SXSW © Jochen Voß
Vor Ort bei der SXSW

Sweetwater, digitale Lösungen und die Zukunft von Brot

 

In diesen Tagen ist Austin Anlaufstelle hunderttausender Menschen, die ihren Blick in die Zukunft richten wollen. Die SXSW befasst sich auf Kongressen und Festivals neben großen Themen wie Künstlicher Intelligenz auch mit dem Fernsehen - und manch absurden Dingen.

von Jochen Voß , Austin, Texas
13.03.2018 - 15:45 Uhr

Die größte Frage für die Daheimgebliebenen: Wofür steht eigentlich dieses kryptische Kürzel? SXSW steht für South by Southwest. Hervorgegangen aus einem in den 80er-Jahren gegründeten Musikfestival hat sich das zehntägige Event im texanischen Austin über die Jahre zu einer der weltweit wichtigsten Anlaufstellen für alle Themen rund um die Digitalisierung entwickelt.

Alljährlich reisen mehrere hunderttausend Menschen aus aller Welt und allen Industrien nach Austin zu parallel stattfindenden Kongressen und Festivals mit Schwerpunkten auf Interactive, Film, Games, Comedy und nicht zuletzt Musik. Es geht um Visionen und Ideen, um Vernetzung, Inspiration und neue Lösungen in unklaren Zeiten. Und natürlich geht es auch um eine gute Zeit mit Barbecue und jeder Menge Musik.

Wer nach Austin kommt, der erlebt den Stand der Digitalisierung mit voller Wucht. Unaufgeregt schieben sich Menschenmassen durch die unzähligen Kongresshallen der Stadt. Bei einem Rundgang über die angeschlossene Messe stellt sich manches mal die Frage, ob das jetzt ein Scherz ist. Vom Roboter, der Häuser baut, bis hin zum Drucker, der mehr oder weniger echtes Suhsi aus verschiedenen Geschmacks-Pixeln zusammenbaut. Sogar die Flugtaxis, mit denen sich die designierte Digital-Staatsministerin Dorothee Bär viel Spott und Häme eingehandelt hat – hier in Austin gibt es ein Panel dazu.

Im Kongressteil der SXSW, der im vergangenen Jahr mehr als 70.000 Besucher angezogen hat, geht es um die Zukunft von so ziemlich allem. Nicht wenige Veranstaltungen tragen den Titel "The future of...". Die Bandbreite der Ausblicks-Panel reicht von Medizin, Arbeit, Marken, Mobilität, Journalismus, Öffentlich-rechtliche Medien, über Shopping Center, Reisen, Location Based Services, Statistik im E-Sport, Essenslieferung bis hin zu Nationalstaaten, Kreativität, Kapitalismus, Cannabis und sogar Brot.

Große Trend- bis Hypethemen in diesem Jahr: Künstliche Intelligenz, der Einfluss verfügbarer Daten auf Kreation und Distribution von Inhalten und natürlich die Blockchain. Auch für Medienunternehmen wird dieses technische Thema relevant. Denn die Blockchain macht als dezentrale Verschlüsselungstechnologie Geschäfte möglich, die komplett ohne Mittelsmänner – wie zum Beispiel Banken – auskommen. In Sachen Content stehen Themen wie 6-Sekunden-Dramaturgien für den hochfrequenten Social-Stream auf dem Programm.

Das Thema Fernsehen integriert die SXSW in den Filmbereich. Klassische Fernsehthemen sucht man eher vergebens. Oftmals geht es um integrale Ansätze. So erklärte zum Beispiel die "Daily Show" in einem großen Panel ihre Social Media-Arbeit. Am Freitag steht das Vorhaben im Mittelpunkt, die Internet-Kultur ins Fernsehen zu bringen.

Weg von großen Visionen, hin zu Pragmatismus

Kongressbesucher haben die Wahl: In den eher trockenen Panels arbeiten sich internationale Experten fleißig an ihren Themen ab. Für spektakuläre Wow-Effekte sorgen dagegen die prominent besetzten Keynotes. Star-Sprecher in diesem Jahr unter anderem: Arnold Schwarzenegger, Elon Musk, Melinda Gates.

Schaut man etwas genauer hin, so stellt man fest, dass sich der Schwerpunkt im Kongressteil mehr und mehr verlagert: weg von der großen Vision, die viel verspricht oder anmahnt – hin zu eher pragmatischen Ansätzen und einem konkreten Umgang mit den vor den Industrien liegenden Aufgaben und Herausforderungen. Die Qualität einer eher fachlich geprägten Veranstaltung bemisst sich meist daran, wie viele Handys bei einem neu aufgelegten Power Point-Slide nach oben schnellen, um ein Bild zu erhaschen.

Gefragt sind weniger neue inhaltliche Ideen, sondern vielmehr Konzepte, Methoden und sogar Organigramme, mit denen sich die neuartigen Aufgaben im Digitalen bewältigen lassen. Das Publikum der SXSW kommt aus der ganzen Welt, der Altersschnitt ist erstaunlich jung. Führungskräfte, die auf den Panels ihre Konzepte und Strategien darlegen, sind nicht selten knapp unter oder über dreißig Jahre alt.

Wer jung ist muss feiern. Wer alt ist auch. Daher steht natürlich auch Spaß auf dem Programm. Neben unzähligen Partys und Meeting-Events lassen sich auch die großen Entertainment-Häuser nicht lumpen. In diesem Jahr machte vor allem HBO von sich reden. Der Bezahl-Kanal stellte die SXSW ganz in Zeichen seiner Western-SciFi-Serie "Westworld", deren zweite Staffel in wenigen Wochen beginnt.

Neben einem Kongress-Panel, in dem das Transmedia-Konzept der Serie detailliert erläutert wurde, hat man die Serie mal eben außerhalb der Stadt zum Leben erweckt. Vor den Toren von Austin können Besucher eine Tour durch die auch in der Fiktion fiktive Stadt Sweetwater buchen. Mehrere US-Kollegen waren vor Ort.

Westworld-Panel in Austin
© Jochen Voß
Auch Deutschland ist in Austin stark vertreten. Das "German Haus" dient als Anlaufstelle für frisches Denken und kühles Bier aus unseren Breiten. Die Bundesländer sind mit Delegationen vor Ort. Startups aus unterschiedlichsten Industrien, Kreative, Medienmacher und institutionelle Vertreter erkunden die digitalen Welten der SXSW. So zum Beispiel bei Meet'n'Match, einem Networking- und Pitching-Event des Landes Nordrhein Westfalen und der Stadt Köln am gestrigen Montag.

Ebenfalls vor Ort: WDR-Fernsehchef Jörg Schönenborn. Kein Zufall, denn der WDR ist ebenfalls in Austin präsent. Auf der Messe feiert eine neue VR-Experience rund um den Bergbau Premiere, bevor sie in rund zwei Monaten auch für das deutsche Publikum im Netz zugänglich sein wird.

Noch ist die SXSW in vollem Gange. Doch am morgigen Mittwoch werden sich die Reihen erstmals lichten. Der Interactive-Part geht zu Ende, der Musik-Teil nimmt Fahrt auf. Weite Teile der Delegationen reisen daher ab. Wer nach knapp einer Woche noch nicht genug hat, der bleibt einfach bis Sonntag und erlebt beim Musik-Festival texanisches Flair, das sich dann eher in die Nacht verlagert. Sicher auch inspirierend.

Über den Autor

Jochen Voß ist Gründer der next step next GmbH und hilft Unternehmen beim Aufbau digitaler Redaktionen. Zuvor hat Jochen Voß u.a. die Online-Aktivitäten der „heute show“ verantwortet und war von 2006 bis 2010 Redakteur bei DWDL.de.

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