© ARD/Thorsten Jander
Das Hoff zum Sonntag

Immer volksnah: Das Erfolgsrezept des "Großstadtreviers"

 

Seit mehr als drei Jahrzehnten ist das "Großstadtrevier" auf Sendung und anders als bei der "Lindenstraße" ist von einem Aus der Serie keine Rede. Warum auch? Hans Hoff über biederes Heimatfernsehen, das dennoch gut zu unterhalten weiß.

von Hans Hoff
02.12.2018 - 09:55 Uhr

Letzte Woche ist Paul gegangen, er hat das „Großstadtrevier“ verlassen, nach ewigen Jahren, in denen er schon zum Inventar der Hamburger Wache PK 14 zu gehören schien, ist er gegangen. Raus aufs Land, weg vom Polizeitrubel. Und auf einmal hatten alle mindestens eine Träne im Auge. Auch Paul, der harte Hund, zeigte Gefühle. Und für jeden Zuschauer, dessen Herz weniger wiegt als ein Stein, hat es auch Tränen gegeben. Da wett ich drauf.

Man muss sich für diese Tränen nicht schämen, weil sie mit Liebe gesogen werden beim „Großstadtrevier“, weil das eben kein billiger Vorabendkitsch der Lieblosklasse ist, sondern mit Sorgfalt gefertigtes Serienfernsehen, dessen Macher genau wissen, dass man den Zuschauer zu vorabendlichen Zeiten zwar leicht für dumm verkaufen, damit aber nicht ewig Erfolg haben kann.

Außerdem wissen die Macher sehr genau, dass es einfach mehr Spaß macht, wenn man sich Mühe gibt, wenn man seinen lokalen Kosmos genau auslotet, wenn man die Figuren gut platziert, hier und da mal ein bisschen übertreibt, aber in der Regel die Waage hält.

Natürlich ist das „Großstadtrevier“, das seit Mitte November montags mit neuen Folgen am Start ist, biederes Heimatfernsehen, das vor allem die nordische Seele streichelt und mit all den Klischees spielt, die man nördlich von Hannover so pflegt. Da sind die Männer entweder ein bisschen dusselig oder schwer grantig oder beides. Auf jeden Fall aber haben sie das Herz auf dem rechten Fleck, und hinter ihrem gelegentlich ruppigen Gehabe verbirgt sich immer ein weicher Kern.

Das Schöne an dieser Serie ist indes, dass sie nicht so tut, als sei sie als Besseres. Sie ist genau das, was sie ist, und sie bietet kleine und große Geschichten vom Hamburger Kiez, von gutherzigen Bösewichten, knorrigen Bullen und nervigen Vorgesetzten. Die Verbrechen sind selten von der ganz harten Natur, und immer menschelt es zwischendrin. Fast immer ist irgendeine Oma oder ein irgendein Opa an Bord, dem unkonventionell geholfen wird. Wichtig sind auch die Kabbeleien zwischen den Polizisten, die sich gerne mal gegenseitig piesacken, die aber am Ende stets an einem Strang ziehen und manche Situation mit einem Hauch Selbstironie entschärfen.

Am 16. Dezember jährt sich zum 32. Mal der Tag, an dem zum ersten Mal das „Großstadtrevier“ lief, was ja bemerkenswert ist in diesen Tagen, da die ein Jahr vorher gestartete „Lindenstraße“ gerade zum Abservieren gerufen wurde. Beim „Großstadtrevier“ dagegen ist vom Aus noch keine Rede, was natürlich vor allem daran liegt, dass sich die Serie über die 32 bisherigen Jahre mit vielen Personalwechseln und ständiger Modernisierung im Look sehr frisch gehalten hat, inhaltlich wie auch in der Form. Da können sich fast alle seither eingeführten Regionalkrimis und Soko-Auswürfe ein Beispiel nehmen, wie man es ordentlich und mit Witz macht. Dies hier ist das Original.

Altbacken ist jeweils nur der Start jeder Folge, wenn die ohnehin niemals moderne Kapelle Truck Stop die Erkennungsmelodie fürs „Großstadtrevier“ singt, wo noch vom Schutzmann die Rede ist, und über der Straße prangt der Schriftzug „Eine Serie von Jürgen Roland“. Der Großmeister des nordischen Krimis hat der Serie einst seinen Stempel aufgedrückt, und irgendwie wirkt das immer noch nach. Ein bisschen was vom Arbeitsethos des großen Filmers ist geblieben.

Natürlich stammt das „Großstadtrevier“ eindeutig aus der Reihe „Sendungen, die keine Coolness-Punkte bringen, wenn man sie gut findet“, aber das kann man als Fan hinnehmen, weil man halt weiß, dass diese Serie sich immer wieder auch müht, Probleme der Zeit anzusprechen und publikumsgerecht aufzubereiten. Das „Großstadtrevier“ ist eindeutig von kritischem Geist durchweht.

Wenn es nicht so blöd klänge, könnte man sagen, das „Großstadtrevier“ ist volkstümliches Fernsehen im allerbesten Sinne. Vielleicht ist volkstümlich aber nicht ganz das richtige Wort. Vielleicht trifft es volksnah eher. Eine bessere Werbung für die uniformierte Polizei kann es zudem kaum geben. Hier gilt noch das Gebot vom Freund und Helfer.

Wenn man also trauert, dass die Kanzlerin bald geht, dass die „Lindenstraße“ ihren Abschied nehmen muss und sogar die CeBit gestorben ist, dann gibt es als Lebenskonstante immer noch das „Großstadtrevier“, das zeigt, dass sich die alte Bundesrepublik noch nicht komplett verabschiedet hat, dass es immer irgendwie weitergeht. Morgen kommt ein Neuer ins PK14. Als Ersatz für Paul. Ich bin schon gespannt. Ich freu mich drauf.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

Teilen