Quizduell © ARD/Uwe Ernst
Vorurteil der Woche

Machen Quizshows A) schlauer oder B) Kopfschmerzen?

von Peer Schader
08.11.2014 - 09:56 Uhr

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"Unterhaltsames Bildungsfernsehen" hat der NDR-Intendant gerade der Deutschen liebstes TV-Genre genannt: die Quizshow. Aber was ist das für ein Wissen, das uns in den Sendungen vermittelt wird? Und für was kann man's gebrauchen?

Vorurteil der Woche: Quizshows sind "unterhaltsames Bildungsfernsehen".

* * *

Quizshows im deutschen Fernsehen sind so alt wie die Menschheit selbst. Zumindest kriegt man beim Zusehen leicht das Gefühl. Insofern ist es bloß konsequent, was die ARD in der zurückliegenden Woche zum  liebsten TV-Genre der Deutschen bekanntgab: Jörg Pilawa moderiert ab Februar eine tägliche Ausgabe des "Quizduell" im Ersten. Und Jörg Pilawa moderiert ab Ende Dezember die wöchentliche Ausgabe der "NDR Quizshow" im NDR. (Zum Auftakt übrigens, Sie ahnen's, mit einem "XXL-Prominentenspecial".) Zu letztgenannter Nachricht, die sich nicht als vorgezogener Aprilscherz entpuppt hat, ließ sich NDR-Intendant Lutz Marmor ein großes Lob entlocken:

"Die NDR Quizshow bietet viel Wissenswertes, Neues und Überraschendes aus dem Norden – das ist auch unterhaltsames Bildungsfernsehen."

Es ist ein Argument, das vor allem von den öffentlich-rechtlichen Sendern gerne bemüht wird, um die Flut an Sendungen zu begründen, die mit minimalen Variationen an Spielprinzipien und Studiokulisse ins Programm gekippt wird. Aber: stimmt es auch? Bilden wir uns beim Zuschauen unbemerkt weiter? Sind die Sendungen heimliche Volkshochschulkurse, die uns die Sender clever als buntes Entertainment verpackt unterjubeln? Kurz und gut: Macht Quizshowgucken A) wirklich schlau – oder B) bloß Kopfschmerzen?

Quizduell
© ARD/Uwe Ernst

Ich hab's ausprobiert und für Sie ferngesehen: Quizshows. Viele, viele Quizshows. Und das hab ich mir gemerkt:

Cosma Shiva Hagen, ihre Mutter Nina und ihre Oma Eva-Maria gehören zu den Synchronsprechern des aktuellen Kinofilms "Biene Maja". Ein missglückter Wurf beim Boßeln und Klootschießen heißt "Pudel". Dreifarbige Katzen sind fast immer weiblich. Flughafenangestellte bezeichnen die im Ticketpreis enthaltene Gebühr für den Sicherheits-Check als "Fummelgebühr". Der älteste Diskus wurde erstmals 1840 wissenschaftlich beschrieben. Einstein arbeitete mal als Elektriker auf dem Oktoberfest. Pentheraphobie bezeichnet man die Angst vor Schwiegermüttern. Auf Sylt werden Möwen durch Raubvogelschreie aus Lautsprechern verjagt. Der asiatische Karpfen springt meterhoch, wenn man ihn erschreckt. In ein echtes "Friesentatar" gehören Matjes und Apfel. Das Tragen von Shapewear fördert Blähungen. Entschuldigung, wir müssen kurz Werbung machen:

Weiter geht's: Wenn man in einer russischen Gaststätte "Kwas" bestellt, bekommt man Brotbier. Mayonnaise hilft gegen trockene Kopfhaut. Elvis war gar nicht schwarzhaarig. Das Streicheln von Moos beruhigt den Stresspegel. Der bekannte "Sportschau"-Moderator kommt aus Büdelsdorf. Mike Tyson züchtet in seiner Freizeit Tauben. Ein Chasmologe beschäftigt sich mit Gähnen. Für das Jugendschwimm-Abzeichen in Gold muss man 600 Meter in 24 Minuten schwimmen.

Können Sie noch? Gut:

Die NDR Quizshow
© NDR

Bei Wäschetrocknern geht der Trend seit einiger Zeit eindeutig hin zur Wärmepumpentechnik. Norderney besteht aus drei Stadtteilen. Orange ist kein Inhaltsstoff von "LaDu", dem selbstkreierten Parfüm der Holzmindener Landfrauen. Tischtennisbälle gelten im Paketversand als Gefahrgut. Jürgen Klopp hat mal einen Kaugummi für 450 Euro versteigert. Bei den Olympischen Sommerspielen 1908 wurden erstmals Wettkämpfe im Eislaufen ausgetragen. Männer mit längerem Ringfinger haben größeren Erfolg bei Frauen. Von Benjamin Franklin existiert kein Foto. Kissenbezüge für Hausstaubmilbenallergiker werden auch "Encasing" genannt. "Komet" bedeutet eigentlich "Der Behaarte". Der Körper produziert täglich 37 Meter Haare. Das Landgestüt Redefin ist bekannt für seine jährliche Hengstparade. Eine halbe Stunde Küssen hilft gegen Heuschnupfen. Und. So. Weiter.

Es wird Menschen geben, die behaupten, sie fühlten sich mit einem solchen "Wissen" schlauer. Und wer auf sehr langweiligen Partys keine Lust hat, über Politik, das Leben oder die schwindende Coolness von Apple zu diskutieren, mag diese Ansammlung von Ein-Satz-Informationen nutzen, um den Abend bis zur erlösenden Trunkenheit zu überbrücken. (Einfach ausdrucken ausschneiden und auf den Unterarm kleben.)

Für alle anderen ist die Quizshow-Schlaumeierei bloß eine Ansammlung von Nutzlosigkeiten, die fast nie dabei hilft, zu verstehen, wie die Welt funktioniert, weil sie vorrangig darauf ausgerichtet ist, die Moderationskärtchenindustrie vor der Pleite zu bewahren.

Unter Umständen sind Quizshowgucker sogar dümmer als Wegseher, weil das eigene Hirn im fortdauernden Gewöhnungsprozess ohne vorher Bescheid zu sagen Platz freiräumt, wo der ganze Nonsens abgeheftet werden kann – und dafür ein Haufen alter Kram rausfliegt: Wahrscheinlichkeitsrechnung, die Weltformel, der gesunde Menschenverstand. Falls nicht, haben wir noch mal Glück gehabt.

Aber das Vorurteil: stimmt nicht.

Quellen: "Das 24h Quiz" (WDR), "Das verrückte Körperquiz" (Sat.1), "Die NDR Quizshow" (NDR), "Gefragt – gejagt" (NDR), "Quizduell" (Das Erste), "Was weiß ich?" (Sat.1), "Wer wird Millionär?" (RTL)

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