Seit 1974 gehört der Spiegel-Verlag über die Spiegel-Mitarbeiter KG zur Hälfte den dort beschäftigten Mitarbeitern, inzwischen hält der Verlag sogar 50,5 Prozent der Anteile. Gemeinsam mit Gruner + Jahr, das weitere 25,5 Prozent der Anteile besitzt, kann somit über die Köpfe der Augstein-Erben hinweg entschieden werden. Doch die starke Stellung der Mitarbeiter machte die Führung des Unternehmens in den letzten Jahrzehnten nicht unbedingt einfacher.

Führungswechsel waren stets mit einem zähen Ringen verbunden. Schon als Stefan Aust 1994 zum Chefredakteur berufen wurde, geschah das nur unter Protest der Mitarbeiter-KG. "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein musste schon mit Rücktritt drohen, um seinen Kandidaten doch noch durchzusetzen. Geliebt wurde Aust trotzdem nie, und doch hielt er sich über 13 Jahre lang an der Spitze des "Spiegels" - bis am 15.11.2007 auf Betreiben der Mitarbeiter-KG verkündet wurde, dass Austs Vertrag, der bis Ende 2008 lief, nicht verlängert wird. In den Wochen und Monaten zuvor hatte es Querelen gegeben. So galt Aust als Gegner einer Umstrukturierung von Spiegel TV, zudem gab es Kritik an dessen Führungsstil. Dreieinhalb Monate später wurde er dann sogar beurlaubt und vorzeitig abberufen. In der Folge stritten sich Aust und der "Spiegel" vor Gericht über Kündigung und Abfindung. "Man hätte meinen Abgang auch eleganter lösen können", kommentierte der Geschasste selbst später die Vorgänge.

Auch die neuen "Spiegel"-Chefredakteure Mascolo und Müller von Blumencron schrieben in ihrer ersten "Hausmitteilung": "In der Findungsphase und bei den Umständen Beurlaubung von Chefredakteur Stefan Aust hat der 'Spiegel' nicht immer geschickt agiert - das hätten wir besser machen können." Denn bevor man sich für diese interne Lösung entschieden hatte, wurden reihenweise öffentlich andere Namen gehandelt - allen voran Claus Kleber, der schließlich doch absagte und damit beim ZDF bessere Konditionen herausschlug. Allzu lang hielt dann auch die Doppelspitze übrigens nicht: Seit Februar steht nun Georg Mascolo allein an der Spitze des Magazins, während sich Mathias Müller von Blumencron allein dem Digitalbereich widmet.

Doch zurück ins Jahr 2008: Dort war der unrühmliche Abgang von Stefan Aust noch gar nicht richtig verdaut, da wurde bereits die nächste Führungskraft unter Beschuss genommen. Der unbeliebte Geschäftsführer Mario Frank, der einst auf den ebenfalls auf Betreiben der Mitarbeiter abgesägten langjährigen Geschäftsführer Seikel folgte, sollte - gegen den Willen von Mitgesellschafter Gruner + Jahr - gehen. Im April sprach die Mitarbeiter-KG als Mehrheitsgesellschafter Frank das Misstrauen aus. Frank galt als Modernisierer, seine Art als eher ruppig und undiplomatisch. Das war angesichts der gewohnten Konsens-Kultur beim "Spiegel" ein kleiner Kulturschock, der den Mitarbeitern nicht schmeckte, Gruner + Jahr, das mehr an einer effizienten Führung und satten Gewinnen interessiert war, dafür aber um so mehr.

Und so wurde auch dieser Machtkampf - diesmal zwischen den Gesellschaftern - in der Öffentlichkeit ausgetragen. G+J-Chef Kundrun ließ in einem Interview wissen: "Natürlich muss ein Geschäftsführer auf der einen Seite den Konsens suchen. Auf der anderen Seite verlangt die Führungsaufgabe aber, dass er für das einsteht, was er für richtig hält". Das Fehlen einer Vision, das die Mitarbeiter-KG ihm ankreidete, könne er bei Mario Frank zudem auch "nicht erkennen". Da ein Geschäftsführer aber kaum gegen Mehrheitsgesellschafter und Mitarbeiter agieren kann, wurde auch dieser Führungswechsel schließlich vollzogen. Seit September 2008 steht nun Ove Saffe an der Spitze des Unternehmens - und führt dieses angesichts der damaligen Querelen erstaunlich geräuschlos. Dabei musste auch er Einschnitte verkünden, zuletzt vor allem bei der Tochter Spiegel TV.

Dort läuft es gerade in der letzten Zeit nicht rund. 2010 wurde ein Abbau von 15 Prozent der Stellen angekündigt, nachdem Spiegel TV die Aufträge für diverse Formate und Sendepllätze verloren hatte, Folgeaufträge aber aus blieben. Auch die Spiegel TV Infotainment, die beispielsweise Kerners Magazin und Oliver Pochers Late Night produzierte, hat nach der Absetzung dieser Formate ein Problem. Erst vergangenen Freitag machte Spiegel TV deutlich, dass der Schrumpfkurs erst einmal weiter anhält. "Der Markt wird enger, die Budgets knapper, die Geschäftsfelder immer kleinteiliger. Diesen Veränderungen müssen wir uns anpassen", so das Unternehmen.

Trotzdem: Insgesamt steht die Spiegel-Gruppe auch heute gut da - auch, weil es erfolgreich gelang, sich breit aufzustellen. Mit "Spiegel Online" ist der "Spiegel" bis heute das Leitmedium für andere Nachrichtenangebote im Web, auch wenn "Bild.de" inzwischen rein an der Reichweite gemessen vorbeigezogen ist, mit Spiegel TV, redet das Unternehmen im TV-Bereich ein kräftiges Wörtchen mit und der "Spiegel" selbst hielt sich im Print-Bereich aus Auflagensicht deutlich stabiler als die anderen großen Magazine "Focus" und "Stern".

  Verkaufte Auflage
3/2001
Verkaufte Auflage
3/2011
Veränderung
Spiegel
1.134.244
971.524
-14,4 %
Stern
1.152.101 854.221 -25,9 %
Focus
815.477 564.440
-30,8 %

Zudem etablierte die Spiegel-Gruppe in den letzten Jahren diverse Beiboote. Im Print-Bereich kamen etwa "Dein Spiegel", "Spiegel Wissen" und "Spiegel Geschichte" dazu. Im TV-Bereich hat man sich zwar 2006 vom Sender XXP TV getrennt, inzwischen betreibt man aber mit Spiegel TV Wissen und Spiegel Geschichte wieder eigene Pay-TV-Sender und mit Spiegel.tv zudem einen eigenen Sender im Web. Angesichts einer derart breiten Aufstellung muss einem um die Zukunft der Spiegel-Gruppe auf absehbare Zeit erst einmal nicht bange sein.