Emmys 2017 Limited Series © FX, HBO, Nat Geo
Von der Leinwand auf den Bildschirm

TV steals the Movie Star: Große Namen schmücken Emmys

 

Kevin Spacey, Kathy Bates oder Jessica Lange haben es vorgemacht: die Oscarpreisträger fanden Gefallen an Serienrollen. Und immer mehr große Schauspieler suchen die TV-Bühne. Vor allem bei den limitierten Serien...

von Regine Pfaff
14.09.2017 - 16:17 Uhr

"You talking to me?" Diese Frage ist so eng mit Robert De Niro und seiner Rolle des Travis Bickle im Film "Taxi Driver" verknüpft wie "I'm gonna to make him an offer he can't refuse" mit Marlon Brando und seiner Verkörperung des Don Vito Corleone in "Der Pate" von Francis Ford Coppola. Beide Schauspieler eint dabei nicht nur, dass sie in der "Pate"-Trilogie mit der Rolle des italienisch-stämmigen Mafiabosses Corleone den gleichen Charakter in unterschiedlichen Epochen porträtieren durften, sondern auch die Assoziation der beiden Schauspieler mit der großen Kinoleinwand. Was zu Lebzeiten Marlon Brandos vielleicht noch eher ungewöhnlich war, ist mittlerweile en vogue: die großen Schauspieler treten immer öfters auf dem kleinen TV-Bildschirm auf. So kommt es auch, dass Robert DeNiro bei den diesjährigen Emmys zum ersten Mal auf dem Zettel auftaucht und das direkt zweifach. Nominiert ist er für den HBO-Film "The Wizard of Lies" in der Kategorie "Lead Actor in a Limited Series or a Movie". De Niro ist also mit seinen 74 Jahren Emmy-Frischling und erhielt neben der Nominierung in der Schauspieler-Kategorie noch eine als ausführender Produzent.

Auch wenn die Nominierung nicht auf ein Serienengagement, sondern einen Fernsehfilm zurückgeht, so kann man weitere Personalien in den Raum werfen, die genau das von sich behaupten können. Lässt man die Nominierungen für Gastrollen außer Acht, sind beispielsweise Nicole Kidman ("Big Little Lies"), Susan Sarandon ("FEUD: Bette and Joan") oder Ewan McGregor ("Fargo") das erste Mal für eine Serie nominiert - auch wenn es sich dabei um limitierte Serien handelt. Hinzu stößt Reese Witherspoon ("Big Little Lies"), die wie De Niro überhaupt das erste Mal von den Academy-Mitgliedern und ebenfalls doppelt bedacht wurde. Erstmals Emmy-Luft schnuppern zudem Carrie Coon ("Fargo") und Riz Ahmed ("The Night Of"). Geoffrey Rush ("Genius") oder John Turturro ("The Night Of") konnten schon mal eine Auszeichnung absahnen, allerdings entweder für einen Fernsehfilm (Rush) oder für eine Gastrolle (Turturro). Auch für die beiden stellt die Nominierung für eine Hauptrolle in einer Serie eine Premiere dar. Auf diesem Gebiet alte Hasen sind hingegen Felicity Huffman für ihre Rolle in im diesem Jahr nicht nominierten "American Crime", Jessica Lange (FEUD: Bette and Joan") und Benedict Cumberbatch ("Sherlock: The Lying Detective - Masterpiece"), die die Felder vervollständigen.

Der Trend ist nicht neu und dennoch unterstreicht dieses Emmy-Jahr erneut eines: es finden sich einmal mehr große Namen bei TV-Produktionen und damit auch auf den Nominierungszetteln für die Verleihung wieder. Auffällig ist auch, dass die aus Serien und Filmen durchmischten Kategorien für die beste schauspielerische Leistung überhaupt nur einen Namen aufweisen, der nicht aus einer seriellen Produktion kommt und das ist Robert De Niro. Waren es 2013 noch fünf Nominierungen, die hierbei auf eine Filmrolle entfielen, kam man in dem Bereich die letzten drei Jahre auf jeweils drei. In diesem Jahr ist noch eine übrig geblieben.

Zu Gute kommt der Entwicklung der verstärkten Fernsehtätigkeit das seit Jahren gestiegene Ansehen des Seriellen - Stichwort "Golden Age of Television" - wonach die Serie dem Kinofilm den Rang abzulaufen droht und das Binge Watching die Schlangen an Kinokassen kürzer werden lässt. Wirft man jetzt nochmals einen Blick auf Produktionen mit eng begrenzter Episodenzahl, kann man auch dort eine interessante Entwicklung beobachten. Man stelle sich vor, dass die Television Academy noch im Jahr 2011 die Kategorie "Beste Mini-Serie" aus Mangel an Einsendungen abgeschafft und diese wieder mit den Fernsehfilmen in eine Kategorie gesteckt hat. Angesichts des Interesses an kürzeren Serien oder Serien mit abgeschlossenen Handlungen pro Staffel seitens vieler Sender und sogar der Networks in den Folgejahren, kam es 2014 wieder zur Trennung. Wiederum ein Jahr später wurde nochmals weiter differenziert, so dass nicht mehr von Miniserien, sondern von "Limited Series" gesprochen wurde: Serien mit einer pro Staffel abgeschlossenen Handlung tragen dieses Label, sowie Produktionen mit bis zu fünf Folgen. Gerade dieses Argument des abgespeckten Umfangs von Seiten der Serienmacher dürfte zusätzlich dazu führen, dass man immer mehr Schwergewichte von einem kürzeren Serienengagement überzeugen dürfte. Denn wenn klar ist, dass die Rolle nicht wie bei traditionellen Serien über x Staffeln gestreckt wird und man sich eben nicht dauerhaft binden muss, erleichtert das die Argumentation, weswegen vor allem der Bereich der limitierten Serie für die einst bei Oscar-Verleihungen mitfiebernden Schauspielern verlockend erscheint.

Wie viel Relevanz diese Kategorie erlangt hat, zeigt nicht nur die Trennung in eine wieder eigenständige Kategorie, sondern auch die Anzahl an Nominierungen, die auf Produktionen zurückgehen, die als limitierte Serien gelten. So finden sich unter den neun meist nominierten Serien vier davon. Die FX-Serie "FEUD: Bette And Joan" von Ryan Murphy hat mit 18 Nominierungen die Pole Position unter den limitierten Serien inne. Mit "Westworld" ging überhaupt nur eine fiktionale Serie an den Start, die mit 22 Nominierungen mehr auf sich vereinen konnte. Im Fokus der ersten Staffel "FEUD" steht dabei die Rivalität zwischen Bette Davis und Joan Crawford im Rahmen der Dreharbeiten zum Film "Was geschah wirklich mit Baby Jane?", wobei sowohl die zuletzt 2014 für ihre Rolle in "American Horror Story" ausgezeichnete Jessica Lange, als auch Susan Sarandon nominiert sind.

Mit um den Titel der besten limitierten Serie kämpft zudem "Big Little Lies" von David E. Kelley, die die beiden ebenfalls nominierten Schauspielerinnen Nicole Kidman und Reese Witherspoon in einer Serie vereint. Ausgegeben haben die Academy-Mitglieder 16 Nominierungen für die HBO-Produktion über einen mysteriösen Todesfall an einer Grundschule, in den die Charaktere von unter anderem Kidman und Witherspoon involviert zu sein scheinen. Ebenfalls 16 Nominierungen erhielt die dritte Staffel von "Fargo". Die FX-Serie konnte die Kategorie im Jahr 2014 gewinnen, musste im letzten Jahr jedoch "The People v. O.J. Simpson: American Crime Story" den Vortritt lassen und konkurriert in diesem Jahr neben der Produktion aus dem eigenen Haus und der namhaft besetzten HBO-Produktion außerdem mit einer vom National Geographic. Diese erhielt von allen fünf nominierten Serien am wenigsten Nominierungen, aber immerhin wurden auch ihr zehn zugesprochen. Ähnlich wie "FEUD" dreht auch "Genius" das Rad der Zeit zurück und porträtiert in der ersten Staffel den deutschen Erfinder und Wissenschaftler Albert Einstein. Während die FX-Serie in der zweiten Staffel das von Kämpfen begleitete Eheverhältnis von Charles und Diana in den Blick nehmen wird, wird die sich ebenfalls als Anthologie-Serie angelegte Nachfolgestaffel von "Genius" um ein weiteres Genie drehen und zwar den spanischen Maler Pablo Picasso.

Komplettiert wird das Feld von einer weiteren limitierten Serie aus dem Haus HBO, die 13 Nominierungen erhielt. Dass sich diese überhaupt im Feld der fünf Nominierten befindet, war angesichts der zurückliegenden turbulenten Geschichte alles andere als absehbar. Die Story zu "The Night Of" basiert auf der zwischen 2008 und 2009 in Großbritannien ausgestrahlten Serie "Criminal Justice". 2012 wurde ein darauf basierender Pilot mit James Gandolfini bestellt, allerdings verabschiedete sich der Pay-TV-Sender ein halbes Jahr später wieder von dem Vorhaben. Wiederum ein viertel Jahr später, also im Mai 2013, nahm HBO das Projekt mit dem Original-Titel wieder auf und bestellte sieben Folgen. Am 19. Juni 2013 verstarb jedoch der geplante Hauptdarsteller Gandolfini, weswegen eine weitere Unsicherheit über die Realisierung der Serie ins Spiel kam. HBO hatte jedoch trotz des überraschenden und tragischen Todesfalls Interesse daran, das Projekt zum Leben zu erwecken. Ein neuer Hauptdarsteller war gefunden: Robert De Niro. Doch damit sollte die Geschichte mit Umwegen noch nicht die letzte Abbiegung genommen haben. Aufgrund von Terminschwierigkeiten war Robert De Niro etwas weniger als ein Jahr später wieder raus aus dem Projekt und John Turturro übernahm den ursprünglich für Gandolfini, dann für De Niro geplanten Part. Im März 2016 wurde schließlich der Starttermin und der veränderte Titel kommuniziert, so dass der Startschuss dazu am 29. September des gleichen Jahres fallen konnte.

Auch wenn Robert De Niro letzten Endes nicht in die Serie involviert war, so bleibt ihm zumindest die Konkurrenz mit seinem Nachfolger in der Kategorie für die beste schauspielerische Leistung in einer limitierten Serie oder einem Fernsehfilm. Da es De Niro seinem sechs Jahr älteren Schauspielerkollegen Anthony Hopkins ("Westworld") gleich tut und - zusammen mit Oscar-Preisträgerin Julianne Moore - in eine Drama-Serie einsteigt, könnte demnächst auch eine Nominierung für ein bei Amazon zu verortendes Serienengagement rausspringen. Anthony Hopkins fiebert bekanntlich am Abend des 17. Septembers im Microsoft Theaters in Los Angeles in der Kategorie der besten Hauptdarsteller für eine Drama-Serie mit. Noch ein Oscar-Preisträger, der auf den kleinen TV-Bildschirm zurückgefunden hat...

Über die Autorin

Regine Pfaff ist seit 2011 beim Medienmagazin DWDL.de und Co-Autorin des „US-Updates“. Für eine Livesport-Übertragung schlägt sie sich gern mal die Nächte um die Ohren. Ansonsten gehört ihr Herz dem Fiktionalen. Zu einer Comedy-Serie sagt sie dabei ebenso wenig nein, wie zu einer Wiederholung der "Sopranos".

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