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DWDL.DE-KOMMENTAR

Der perfide Humor von "Schwiegertochter gesucht"

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(02.11.2009) Das RTL-Format "Schwiegertochter gesucht" gilt landläufig als Lizenz zum Fremdschämen. Bei RTL verwahrt man sich gegen Vorführ-Vorwürfe. Dabei wirkt das Prinzip der Sendung höchst perfide. Ein Kommentar von Jochen Voß.

Vera Int-Veen präsentiert Schwiegertochter gesucht
© RTL / Thomas Pritschet
Ein weiteres Format, das das Trendthema Fremdschämen bedient, feierte am gestrigen Sonntag einen neuen Rekord. Mit 2,68 Millionen Zuschauern in der werberelevanten Zielgruppe und einem Marktanteil von 22 Prozent ging am Sonntag-Abend die dritte Staffel der Kuppelshow "Schwiegertochter gesucht" zu Ende. Bereits am heutigen Montag startete RTL einen Aufruf an schwer vermittelbare Single-Männer, die noch bei ihrer Mutter leben, sich in Staffel vier eine Partnerin suchen zu lassen. Gegenüber den vorherigen beiden Staffeln konnte die Sendung in dieser Saison noch einmal zulegen.

Sorgte die Zurschaustellung schlichter Gemüter und deren Alltags im Zusammenhang mit täglichen Talks noch für Aufregung und Abscheu im meinungsstarken Teil der Bevölkerung, so ist ein Format wie "Schwiegertochter gesucht", bei dem die Lebens- und Liebesgeschichten der Protagonisten in den Holzschnitt einer Groschen-Romanze gepresst werden, mittlerweile weitgehend Konsens. Es ist salonfähig geworden, sich bei der Sendung zu amüsieren.
 



 
Das gemeinschaftliche Scheitern der Protagonisten in Liebe und Leben führt im Storytelling der Reihe zu einem vermeintlichen Erfolg (...und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage). Zudem vollbringt das Format die Meisterleistung, durch eine auf den zweiten Blick höchst ironisierende Verpackung wohlige Distanz zum Gezeigten und der traurigen Realität zu schaffen, so wie sich landläufig mehr und mehr die Ironie als Mittel der Aneignung von Dingen empfiehlt, die man mag, aber irgendwie doch spießig, doof oder beides wähnt - vom „Rosamunde Pilcher“-Lesen bis zum sonntäglichen Besuch im Sahnetortencafé. Dabei erkennt die Ironie nur der, der sie auch sehen will und als Rechtfertigung braucht.

Bei „Schwiegertochter gesucht“ schlägt sich die Ironie in Sprechtexten und Bauchbinden nieder, die die schaurig-schöne Schlichtheit des gezeigten mit Zuspitzungen, Plattitüden und einer Schwemme von Adjektiven überhöhen und zum Kult avancieren lassen. („In seinen tränenfeuchten Augen spiegelt sich der Glanz der Kerzen“ - „Liebevoll schließt er sie in seiner starken Arme“, „Pünktlich stellt sich der Schlagerfan an die Straße, um zum ersten Mal in seinem Leben eine Frau in Empfang zu nehmen“.).

Schaut man sich die Sendung an, so fällt auf, wie wenig Doku in der Doku steckt. Aufgesagte Texte und mehr Bauerntheater als bei "Bauer sucht Frau" bestimmen die Handlung, die akribisch auf das simpelste Erzählschema, das eine Romanze braucht, heruntergebrochen wird. Macht für einen Teil der Zuschauer die Unfassbarkeit der Lebensrealtität vieler Menschen in unserem Land den Reiz aus, so mag es für die anderen die Schlichtheit des Groschenromans mit dem Glücksversprechen sein, die "Schwiegertochter gesucht" so leicht konsumierbar macht.

Doch so kultig und angesagt die schrägen Typen aus dem Alltag auch sein mögen: Sie sind Zeichen einer neuen Haltung im Fernsehen und beim Publikum. Waren vor rund zehn Jahren noch die kleinsten äußerlichen Makel ein Ausschlusskriterium dafür, in einem Beitrag der Privatsender sein Gesicht in eine Kamera halten zu dürfen, so sind diese Zeiten nun vorbei. An fast allen Abenden der Woche sind die Typen aus der Nachbarschaft in den verschiedensten Sendungen zu sehen.
 
Lesen Sie auf der folgenden Seite, warum es sich bei der Sendung um Comedy handelt und wie sich das Format durch sein Konzept selbst gegen Vorführ-Vorwürfe schützt.






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