Kilian Riedhof © Frank Zauritz
DWDL.de-Interview mit dem Regisseur von "Gladbeck"

Riedhof: "Ich wollte die Journalisten nicht anprangern"

 

Nach dem "Fall Barschel" stellt Regisseur Kilian Riedhof mit "Gladbeck" (heute und morgen 20.15 im Ersten) erneut sein Gespür für die Fiktionalisierung der Realität unter Beweis. Ein Gespräch über finale Rettungsschüsse, Medienschelten und Chronistenpflichten.

von Jan Freitag , Hamburg
07.03.2018 - 11:00 Uhr

Herr Riedhof, nachdem Sie sich 2016 in Der Fall Barschel mit den Abgründen der Presselandschaft beschäftigt haben, spielen die auch in Gladbeck eine Hauptrolle. Arbeiten Sie sich bewusst an der Medienrepublik ab?

Kilian Riedhof: Falls das so wäre, dann unterbewusst. Bei Barschel spielt die Presse nun mal in Gestalt des berühmten Wannen-Fotos eine ebenso zentrale Rolle wie in Gladbeck durch das Eingreifen der Reporter ins Objekt ihrer Berichterstattung. In beiden Fällen stellt sich da automatisch die Frage, wie weit Presse bei ihrer Arbeit gehen darf.

Und Ihre Antwort?

Die suche ich gar nicht. Ich wollte die Journalisten nicht anprangern oder ethisch einordnen, sondern in ihrer Ambivalenz darstellen, um jene Verführung besser zu verstehen, die sie zu Akteuren gemacht hat.

Also keine Medienschelten?

Auf keinen Fall. Obwohl ich es persönlich nicht gutheiße, in welchem Ausmaß hier Grenzen überschritten wurden, kann ich es durchaus nachvollziehen. Es ging mir nicht um Beurteilung, sondern Erfahrbarkeit. Die Frage an mich muss lauten: Hätte ich es als Reporter geschafft, im Gespräch mit den Tätern eines solch spektakulären Entführungsfalls die Distanz zu wahren oder nicht auf den Auslöser zu drücken, wenn ein Spitzenpolitiker vor mir tot in der Wanne liegt? Das Animalische hat uns in Extremsituationen weit mehr im Griff als der humanistischen Gesellschaft lieb ist. Würden die Instinkte da nicht auch bei mir über alle Ethik siegen?

Würden sie?

Ich hoffe nicht. Aber wer weiß… Auch ein Udo Röbel, der dank seiner Enthüllung der Affäre um General Kießling seinerzeit zu den Top-Journalisten der Republik zählte, hat bereitwillig bei der Durchmischung von Berichtsobjekt und -subjekt mitgemacht. Es ist nun mal ein journalistischer Grundimpuls, dorthin zu gehen, wo was passiert. Da funktioniert die Presse ähnlich wie Filmbranche. Für beide Medien ist Neugier ein Motor, der bisweilen schwer zu stoppen ist, wenn er mal richtig ins Laufen gekommen ist.

Haben Sie sich bei der Recherche zu einem Film, der die Realität möglichst authentisch abbilden will und muss, manchmal als Journalist gefühlt?

Schon. Weil der Fall bislang nie in dieser Totalität dokumentiert worden ist, bestand die Arbeit von Holger Karsten Schmidt und von mir ja darin, aus all den verschiedenen Quellen ein ersichtliches Geschehen zu puzzeln. Das grenzte fast ans Detektivische. Beim Lesen der Unterlagen des Bremer Untersuchungsausschusses zum Beispiel fiel uns auf, dass jene Beamten, die Degowskis und Rösners Komplizin Löblich ohne Absprache mit der Einsatzleitung auf der Autobahntoilette festgenommen haben, bereits zuvor mehrfach mit Kürzeln erwähnt werden. Sie waren den Tätern also schon über Stunden ergebnislos gefolgt, bevor ihnen die Sicherungen durchgebrannt sind. Das macht den plötzlichen und letztendlich verhängnisvollen Zugriff zumindest ansatzweise nachvollziehbar. Auch bei der schwer erträglichen Diskussion innerhalb der Bremer Einsatzleitung über die Anwendung des finalen Rettungsschusses gegen die Täter sitzt der Zuschauer quasi am Tisch und ist mit seinen eigenen Emotionen konfrontiert. Die Vorgänge dieses Geiseldramas zu erfahren, statt sie zu beurteilen - darin besteht die notwendige Herausforderung dieses Films an uns.

Wenn aus diesem Anspruch der Erfahrbarkeit gute Fernsehunterhaltung werden soll – muss man der Fiktion im Umfeld der Realität eher mehr oder weniger Raum lassen?

In diesem Fall ist das reale Geschehen bei aller Tragik an sich bereits so packend, dass die Erlebbarkeit kaum fiktionaler Kniffe bedurft hat. Umso mehr wollten wir vermeiden, in einen herkömmlichen Genre-Film zu verfallen. Die Musik zum Beispiel wird anders als bei einem klassischen Thriller nicht verstärkend, sondern eher kontrapunktisch eingesetzt. Sie ist unberechenbar. Sie wird leise, wenn man es laut erwartet und umgekehrt. Im Drehbuch kam es uns darauf an, die Wirklichkeit durch ihre Montage zu konstruieren, das heißt weniger hinzuzudichten als vielmehr durch Auslassung und Gewichtung zu verdichten.

Diese hier ist genau 30 Jahre her. Erfüllen Sie zum Jubiläum der Gladbecker Ereignisse eine Chronistenpflicht, weil dieses Stück Zeitgeschichte halt noch nicht verfilmt war?

Um Gottes Willen nein! Das war reiner Zufall. Fernsehen ist keine Briefmarkensammlung, und Der Fall Barschel brauchte ja auch keinen Jahrestag. Gladbeck hat eine innere Notwendigkeit, erzählt zu werden. Es ist als Trauma auch nach 30 Jahren noch frisch und weitgehend unverarbeitet. Bei der Herangehensweise an solch einen Stoff geht es mir als Filmemacher immer darum, den alptraumhaften Sog, den das tatsächliche Geschehen und seine Bilder bei mir im Kopf entfachen, in den Film und damit auf den Zuschauer zu übertragen.

Inwiefern hat Gladbeck Sie selbst als Teenager geprägt?

Mit 17 war ich noch zu jung, um dieses Ereignis oder auch den Fall Barschel im Jahr zuvor, in seiner ganzen Tragweite zu begreifen. Aber die Bilder sind mir bis heute fast fotografisch haften geblieben. Silke Bischoffs Augen zum Beispiel, die Waffe am Hals, das vergisst man nie. Die Täter haben mir selbst 15 Jahre später, als ich eine WDR-Doku zum Fall gesehen hatte, körperlich Angst gemacht. Das Thema Gladbeck ließ mich seitdem nicht mehr los. Ich entdecke mich selbst immer wieder in ihm. Wenn ich Emanuele in seinem Liebeskummer über Stephanie sehe, mit der er später ja aus purem Zufall im selben Linienbus als Geisel sitzt, dann spüre ich meine eigene Jugend mit allen Sehnsüchten und Enttäuschungen. Als Vater einer Tochter trifft mich der Schmerz von Emanueles Eltern wiederum sehr direkt.

Was verändert es bei dem Filmen, wenn die Protagonisten lebende Vorbilder haben?

Die Verantwortung ist ungleich höher als bei einer rein fiktionalen Geschichte. Für das Filmteam ist die Sache nach zwei Jahren Arbeit wieder getan, die Angehörigen und Überlebenden werden es ein Leben lang nicht los. Trotzdem ist es wichtig, zu einer souveränen Erzählung zu kommen, in der es nicht um Mitleid, sondern Wahrhaftigkeit und Anteilnahme geht. Denn die hat gesellschaftlich im Grunde nie wirklich stattgefunden. Dafür stand das Thema Polizei- und Medienversagen immer zu weit im Vordergrund.

Verharrt die Kamera daher so lang auf der Trauer der Familie vom ersten Todesopfer?

Die Familie von Emanuele begreift hier den schrecklichen Verlust ihres Kindes; dieser Moment muss in seiner ganzen Härte für den Zuschauer erfahrbar werden. Alles andere hieße, die Augen vor der Tragödie zu verschließen. Die Grenze des Aushaltbaren interessiert mich hier mehr als die strenge Ökonomie der Erzählung. Vielleicht kann die Identifikation mit dem Leid der Geiseln und ihrer Angehörigen an Stellen wie dieser helfen, das Trauma von Gladbeck zu begreifen und zu verarbeiten.

Haben Sie häufiger beim Filmemachen diesen Ansatz, etwas damit zu bewirken, womöglich gar zu verändern?

Ich bin weder Weltverbesserer noch Wirklichkeitserklärer. Mir geht es darum, Menschen zu berühren. Deshalb versuche ich, den jeweiligen Stoff in seinem Mythos möglichst intensiv auf mich wirken zu lassen und für die Dauer der Inszenierung in ihm zu leben. Auch wenn das wie in diesem Fall eine ziemlich dunkle innere Reise ist. Grundsätzlich vertraue ich darauf, dass das, was mich selbst berührt, auch das Publikum berühren wird.

Sie sind Ihr erster Zuschauer?

Unbedingt. Ich möchte, dass die Zuschauer beim Gedanken an Gladbeck so erschüttert sind wie ich.

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