© Flickr/Olli Henze
Sender und Dienstleister in der Pflicht

"Grünes Produzieren bietet auch Einsparungsmöglichkeiten"

 

Die Branche tut in Sachen Nachhaltigkeit einiges, könnte aber noch viel mehr machen. Zwei Experten erklären, wieso "grünes Produzieren" nicht immer zwangsläufig mit höheren Kosten verbunden sein muss und wo die Herausforderungen liegen.

von Timo Niemeier
11.10.2018 - 08:00 Uhr

An blumigen Pressemitteilungen mangelt es nicht: XX veröffentlicht einen Nachhaltigkeitsbericht, die Sendung XY wurde "grün" produziert. Vor allem die Sender kommunizieren seit einiger Zeit grüne Themen besonders stark, doch wie sieht die Umsetzung in der Realität aus? Keine Frage, das Thema Nachhaltigkeit hat in der Wahrnehmung vieler Branchenvertreter in den vergangenen Jahren massiv an Bedeutung gewonnen. "Es tut sich eine Menge. Wenn man es aber prozentual herunterbrechen würde, dann ist es sicherlich noch eine Nische", sagt Philip Gassmann, der als Autor, Regisseur und Producer für fast alle großen Sender gearbeitet hat und der als Green Production Manager Produktionsfirmen bei Fragen zu "grünem Produzieren" berät und Workshops zum Thema hält, im Gespräch mit DWDL.de.

Katja Schwarz
© Odeon Film/Good Mood Productions
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Katja Schwarz, frühere PR-Chefin und Nachhaltigkeitsbeauftragte der Odeon Film, die heute Medien in Sachen Nachhaltigkeit berät. "In der Wahrnehmung ist das Thema Nachhaltigkeit keine Nische mehr. In der Umsetzung ist die Branche aber noch längst nicht so weit, wie sie sein sollte. Dafür kann ich kaum Entschuldigungen erkennen", sagt sie gegenüber DWDL.de. Schwarz kümmerte sich bei Odeon bereits 2010 um das ganze Themengebiet der Nachhaltigkeit. Tatsächlich gibt es wohl noch viel Verbesserungspotenzial, um das Thema voranzutreiben. "Es würde sehr helfen, wenn die Sender noch konkreter das Thema unterstützen und einfordern", sagt Gassmann. Dass das viel bringen würde, sehe man an Sky. Dort stehe seit einiger Zeit in den Verträgen mit den Produzenten, dass diese umweltfreundlich arbeiten müssen. "Das hat der ganzen Sache in diesem Jahr einen großen Schub gegeben. Wenn die anderen Sender, vor allem die Öffentlich-Rechtlichen, sich dazu stärker als bislang bekennen würden, würde das viel bringen. Aber natürlich wäre es auch toll, wenn von der Mediengruppe RTL oder ProSiebenSat.1 mehr kommen würde."

Auch Katja Schwarz nimmt die Sender in die Pflicht. Man könne heute fast alle Produktionen nachhaltig gestalten, nur rund fünf Prozent Verbesserungspotenzial seien aufgrund von technischen Möglichkeiten noch nicht realisierbar. "Diese fünf Prozent werden aber oft als Vorwand genommen, um gar nichts zu machen." Konkret kritisiert Schwarz die Tatsache, dass die Sender die Anzahl der Drehtage immer weiter kürzen würden. "Da es bei jeder Produktion um Zeit und Geld geht, verzichten die Produktionsfirmen im Zweifel darauf, neue Dinge einzuführen, weil sie zum einen ein gewisses Risiko darstellen und zum anderen anfangs mehr Zeit brauchen." Man müsste bei den Sender "politischen Druck" ausüben, sagt Schwarz. Wie genau das aussehen soll, dass weiß aber auch sie nicht.

"Es gibt ein Beschaffungsproblem."
Philip Gassmann, Green Production Manager

Doch die beiden Nachhaltigkeits-Experten sehen auch positive Beispiele und loben übereinstimmend die zahlreichen Initiativen der Filmförderungsanstalten. Aber auch einige Sender unternehmen schon viel, neben dem erwähnten Sky investieren auch der SWR sowie der WDR in grüne Projekte. "Man merkt, dass jetzt auch die Sender aktiv werden", sagt Gassmann, der aber auch von "Zauderern" spricht, die dem ganzen Thema noch mit Vorbehalten gegenüberstehen würden.

Philip Gassmann
© Philip Gassmann
Eine große Herausforderung, auch da sind sich die Experten einig, sind die externen Dienstleister, bei denen sich Produktionsfirmen Geräte und Fahrzeuge für Drehs leihen. "Es gibt ein Beschaffungsproblem", sagt Philip Gassmann. "Wenn man umweltfreundlich produzieren will, braucht man andere, neue Technologien und Geräte. Die gibt es derzeit nur sehr bedingt. Die Dienstleister kommen da nicht so schnell hinterher, denen muss man helfen. Sie sind es nämlich, die die größte Last tragen müssen." Gassmann sieht bei den Dienstleistern die größte Aufgabe für die Branche in Sachen nachhaltiger Produktionen. Für diese sei die Umstellung etwa auf LEDs oder Hybrid-Fahrzeuge ein finanzieller Kraftakt. "Da müssen Branche und Politik unterstützen." Katja Schwarz rät dazu, durch "ständiges und kontinuierliches Nachfragen" bei den Dienstleistern Druck zu machen. "Die Dienstleister trauen sich erst etwas zu verändern, wenn sie diese Nachfrage spüren."

Aber auch Produzenten und Sender sollten sich fair verhalten und dann eben auch die LED-Scheinwerfer nehmen, selbst wenn diese in der Miete etwas teurer seien als klassische Scheinwerfer. Langfristig könne sich die Umstellung durch niedrigere Stromkosten rechnen. Überhaupt seien die Kosten nicht zwangsläufig höher durch "grünes" Produzieren, oft könne sogar kostenneutral gearbeitet werden. Durch Einsparungen an einer Stelle könne man woanders mehr ausgeben - etwa für LED-Scheinwerfer. "Für die Produzenten bieten sich durch das grüne Produzieren auch eine Reihe von Einsparungsmöglichkeiten", sagt Gassmann. Das versuche er so auch in seinen Workshops zu vermitteln. 

"Die Unterbringung und die Mobilität haben besonders große Auswirkungen auf die CO2-Bilanzen einer Produktion."
Katja Schwarz, Nachhaltigkeitsberaterin für Medien

In Workshops und Vorträgen versuchen Gassmann und Schwarz Produzenten und Sendern klarzumachen, welche Schritte sie konkret gehen können, um "grün" zu produzieren. Das fängt bei der Mülltrennung und Pappbechern an, geht aber noch weit darüber hinaus. "An vielen TV- und Film-Produktionen hängt ein riesiger Rattenschwanz, der so oft nicht gesehen wird. Es gibt da nicht die eine rauchende Fabrik. Die Produktionen bestehen aus so vielen Einzelteilen, die oft gar nicht richtig wahrgenommen werden. Wenn man dann alles mal zusammenrechnet, merkt man, dass da eine große Umweltbelastung vorhanden ist", so Gassmann, der auf eine einige Jahre alte Studie der University of California verweist, die zu dem Ergebnis gekommen ist, dass die Filmindustrie die Nummer zwei der umweltschädlichsten Industrien in Los Angeles ist. "Die Unterbringung und die Mobilität haben besonders große Auswirkungen auf die CO2-Bilanzen einer Produktion", sagt Schwarz.

Bewusstsein der Zuschauer schärfen

Das heißt konkret: Wer für die gesamte Crew tagelang Hotels blockt und die Schauspieler jedes Mal mit dem Privat-Chauffeur zum Set anreisen lässt, tut der Umwelt keinen Gefallen. Aber auch der Stromverbrauch bei großen Shows oder Kulissen, die aus Styropor gefertigt sind, belasten die Umwelt. "Es wäre gut, wenn eine Industrie wie die Film- und Fernsehbranche die Ärmel hochkrempelt und endlich mehr tut. Andere sind da schon deutlich weiter, wir haben da auch eine gewisse Verantwortung." Wichtig sei es, ergänzt Schwarz, dass man nicht das Gefühl vermitteln dürfe, den Kreativen hineinreden zu wollen. "Sehr wohl muss man aber deutlich machen, wie entsprechende Dinge ganz praktisch umgesetzt werden können."

Schwarz fordert zudem eine stärkere Präsenz des Themas Nachhaltigkeit auf dem Bildschirm. "Fernsehzuschauer nehmen Dinge oft unterbewusst war. Deshalb würde ich ein größeres Augenmerk auf die Ausstattung in Produktionen legen. Damit nimmt man keinen Einfluss auf den Inhalt, setzt aber dennoch ein Zeichen." In einer Kochshow etwa könne man die Mülltrennung prominent platzieren, auch bei Kleidungen und Fahrzeugen in TV-Sendungen gebe es noch Verbesserungspotenzial. Das wäre dann ja auch wieder etwas, das man prominent in Pressemitteilungen platzieren könnte.

Über den Autor

Timo Niemeier schreibt mit kleiner Unterbrechung seit 2014 für DWDL.de, er lebt in Wien und ist damit der Alpen-Beauftragte. Mag seichte Unterhaltung ebenso wie anspruchsvolle High-End-Serien, kann sich aber auch in Geschäftsberichten verlieren.

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