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Meine Woche in Serie

Verändern Politikserien unseren Blick auf die Politik?

von Ulrike Klode
19.03.2016 - 10:55 Uhr

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Eine Vize-Präsidentin in "Veep", die das Wahlvolk verabscheut. Ein Politiker in "House of Cards", der durch Lug, Betrug und Mord ins Amt gekommen ist. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode beschäftigt sich mit der Frage, wie sich diese negativen Darstellungen von Politikern in Serien aufs Publikum auswirken.

Würde ich tatsächlich Selina Meyer aus "Veep" als Präsidentin wählen? Ich weiß es nicht. Sollte sie wirklich zur Wahl stehen, wüsste ich als Wählerin ja gar nicht all das, was ich als Zuschauerin weiß. Ich wüsste nicht, dass sie sich unbehaglich fühlt, wenn sie sich mit dem normalen Bürger abgeben muss. Ich wüsste nicht, wie opportunistisch ihre Aussagen sind, wie machtverrückt sie ist, wie respektlos sie zu ihren Angestellten ist, wie herzlos sie mit ihrer Tochter umgeht, wie egozentrisch sie denkt und lebt. All diese Punkte würden sie als Präsidentin disqualifizieren. Als Serienfigur machen sie diese Punkte allerdings großartig. Aber das Gute ist ja: Sie steht nicht zur Wahl. Julia-Louis Dreyfus spielt hier eine Figur, die an die Wirklichkeit angelehnt ist, bei der aber all das ins Extreme gedreht wurde, was an manchen echten Politikern als Macke oder im Politikbetrieb als Schwäche auffällt. Und ich fühle mich extrem gut unterhalten, freue mich, dass ich, wenn ich die Staffel 3 durch habe, nicht warten muss, sondern gleich bei Staffel 4 weitermachen kann. Dennoch hat mich Selina Meyer nachdenklich gemacht.

Obwohl sie unterschiedlichen Genres angehören, haben "Veep" und "House of Cards" etwas Entscheidendes gemeinsam: Sie zeichnen ein sehr negatives Bild vom Politikbetrieb. "House of Cards" löst sich zwar mit jeder Staffel mehr von der Realität, auch wenn Themen der Zeit aufgefriffen werden, ist die Charakterentwicklung doch fern der Wirklichkeit. Und "Veep" entspricht ebenfalls nicht dem wahren Leben: Über jeder Handlung, jeder Mimik der Charaktere steht in dicken, fetten Buchstaben "SATIRE". Dennoch: Wie wirkt sich das aus, wenn man geballt fiese, arrogante, korrupte und manipulative Politiker-Figuren vorgesetzt bekommt? Gerade in einer Zeit, in der ein echter Wahlkampf stattfindet, der zugegebenermaßen aus der Ferne betrachtet irrwitzige Züge hat?

Ich persönlich kann das nicht beurteilen, weil ich am 8. November natürlich nicht an der US-Präsidentschaftswahl teilnehmen darf. Aber ich kann zumindest versuchen, mich in die Situation hinzuversetzen. Und zwar mit folgendem Gedankenexperiment: Nehmen wir mal an, die deutsche Serienkultur stünde der amerikanischen in nichts nach und seit einigen Jahren liefe die fesselnde deutsche Politikserie "Haus der Macht". Im Mittelpunkt: Ein Politiker, der sich mit aller Macht durch die Partei-Gremien intrigiert und dabei nicht vor Korruption und Erpressung zurückschreckt - bis der Parteivorstand nicht mehr anders kann, als ihn zum Kanzlerkandidaten vorzuschlagen. Er wird gewählt und einmal an der Macht ist Machterhalt sein oberstes Ziel - mit allen Mittel. Mit wirklich allen Mitteln: Da werden Kritiker eingeschüchtert und bedroht, sogar aus dem Weg geräumt, politische Partner gekauft. Hervorragende Schauspieler, gute Dialoge, nachvollziehbare Charakterentwicklung - nehmen wir an, an dieser Serie würde wirklich alles stimmen.

Würde das meine Meinung, die ich von deutschen Politikern habe, beeinflussen? Hm. Schwer zu sagen. Sehr schwer zu sagen. Als vernunftbegabtes Wesen sollte ich in der Lage sein, Serie und Realität zu trennen, klar. Aber das Unterbewusstsein? Was ist mit dem Unterbewusstsein? Kann es nicht sein, dass sich da Gedanken verstecken, die irgenwann - bei einem echten Skandal - hervorkommen und sagen: "Siehste! Alles wahr! Alle korrupt! Genau wie in "Haus der Macht"!" und die ich nur schwer wegscheuchen kann, die sich ganz langsam als Vorurteil manifestieren?  

Tatsächlich gibt es Menschen, die Ausschnitte und Szenen aus der neuen Staffel "Akte X" als Beweis für ihre kruden Verschwörungstheorien auf Facebook posten. Sie scheinen es für bare Münze zu nehmen, was sie in der Serie sehen. Heißt das, dass "Akte X" eine Gefahr ist? Sollte man daraus und aus der möglicherweise verzerrten Wahrnehmung durch Politikserien folgern, dass es unverantwortlich ist, solche Serien zu zeigen? Dass die Serienmacher (Sender, Produzenten, Autoren) eine Verantwortung haben? Dass sie sich dessen bewusst sein müssen, dass eine negative Politikerdarstellung oder das Thematisieren von Verschwörungstheorien in geballter Serie Folgen hat und einen gewissen Grad nicht überschreiten darf? Nein! Wer das fordert, unterstellt, dass das Publikum unmündig ist. Doch das sind wir, die wir auf dem Sofa sitzen und gucken, nicht. Ja, Serien wirken auf uns. Aber: Es ist meine eigene Entscheidung, ob ich etwas gucke oder nicht und inwieweit ich zulasse, dass es auf mich wirkt. Wir auf dem Sofa müssen uns nur immer wieder bewusst machen, dass Serien nicht die Wirklichkeit zeigen. Sie sind hin und wieder von der Wirklichkeit inspirierte Geschichten, die reine Fiktion sind. Ihr Zweck ist es, uns zu unterhalten. Und wenn uns das zum Nachdenken anregt, umso besser.

Und zum Schluss habe ich noch zwei Gucktipps und einen Hörtipp:

Eine etwas andere Superhelden-Geschichte geht weiter: die zweite Staffel "Daredevil" ist seit 18. März bei Netflix verfügbar. Sehenswert! (Wer mit der ersten Staffel loslegen will, die gibt's natürlich auch bei Netflix.)

Drehbuchautorin Annette Hess, die Erfinderin und Autorin von "Weissensee", hat eine neue Serie am Start: "Ku'damm 56", eine dreiteilige Familien-Geschichte rund ums Erwachsenwerden und Rock'n'Roll. Zu sehen im ZDF am Sonntag, 20. März, Montag, 21. März, und Mittwoch, 23. März, jeweils um 20.15 Uhr. Ich hatte noch keine Zeit, reinzuschauen - freue mich aber darauf.

Julia Louis-Dreyfus war in dieser Woche im Podcast "The New Yorker Radio Hour" zu Gast und hat über den US-Wahlkampf, ihre Vorbereitungen auf die Rolle, ihre Karriere und Frauen im Entertainment-Business gesprochen. Die Folge gibt's bei iTunes, hier oder abrufbar in Podcast-Apps. (Das Gespräch geht bei 4:30 Minute los und dauert bis 17:30.) 

Jetzt zum wirklich Wichtigen: Wo kann man das alles gucken, über das ich schreibe?

"Veep": Staffel 3 läuft seit Donnerstag, 17. März, beim Pay-Sender Sky Atlantic. Alle vier bisherigen Staffeln gibt's bei Amazon Video, iTunes, Maxdome und Wuaki und auf DVD. Die fünfte Staffel startet in den USA am 24. April bei HBO.  

"House of Cards": Die vierte Staffel ist aus Rechtegründen in Deutschland NICHT bei Netflix zu finden. Wöchentlich freitags werden die Folgen bei Sky Atlantic ausgestrahlt (synchronisiert und im Original). Die komplette vierte Staffel gibt's zum Beispiel bei Amazon Video, iTunes, Maxdome, Sky Go/Sky Online. Alle anderen Staffeln finden sich bei Amazon Video, iTunes, Maxdome, Netflix, Sky Go/Sky Online, Sony, Videoload, Wuaki, Xbox Video.

"Akte X", Staffel 10: Ist auf ProSieben gerade zu Ende gegangen. Gibt's bei Amazon Video, Maxdome und Sony. 

Wer mir auf Twitter folgen möchte, kann das hier tun: @FrauClodette.

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