilderleiste
 
 
Ein Kernproblem: Die Startseite von Zoomer.de lässt sich nicht einmal kurz überfliegen. Und das ist und bleibt ein wichtiges Kriterium für eine Nachrichtenseite. Zu viele kleine Bilder, z.B. in einer nichtssagenden Bilderleiste unterhalb der Topthemen, müssen erst mit der Maus überfahren werden, um überhaupt eine Info zu bekommen, was sich hinter dem bunten Angebot verbirgt. Weitere Nachrichten finden sich in den beiden Bereichen "Nachrichten-Zoom" und "Netz-Zoom". Widmet sich das eine den mehr oder weniger harten Nachrichten, bündelt die zweite Kategorie nette Storys aus dem Netz - im Wesentlichen das, was man zur Zerstreuung gerne liest oder Freunden und Kollegen weiterschickt. Gerade die Artikel bei "Netz-Zoom" fallen jedoch durch ihre Kompaktheit auf. Zumindest zum Start fragt man sich ab und an, woran denn gleich 40 Redakteure bei Zoomer.de arbeiten. Dafür sind häufiger Videos integriert, wenn auch hier und da einfach von YouTube.

Nett aber belanglos sind die beiden Features mit den vielversprechenden Namen "Gegensprechanlage" und "Ansichtssachen". Hinter letzterer versteckt sich lediglich eine ordinäre Bildershow mit offenbar beliebigen Bildern. Bei der "Gegensprechanlage" wird eine provokante These zur Diskussion gestellt. Potential haben hingegen die "Meinungsmacher": Direkte Videokolumnen ohne peinliche Inszenierung, die im Fall von Herausgeber Ulrich Wickert zwar noch etwas zu sehr nach angestrengtem Experimentieren aussehen und dennoch Lust auf mehr machen.
 
Sehr gelungen sind hingegen die multimedialen Ergänzungen bei ausgesuchten Topthemen. Von "Hörbildern" über Infografiken bis zu Bilderstrecken, Umfragen oder Videos findet sich eine Vielzahl von weiteren Hintergrundinformationen. Findet der User einmal eines dieser Topthemen, kann dahinter also überraschender Tiefgang stecken. Da legt man sich richtig ins Zeug, während man sich sonst fragt, woran gleich 40 Redakteure arbeiten. Ab und an werden auch andere Pressestimmen ("Die Anderen") zu speziellen Themen angeboten. Und natürlich lassen sich alle Artikel kommentieren - ein Standard im Web2.0.
 
Foto: Screenshot
Der untere Teil: Die beiden Nachrichtenrubriken sowie einige Spielereien
 
 
Wer Zoomer.de nutzen will, braucht Zeit. Für Nachrichtenseiten war dies bislang kein gutes Zeichen. Ist die Generation StudiVZ grundsätzlich bereit, häufiger zu klicken? Geht Community über Praktikabilität? Überblick, den Ulrich Wickert in einem Video zum Start der Website verspricht, bietet Zoomer überhaupt nicht. Nein, die Seite will oder muss viel mehr entdeckt werden und ist dabei leider alles andere als übersichtlich. Selten musste bei einer Newsseite so oft geklickt werden, um dann doch vergleichsweise wenig Überblick über das Nachrichtengeschehen zu bekommen.
 
Und hier entscheidet sich für Zoomer.de alles: Schafft es die Truppe um Herausgeber Wickert, ein seit Jahren gelerntes Nutzungsverhalten der Internetuser zu ändern? Kommt Zoomer.de diese Aufgabe zu? Nein nicht zwingend. Man hat sie sich auferlegt und glaubt an die selbst ausgerufene Revolution. "Zoomer ist das erste echte Internet-Nachrichtenportal", behauptet Wickert im Video zum Start. Und klingt überzeugt.

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