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Das Hoff zum Sonntag

Kiwi und der "Fernsehgarten": Hans Hoff sagt Sorry

 

Nach langer Abstinenz ist es mal wieder so weit gewesen: Hans Hoff musste sich den "Fernsehgarten" anschauen. Und während er Andrea Kiewel früher belächelte, fällt ihm heute auf, mit welcher großen Lust und Professionalität die Moderatorin durch die Show führt. Deswegen sagt er nun: Sorry, Kiwi!

von Hans Hoff
14.05.2017 - 10:15 Uhr

Vor einer Woche wurde der Fernsehgarten nach 32 Sonntagen Pause wieder eröffnet. Man hat das lange schon befürchtet, weil man es kennt von den Besuchen bei Oma, wo man eigentlich nette Gespräche beim Mittagstisch führen wollte, dann aber zur zweiten Wahl wurde, weil die Frau des Hauses lieber schaute, wer sich auf dem Mainzer Lerchenberg so alles eingefunden hatte. So weit, so schlecht, so ZDF.

Ich habe das aus beruflichen Gründen oft anschauen müssen, ich weiß wie dieses Leid schmeckt. Ich habe das alles schon in Grund und Boden geschrieben. Genützt hat das nichts, nada, nullinger. Sie machen einfach weiter.

Allerdings muss ich mich inzwischen in einem ganz bestimmten Punkt korrigieren. Als ich vor vier Jahren schon einmal über den Fernsehgarten geschrieben habe, bin ich etwas unwirsch mit der Moderatorin umgegangen. Andrea Kiewel heißt die, aber Fans und Freunde (es gibt quasi kaum andere Menschen) nennen sie Kiwi. Ich habe Kiwi damals als das "unbarmherzige Naturwunder der televisionären Brabbelkultur" klassifiziert. Nach Ansicht der Premiere des diesjährigen Fernsehgartens konnte ich feststellen, dass ich davon nichts zurücknehmen muss. Gegen diese Frau wirkt Barbara Schöneberger wie die Vorsteherin eines tibetanischen Schweigeklosters.

Aber! Ich sage das nochmal: Aber! Und jetzt kommt es: Ich entschuldige mich für den negativen Beigeschmack dieses Urteils. Was ich nämlich damals übersehen habe oder in professioneller Verblendung einfach nicht wahrhaben wollte, ist die Leistung, die diese Frau erbringt. Sie ist auf der Zweieinviertelstundenstrecke nicht nur Moderatorin, sie ist gleichzeitig auch noch Gästebetreuerin, Ordnerin, Regisseurin und Aufnahmeleiterin, alles in einer patenten Person. In Zeiten, da andere Moderatoren nicht einmal mehr die Kraft haben, ihren Kaffee selbstständig umzurühren, wirkt Kiwi wie ein Gigant der Fernsehunterhaltung, ein Multiplex der Fähigkeiten. Hätte ich als Senderchef eine lockere Sendung zu moderieren, die wirklich alles fordert, ich würde ab sofort Kiwi bestellen (und um allen falschen Interpretationen vorzubeugen: Ich meine das nicht ironisch). Ich empfehle daher: Man sollte das wirklich mal gesehen haben, was da abgeht.

"Und hier ist die Frau, die am liebsten mit Ihnen lacht", jubelte zum Start vor einer Woche eine Stimme aus dem Off, und dann trat sie durch himmelwärts schießende Flammen ins Zentrum des Grauens. Sie trug ein rosa Windjäckchen und darunter etwas, das früher wohl mal gute Dienste als Omnibussitzbezug geleistet haben mag. Schön ist anders, aber das ist so wurscht. Kiwi könnte nackt auftreten oder in einem Kartoffelsack, die Menschen vor Ort würden sich trotzdem für sie in die Ohnmacht klatschen. Sie mögen diese knuffige Frau, die sich als eine zum Anfassen und Kumpeln präsentiert.

Um es nochmal zu sagen: Der Fernsehgarten ist etwas, das keiner braucht. Aber wenn man so etwas schon mal im Programm hat, dann soll man den Job konsequenterweise auch ordentlich erledigen, und niemand macht das besser als Kiwi. Die Frau schmeißt sich in ihren Job mit einer Wucht, die alle professionelle Achtung erfordert. Sie weiß in jedem Moment, was sie tut, und sie tut es, bei all ihrem lockeren Auftreten, mit großer Ernsthaftigkeit. Wenn schon Seniorenbetreuung, dann doch bitte so. Mit Herz, Liebe und Einsatz.

So mancher Möchtegernmoderator, dem man ansieht, dass er einen Nervenzusammenbruch bekäme, würde man ihm auch nur für einen Moment die Moderationskärtchen wegnehmen, kann sich hier gleich mal drei Scheiben in Sachen Konzentration und Improvisationstalent abschneiden.

Kiwi führt durch eine Sendung, die sie zu ihrer gemacht hat. Sie verkörpert diesen Fernsehgarten. Sie ist dort quasi zuhause. "Wohnzimmer", sagt sie einmal. Sie stellt die Sendung eigenhändig und offenbar unabgesprochen ein bisschen um, sie beruhigt sogar Kelly-Family-Fans im Publikum. Sie ist Schlagerfuzziansagerin, sie ist Wettveranstalterin in der "Wetten, dass…?"-Klasse und Verbraucheraufklärerin. All in one.

"Wunderbar, wunderbar", sagt sie zwischendrin. Und: "Riesenfreude". Das sind Füllworte, die aus ihr herausquellen, während sie ihre Kärtchen checkt. Sie hat diese Qualität, die gute Losbudenverkäufer auszeichnet. Sie kann reden ohne Unterlass und trotzdem nicht ihr Ziel aus den Augen verlieren.

Sie trotzt dem Regen und moderiert unterm Schirm. "Mit Sonne und Licht kann jeder", sagt sie selbstbewusst und macht klar, dass sie notfalls auch allein den Tropfenfall zu einem großen Ereignis hinaufmoderieren würde. Müsste ihr nur mal jemand sagen.

Ja, Kiwi ist nach wie vor das "unbarmherzige Naturwunder der televisionären Brabbelkultur", aber sie ist bei allem was sie tut, bei der Sache, und genau diese Sache macht sie sehr, sehr gut. Sie ist die beste Brabblerin, die sich das deutsche Fernsehen wünschen kann.

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