Jürgen Becker und Wilfried Schmickler © WDR / Melanie Grande / Montage DWDL
30 Jahre "Mitternachtsspitzen"

"Das sind keine goldenen Zeiten, das sind Scheiß-Zeiten!"

 

Die am längsten existierende Kabarettsendung im deutschen Fernsehen wird 30: DWDL.de sprach mit Jürgen Becker und Wilfried Schmickler, beide seit 1992 bei den "Mitternachtsspitzen" an Bord, über unruhige Zeiten, schnelle Sprüche und arme Würstchen.

von Alexander Krei , Köln
07.09.2018 - 10:37 Uhr

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Herr Becker, Herr Schmickler, wann haben sich Ihre Wege zum ersten Mal gekreuzt?

Jürgen Becker: Das war im Feez, einer Kneipe in Nippes. Damals stand Wilfried mit dem Trio Matsche, Works und Pullrich auf der Bühne und ich war wahnsinnig begeistert. Als die sich später trennten und ich hörte, dass er kein Trio mehr hat, habe ich ihm meins angeboten. Und so wurde er mein Nachfolger im 3 Gestirn Köln 1.

Wilfried Schmickler: Ich habe Jürgen sogar schon 1984 zum ersten Mal gesehen. Damals war er Präsident der Stunksitzung. Ich erinnere mich, wie ich mit der Lederjacke in den Saal kam und in der alternativen Sitzung nur Verkleidete sah. Da dachte ich: Wo sind wir denn hier? Dann fingen die plötzlich auch noch an zu schunkeln! Wir waren der einzige Tisch, der partout nicht mitmachen wollte.

Wann merkt man, dass man sich gut genug versteht, um eine gemeinsame Fernsehsendung zu machen?

Becker: Daran habe ich nie einen Zweifel gehabt. Als mir die "Mitternachtsspitzen" angeboten wurden, war es meine erste Idee, den Wilfried in die Show zu holen. Der sollte am Ende alles niedermachen, was ich in der Stunde zuvor erzählt habe. Ich habe nie bereut, ihn damals gefragt zu haben.

Denkt man am Anfang darüber nach, wie lange man so etwas machen könnte?

Becker: Nö. Am Anfang war der Plan, dass wir das einmal machen und dann weitersehen. Dass das so lange geht, hätte ich nie gedacht.

Heute dürften wir mit Trump, Putin oder Erdogan wahre Sternstunden für Kabarettisten erleben – oder wünschten Sie sich ruhigere Zeiten?

Becker: Ruhige Zeiten sind fürs Kabarett nicht gut. Das haben wir gemerkt, als wir Kabarett unter Helmut Kohl gemacht haben. Da waren wir schon froh, dass zwischen den Sendungen sechs Wochen lagen. Jetzt besteht die Schwierigkeit darin, alles zu kommentieren, sich aber nicht zu wiederholen. Denn auch wenn die Herrschaften ständig neue Botschaften herausposaunen, sind es in Wirklichkeit doch häufig dieselben Themen.

Angela Merkel ist jetzt auch schon in ihrer vierten Amtszeit. Viele sagen, Sie hat den Absprung verpasst.

Becker: Ich habe Respekt vor der Frau und große Hemmungen, auf sie draufzuhauen. Darüber habe ich mal mit Heiner Geißler gesprochen. Damals sagte er zu mir: "Herr Becker, die Merkel ist keine Konservative. Und die CDU ist ein Sauhaufen! Die Frau macht das sehr gut – wie die mit denen umgeht!"

"Mittlerweile sind wir zu Verteidigern von Demokratie und Politik geworden."
Wilfried Schmickler

Woher kommt die Sorge, Merkel anzugreifen?

Becker: Ich sehe das immer von der AfD her, die sagen, Merkel müsse weg. Ich will das nicht und könnte bei ihr nie so auf die Kacke hauen wie bei Seehofer oder Söder. Der Urban Priol hat das ja jahrelang gemacht, das habe ich nie verstanden. Ich finde, diese Frau ist ein Glücksfall. Sie ist eine Frau und aus dem Osten – das ist so eine interessante Lebensgeschichte, dass ich sie nie so recht angreifen konnte. Glücklicherweise gab es genug andere, bei denen ich keine Beißhemmung hatte.

Schmickler: Es heißt immer, dass es eine gute Zeit für Kabarettisten sei, wenn viel Scheiße passiert. Das sehe ich überhaupt nicht so. Das sind keine goldenen Zeiten, das sind Scheiß-Zeiten! Wir sind doch daran interessiert, dass diese Kacke nicht mehr dampft und wollen, dass sich die Gesellschaft solidarisch und positiv entwickelt. Aber es ist für uns doch kein Glücksfall, wenn ein Krieg ausbricht oder ein Irrer in Amerika den Koffer in der Hand hält.

Worüber würden Sie denn dann sprechen?

Schmickler: Da gibt es genug Themen, denn perfekt ist die Gesellschaft ja nie. Die Rente, die Wohnungssituation, die ökologischen Alternativen, die soziale Gerechtigkeit.

Becker: Es entstehen doch ständig neue Ungerechtigkeiten. In dem Moment, in dem man eine Ungerechtigkeit verbessert, gibt es woanders wieder Verlierer. Das muss man immer und immer wieder erwähnen. Ein ständiger Kampf. Deswegen ist das Kabarett auch noch lange nicht tot.

Jürgen Becker
© WDR / Melanie Grande

Kabarettist Jürgen Becker moderiert die "Mitternachtsspitzen" seit 1992

Heutzutage kann aber doch jeder einen schnellen Spruch machen, ganz ohne große Bühne.

Schmickler: Das Internet ist sicherlich die größte Veränderung der letzten 30 Jahre, weil es oft nur wenige Minuten dauert, bis Sprüche, Kommentare oder Karikaturen im Netz stehen.

Ist das Konkurrenz für Sie?

Schmickler: Die müssen ja alle nur einen Witz machen und kein abendfüllendes Programm. Das ist natürlich sehr einfach. Allerdings sind im Endeffekt am nächsten Tag alle Witze schon gemacht. Dann ist unsere Aufgabe, die großen Zusammenhänge herzustellen und mehr Ruhe in die Debatte zu bringen.

Ihre Aufgabe als Kabarettisten hat sich also verändert im Laufe der Jahre?

Schmickler: Mittlerweile sind wir zu Verteidigern von Demokratie und Politik geworden. Wir können nicht dieselben Sprüche klopfen wie die Pegida-Leute, sondern wir müssen unsere Herangehensweise ändern. Natürlich kann und soll man Kritik äußern, aber die Grundhaltung muss eine positive sein.

Becker: Wir müssen die Freude an der Unterschiedlichkeit und anderen Meinungen vermitteln. Das ist die größte Veränderung zu den Anfangsjahren.

Ist das also womöglich in den Jahren zuvor zu kurz gekommen?

Schmickler: Nein, die Zeit hat einfach andere Sachen verlangt. Heute stellen sich neue Fragen, auf die wir als Kabarettisten Antworten finden müssen.

Becker: Nehmen Sie das Internet. Früher bin ich in der Stunksitzung nackt auf der Bühne gestanden. Da konnte ich ja noch nicht ahnen, dass das Jahre später für jeden im Netz zu sehen sein würde. (lacht)

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