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Das Hoff zum Sonntag

Journalisten als Autotester: Ritter einer alten Welt

 

Wenn Journalisten Autos testen und dann später etwas darüber schreiben müssen, wird es oft blumig bis skurril. Hans Hoff hat einige Beispiele parat und ist sich sicher: Einige Autotester verwechseln den fahrbaren Untersatz immer wieder mit Frauen.

von Hans Hoff
27.08.2017 - 11:00 Uhr

Es gibt Menschen in diesem Land, die haben offenbar mehr Sex als ich. Zumindest tun sie ein bisschen so. Sie schwärmen von großem Spaß und ansteckender Leidenschaft. Das übersetzt sich bei ihnen rasch in Texte, die säfteln, als habe sie Rosamunde Pilcher in einer lauen Sommernacht transpiriert. "Eine sanfte Berührung, und der Wagen fährt weiter teilautonom: Wer hätte selbstfahrenden Autos so viel Sinnlichkeit zugetraut?"

Ja, natürlich, es geht um Autotester, die beschreiben, was sie fühlen, wenn sie in ein neues Gefährt steigen, wenn sie es quasi entjungfern. Es ist nicht die Rede von allen Autotestern. Es gibt da etliche, die nüchtern Drehmoment in Newtonmetern, Zugkraftunterbrechung und Verbrauchswerte referieren. Sie halten sich an die Zahlen und berichten, ob das mobile Gerät im Test auch einhält, was das Prospekt verspricht. Von denen soll hier nicht die Rede sein.

Hier geht es um die Poeten unter den Testern, um jene, die beim Tritt aufs Gas das schwülstige Wort nicht halten können. Da gibt es überall am Auto "Details, die wie Ausrufezeichen die Erwartungshaltung beim Betrachter steigern." Yeah, das stimuliert. Da steigt die Lust. Gib mir Testosteron, einen doppelten bitte, aber mit Eis.

Ich mag es, wenn Autos als Objekte definiert werden, wenn sie "Hingucker" sein müssen oder "potente Benziner". Gib mir Potenz, Baby! So geht Stimulation. Und dann drehen sie die Schraube noch eine Spur weiter. Da "kehren die Schwaben mehr denn je die Sinnlichkeit der Luxuslimousine heraus." Wow! Da sind feingeistige Kerle am Werk.

Natürlich Kerle. Man muss lange suchen, bis man in populären Medien mal eine Frau an Steuer und Stift findet. Und wenn, dann verfällt sie mit Sicherheit nicht in jenen Ton, der nur schwer verbergen kann, dass dem Auto in jeder zweiten Zeile eine Ersatzfunktion zugeschoben wird.

Ja, man muss es so sagen: Für viele Autotester scheint das Mobil die bessere Frau zu sein. Das gebiert dann Zeilen folgender Art: "Schaut man jedoch genauer hin, entdeckt man sorgfältig gestaltete Linien und Flächen, die ineinander übergehen, aufeinander abgestimmt sind und so miteinander korrespondieren, dass ein ziemlich unruhiger und zugleich attraktiver Karosseriekörper entsteht." Lechz. Ein attraktiver Karosseriekörper. Wie das klingt. Da möchte man doch gleich…

Unverhohlen geht es zur Sache, und manchmal auch sehr direkt. "Es gibt Autos, die sind wie attraktive Frauen. Sie wirken auch mit fortschreitendem Alter ewig frisch und verlieren über die Jahre nichts von ihrer Anziehungskraft." Das sitzt. Da wissen Frauen doch gleich, wie sie mit fortschreitendem Alter sein müssen, wenn sie noch als attraktiv durchgehen wollen. Der zugehörige Nachsatz macht es dann noch ein bisschen schlimmer: "Der amerikanische Präsident würde ausrufen: ‚Sie haben sich aber gut gehalten!‘, was wir unserer Angebeteten natürlich mit mehr Feingefühl beibringen würden." Mit mehr Feingefühl. Der Autor meint wirklich Feingefühl. Oder vielleicht das, was Autotester dafür halten.

Ich muss sagen, ich habe Spaß an diesen durchtexteten Auffahrunfällen, diesem leicht lyrischen Schliddern in den nächsten Geschmacksgraben. Mir klingt das ehrlich. Da sagt noch jemand, was er denkt. Der Feminist in mir hatte zwischendrin die Theorie entworfen, dass diese Starautoren hinter dem Lenkrad all das, was sie über Frauen aus gutem Grund nicht mehr schreiben dürfen, nun auf ihre rollenden Blechansammlungen projizieren. Aber so stumpf sind sie dann doch nicht. Nehme ich zu ihren Gunsten auf jeden Fall mal an.

Ich musste übrigens nicht lange suchen nach den oben angeführten Beispielen. Kurz mal bei Spiegel Online reingeklickt, dann noch einen Abstecher zur FAZ und schließlich noch ein paar Rosinen aus dem Netz geklaubt. Dauerte keine zehn Minuten, da hatte ich schon alle Belege zusammen, um jenen Eindruck zu untermauern, der sich mir als treuer Leser solcher Evolute schon seit Jahren aufdrängt.  

Solche Autotestberichte sind es übrigens, die sehr deutlich die klare Überlegenheit des Geschriebenen belegen. So etwas gibt es im Fernsehen nicht. Oder höchstens in Spurenelementen. Das hängt natürlich vor allem damit zusammen, das man das Äußere eines Autos, das der Zuschauer selbst sehen kann, nicht mehr beschreiben muss. Da beschränken sich dann die Urteile oft auf ein überraschtes "Wow!" oder ein "Geil!"

Überhaupt wird ja im Fernsehen hauptsächlich repariert, gepimpt oder gebraucht gekauft. Es geht dort oft um das unperfekte Mobil, dem man sich widmet, um es in eine Form zu bringen, die ein dickes "Wow!" rechtfertigt. Fahrvergnügen oder das Ausbleiben desselben lässt sich eben nur schwer abbilden, weshalb sich die TV-Macher lieber mit der Beseitigung wie auch immer gearteter Defekte und Defizite beschäftigen.

Defizite gibt es natürlich auch in den geschriebenen Autotests zu beklagen. Wehe, ein Gefährt zeigt sich nicht agil oder spritzig. Dann kreist der Hammer, dann wirkt es "im Fahrbetrieb auf die Insassen belebend wie koffeinfreie Cola." Na, das sitzt doch. Frigide Karre!

"Ein Sportler mit ansteckender Leidenschaft ist er nicht", bekommt das Auto dann vorgehalten. Keine Spur von Vernunft darf hier vorkommen. Nichts mit ökologischem Bewusstsein. Trotz des Dieselskandals und der komplett überflüssigen SUV-Schwemme muss ein Wagen immer noch in erster Linie seinen Führer verführen. Tut er das nicht, dann "wirkt das Auto irgendwie verhalten und angepasst."

Es sind die Ritter einer alten Welt, die hier antreten, die Dinosaurier zu verteidigen. Sie reiten nun mal lieber den Drachen als die Vernunft. "Trotz perfekt funktionierender Komponenten bleibt der große Spaß auf der Strecke", klagen sie, wenn sich ein Testfahrzeug ihren Lüsten verweigert. Lust muss schon sein. Warum sonst wird man Autotester? 

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