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Neue Prostitution

Sturm der Entrüstung gegen "Erwachsen auf Probe"

von Jochen Voß
14.05.2009 - 16:16 Uhr

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Mit Begriffen wie "Babyhandel" und "Prostitution" schießen Verbände gegen die neue RTL-Doku "Erwachsen auf Probe". Das Problem wie so oft: Noch hat die Sendung niemand gesehen und die Kritik nährt sich aus ersten Ankündigungen und den damit verbundene Assoziationen. RTL jedoch hat wieder einmal ordentlich Publicity.

Erwachsen auf ProbeDie Debatte um eventuelle moralische oder rechtliche Verfehlungen in den Sendungen "Deutschland sucht den Superstar" und "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" wollte in diesem Jahr nicht so recht aufkommen. Auch "Big Brother" lockt kaum noch einen Medienkritiker hinter dem Ofen hervor. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn die Fomate sind alle schon seit einigen Jahren auf dem Schirm und mittlerweile zum Fernseh-Alltag geworden.

In diesem Jahr allerdings schafft es RTL doch noch, Interessenvertreter auf die Barrikaden zu bringen. Im Vorfeld der Doku-Reihe "Erwachsen auf Probe" hagelt es Kritik. Nachdem der Deutsche Kinderschutzbund dem Sender bereits in der vergangenen Woche vorgeworfen hat, man habe bei der Produktion der Sendung, bei der unter anderem wenige Wochen alte Säuglinge über mehrere Tage von Jugendlichen Leiheltern versorgt werden, "die Entstehung einer Bindungsstörung bei den Kindern billigend in Kauf" genommen, empören sich nun weitere Verbände.
 

 
Verhältnismäßig sachlich fällt noch die Kritik der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten aus. Der Verband fordert, dass "die familiäre Intimität von Baby und Eltern erhalten" bleiben müsse. "Wir Kinderpsychotherapeuten halten solche öffentlichen Pseudoexperimente mit Babys für ethisch äußerst bedenklich und fordern, dass RTL diese Reihe zurückzieht", sagte der Bundesvorsitzende der Vereinigung, Peter Lehndorfer.

Mit politischen Forderungen verbindet die Bundespsychotherapeutenkammer ihren Protest gegen die angekündigte Sendung. "Die Länder sollten prüfen, ob die geltenden Mediengesetze ausreichen, um Kinder vor gesundheitsgefährdenden TV-Experimenten zu schützen", sagte deren Präsident Rainer Richter.
 
Auch die Politik hat sich bereits mit dem Thema befasst. In einer Mitteilung der Kinderkommission des Deutschen Bundestages heißt es: "RTL instrumentalisiert in diesem Sendeformat Kinder in unverantwortlicher Weise. Die Produzenten dieser Sendung setzen insbesondere kleine Kinder bewusst existenziellen Ängsten aus und nehmen die seelische Gefährdung der Kinder billigend in Kauf". Die Kommission fordert den Sender auf, die Reihe nicht auszustrahlen.

Gleich das "sofortige Verbot" der Sendung - durch wen auch immer - fordert der Deutsche Hebammenverband, der in der Sendung eine "neue Form der Prostitution" sieht. "Kleinste Kinder ohne Not von ihren Eltern zu trennen ist ein grob fahrlässiges Vergehen, das eigentlich eine Anzeige nach sich ziehen müsste", wettert deren Präsidentin Helga Albrecht. Der Verband sieht in der Sendung eine "neue Form des 'Babyhandels'". Stefan Sauer, Parlamentsredakteur des "Kölner Stadtanzeiger" fordert gar in einem Kommentar der Zeitung: "Die Programmverantwortlichen sollte man für 96 Stunden mit pathologischen Gewalttätern in einen Raum sperren. Mal schauen, wie sie so klar kommen, mit haut'se auf die Schnauze".

Und RTL selbst? Der Sender bleibt wie gewohnt gelassen und hält an der Ausstrahlung fest. "Es ist unbestritten, dass in Deutschland die Zahl der Teenager-Mütter und der Schwangerschaften bei minderjährigen Mädchen kontinuierlich zunimmt und dass viele Jugendliche leider nicht 'reif' für eine Familiengründung sind", entgegnete RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger den Kritikern. "Auch wegen dieser großen sozialen Relevanz machen wir das Projekt und sehen es als eine soziale Reifeprüfung für Jugendliche", so Sänger weiter. Die Sendung sei ein Eignungstest für Jugendliche mit Kinderwunsch, bei dem sie Familienkompetenz erlernten und Verantwortung für sich, den Partner und Kinder übernähmen.

Bereist in der vergangenen Woche hieß es seitens des Senders: "Eine pauschale Verurteilung des Formates aufgrund einer Programmankündigung kann keine Grundlage für eine Diskussion sein." Am Donnerstag bekräftigte RTL die Einladung an die Kritiker, sich die Sendung anzuschauen, um sich ein Bild zu machen. Man betont, dass sich die echten Eltern während der Produktion der Sendung in unmittelbarer Nähe befunden hätten und ein Abbruch der Dreharbeiten jederzeit möglich gewesen sei.

Ansonsten dürfte RTL dieser regelrechte Sturm der Entrüstung wohl nicht unbedingt ungelegen kommen. Schließlich schafft dies auch Aufmerksamkeit für das Format und nährt die Neugier beim Publikum, wie groß die Grenzüberschreitung des Senders tatsächlich ausfallen wird, so es denn eine gibt. Mit der Ankündigung des Sendetermins vor wenigen Wochen war die Produktion ohnehin längst abgeschlossen. Die erste Ankündigung für die Sendung gab es bereits im vergangenen Sommer. Gedreht wurde im vergangenen Herbst.

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