Was ist eigentlich die wichtigste Zahl im Streaming?
Die Zahl der Menschen, die einmal vorbeischauen? Oder die Zeit, die sie anschließend dort verbringen? Die neuen AGF-Daten bringen in diese Frage erstmals etwas mehr Ordnung. Und sie erzählen eine interessante Geschichte. Prime Video kommt im Juli auf 124 Millionen Streamingstunden, bei den 14- bis 49-Jährigen sogar auf 81 Millionen. Nun, das ist im Kreis der von der AGF ausgewiesenen Plattformen eine Ansage. Das Ranking bildet allerdings nicht den gesamten deutschen Streamingmarkt ab. Schwergewichte wie Netflix, Disney+ und YouTube fehlen in dieser Auswertung. Eine aktuelle AGF-Plattformstudie zeigt, dass Netflix z.B. bei der Frage, welches Streamingangebot Menschen beim Einschalten zuerst ansteuern, mit 16 Prozent klar vor YouTube mit 5,7 Prozent und Prime Video mit vier Prozent liegt. Gerade deshalb sollte man die Zahlen weniger als Rangliste lesen denn als Hinweis darauf, wie unterschiedlich gut es den einzelnen Plattformen gelingt, aus Reichweite regelmäßige Nutzung zu machen.
ARD und ZDF erreichen digital enorme Publika: knapp 28 beziehungsweise 24 Millionen Menschen im Monat, deutlich mehr als Amazon. Ihre Nutzer verbringen dort aber weniger Zeit. Wer also noch behauptet, die Öffentlich-Rechtlichen hätten Streaming grundsätzlich verschlafen, muss definitiv genauer hinsehen. Die digitale Distribution funktioniert. Die größere Aufgabe lautet, aus gelegentlichem Besuch regelmäßige Nutzung zu machen. Noch deutlicher wird das bei den Privaten. Joyn erreicht im Juli mit 10,6 Millionen Menschen sogar mehr als RTL+ mit 9,4 Millionen und zeigt damit, wie stark Free beim Reichweitenaufbau sein kann. RTL+ kommt allerdings auf die höhere Nutzungsintensität: 55,6 Millionen Streamingstunden gegenüber 38,8 Millionen bei Joyn; bei 14 bis 49 stehen 39,2 zu 19,5 Millionen Stunden.
Interessant ist deshalb weniger die Frage, wer vorne liegt, sondern wie aus Reichweite regelmäßige Nutzung wird. Genau dort liegt für beide Plattformen der nächste Hebel. Am Ende führen diese Zahlen für mich zurück zu einer alten Stärke des Fernsehens. Fernsehen war jahrzehntelang eine perfekte Gewohnheitsmaschine: Tagesschau um Acht, GZSZ am Vorabend, Tatort am Sonntag, Sportschau am Samstag. Streaming hat diese Rituale zunächst aufgelöst. Nun müssen die Plattformen neue schaffen. Deshalb dürfte künftig nicht nur entscheidend sein, wie viele Menschen ein Format erreicht oder wie viele Minuten es erzeugt. Sondern wie viele Gründe es liefert, morgen wiederzukommen. Die wichtigste Währung im nächsten Kapitel des Streamings heißt möglicherweise nicht nur Reach, sondern Return.
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Ist das Kino jetzt zurück oder nicht?
Die Filmförderungsanstalt FFA jubelt zum Halbjahr: 47,5 Millionen Tickets in sechs Monaten, 16,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Umsatz der deutschen Kinos stieg sogar um 24,5 Prozent auf 502 Millionen Euro. Und erstmals seit Covid scheint die Marke von 100 Millionen Kinobesuchen im Gesamtjahr wieder realistisch. Also: Kino gerettet? Ganz so einfach ist es nicht. Denn gegenüber dem ersten Halbjahr 2019 fehlen noch immer elf Prozent der Besucher. Dass der Umsatz trotzdem neun Prozent höher liegt, hat auch mit gestiegenen Preisen zu tun. Im Schnitt kostete ein Ticket zuletzt 10,57 Euro, 6,5 Prozent mehr als vor einem Jahr. Das Kino hat also seinen Umsatz schneller zurückgewonnen als seine alte Besuchsfrequenz. Menschen haben offenbar keineswegs aufgehört, ins Kino zu gehen. Sie brauchen nur häufiger einen richtig guten Grund dafür. 14 Filme kamen im ersten Halbjahr auf mehr als eine Million Besuche. Darunter waren nicht nur Mario, Avatar oder andere bekannte Marken, sondern auch Michael, The Housemaid, Project Hail Mary, Hoppers und Extrawurst.
Der deutsche Film legte bei den Besuchern sogar um gut 60 Prozent zu und erreichte 26,5 Prozent Marktanteil. Allerdings, die fünf deutschen Besuchsmillionäre starteten allesamt im Januar. Im Januar und Februar lag der deutsche Marktanteil noch bei über 40 Prozent, im Mai waren es gerade einmal 8,8 Prozent. Und der Juni war mit 5,5 Millionen Tickets der mit Abstand schwächste Monat des Halbjahres. Das Kino ist also noch stärker zum Hitgeschäft geworden. Ein Blick in die USA passt dazu. Auch dort wächst das Box Office wieder deutlich, während die Besucherzahlen weiterhin erheblich unter 2019 liegen. Gleichzeitig zeigen Erfolge wie Project Hail Mary oder Obsession, dass ein Kinoereignis nicht zwingend Marvel, Mario oder eine andere jahrzehntealte Franchise braucht. Vielleicht führt deshalb schon meine Frage in die Irre, ob das Kino wieder „zurück“ sei. Zurück wohin? In eine Zeit, in der man am Samstagabend ins Kino ging und erst vor Ort entschied, welchen Film man sehen wollte? Diese Gewohnheit dürfte tatsächlich nicht zurückkommen. Aber etwas anderes offenbar schon. Nämlich die Fähigkeit des Kinos, Menschen für einen besonderen Film aus dem Wohnzimmer zu locken. Das Kino ist nicht wieder Alltag. Aber es kann nach wie vor Ereignis sein.
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Was kostet eigentlich ein Stück Unersetzbarkeit?
12,5 Milliarden US-Dollar. So viel jedenfalls, wenn es sich bei diesem Stück um die Los Angeles Lakers handelt. Josh Kushner, Gründer von Thrive Capital, und der frühere Disney-Chef Bob Iger haben sich auf die Übernahme der Kontrolle geeinigt - vorbehaltlich der Zustimmung der NBA. Noch bemerkenswerter ist, wie schnell dieser Rekord-Deal kommt. Mark Walter hatte die Kontrolle über die Lakers erst im vergangenen Oktober übernommen, damals bei einer Bewertung von zehn Milliarden US-Dollar. Keine zwölf Monate später sind daraus 12,5 Milliarden geworden. Ein Wertzuwachs von 25 Prozent, ohne dass LeBron James plötzlich 25 Prozent mehr Körbe wirft oder die Lakers 25 Prozent mehr Umsatz machen. Sportfranchises haben sich offenbar längst von jeglichen Bewertungslogiken entfernt.
Um die Jahrtausendwende wurde ein durchschnittliches NBA-Team noch mit ungefähr dem 2,6-Fachen seines Jahresumsatzes bewertet. 2025 lag der Durchschnitt laut Forbes bereits beim 12,9-Fachen. Schon die zehn Milliarden US-Dollar für die Lakers entsprachen etwa dem 18-Fachen ihres Umsatzes. Bei 12,5 Milliarden wird die Rechnung endgültig zu einer anderen. Zum Vergleich: Im weltweiten Forbes-Ranking lag der Lakers-Wert Ende 2025 noch bei zehn Milliarden US-Dollar auf Platz fünf. Der neue Kaufpreis von 12,5 Milliarden würde sie heute hinter den Dallas Cowboys zum zweitwertvollsten Sportteam der Welt machen. Selbst Real Madrid kommt in der aktuellen Forbes-Bewertung „nur“ auf 9,5 Milliarden, Liverpool auf 6,2 Milliarden. Vor wenigen Jahren erschienen sechs Milliarden für ein Sportteam noch grotesk hoch. Heute wirken solche Transaktionen eher wie die nächste Stufe auf einer immer steiler werdenden Treppe.
Es scheint, je fragmentierter Entertainment wird, desto wertvoller werden die wenigen Inhalte, die noch gleichzeitig Millionen Menschen erreichen. Filme sind ersetzbar. Serien sind ersetzbar. Selbst Stars sind ersetzbar. Ein Lakers-Spiel gegen die Celtics ist es nicht. Oder Bayern gegen Dortmund. Dass dieser Gedanke längst über einzelne Rekorddeals hinausweist, zeigt auch Jeff Bezos. Ein Investorenkonsortium, zu dem auch Bezos gehört, steigt mit rund 30 Prozent beim FC Liverpool ein. Auch eine jener globalen Sportmarken, die sich nicht einfach reproduzieren lassen. Die 12,5 Milliarden US-Dollar für die Lakers sind eine Wette auf die zukünftige Knappheit von globalem Live-Entertainment. Sportclubs werden damit zunehmend wie einzigartige IP-Assets bewertet. Nur mit einem entscheidenden Vorteil: Jede Saison produziert automatisch neue Folgen. Vielleicht kaufen Kushner, Iger und Bezos also gar nicht in erster Linie Sportclubs. Sie kaufen eines der knappsten Mediengüter der Zukunft. Aufmerksamkeit, die sich nicht verschieben lässt.
Warum ist ein teuer klingender Vergleich von Meta möglicherweise ein sehr smarter Move?
Bis zu 18 Milliarden US-Dollar will Meta zahlen, um einen großen Teil der US-Verfahren über mögliche Schäden von Instagram und Facebook für Kinder und Jugendliche beizulegen. Das klingt erstmal nach einer gewaltigen Niederlage. Die Süddeutsche Zeitung sprach unter Berufung auf die New York Times sogar von einer „dramatischen Kapitulation.“ Erstmals müsse sich Meta einer von außen auferlegten Regulierung seines Produkts beugen. Das ist eine plausible Lesart. Aber vielleicht nicht die einzige. Zur Sache: Die Vorwürfe waren erheblich. Amerikanische Bundesstaaten beschuldigten Meta, Facebook und Instagram bewusst mit Mechanismen ausgestattet zu haben, die junge Menschen möglichst lange auf den Plattformen halten, Risiken heruntergespielt und teilweise Datenschutzregeln für Kinder verletzt zu haben. Im laufenden Prozess standen zeitweilig Forderungen von bis zu 200 Milliarden US-Dollar im Raum. Nun zahlt Meta 12,7 Milliarden garantiert über zehn Jahre, weitere Milliarden können hinzukommen.
Aber: Dafür gibt es kein Schuldeingeständnis und vor allem kein Grundsatzurteil darüber, ob zentrale Elemente des Geschäftsmodells rechtswidrig sind. Ein generelles Verbot algorithmischer Feeds oder personalisierter Werbung gibt es nicht. Allerdings müssen Jugendliche künftig auch einen nicht-personalisierten Feed wählen können. Dass die Meta-Aktie nach Bekanntwerden der Einigung stieg, zeigt, wie der Kapitalmarkt den Deal bewertet, nämlich positiv. Noch interessanter sind die Auflagen. Minderjährige sollen Facebook und Instagram standardmäßig höchstens zwei Stunden täglich nutzen können. Nachts wird der Zugang eingeschränkt, während der Schulzeit werden Benachrichtigungen reduziert. Und Eltern erhalten stärkere Kontrollmöglichkeiten.
Der möglicherweise smarte Teil für Meta? Ein erheblicher Teil der zusätzlichen Zahlungen wird erst fällig, wenn Wettbewerber wie TikTok oder YouTube vergleichbare Regeln akzeptieren. Meta fordert sie bereits öffentlich dazu auf. Aus der Regulierung von Meta könnte so ein Industriestandard werden. Für Meta als Marktführer muss das keineswegs schlecht sein. Es hat seine Teen-Accounts bereits umgebaut, verfügt über enorme Compliance-, Daten- und KI-Ressourcen und verdient längst weit mehr als nur mit der Aufmerksamkeit amerikanischer Teenager. TikTok dagegen hängt stärker an langen algorithmisch erzeugten Nutzungssessions, Snap hat ebenfalls eine besonders junge Nutzerschaft. Was Meta vielleicht etwas Engagement kostet, könnte Wettbewerber strukturell härter treffen. Ergo, Regulierung schützt nicht automatisch die Kleineren vor den Großen. Wer die Kosten neuer Standards problemlos tragen kann und sogar Einfluss darauf hat, wie diese Standards aussehen, kann daraus einen ziemlich schönen Burggraben bauen. Die „dramatische Kapitulation“ wäre dann eher ein ziemlich smarter Rückzug. Meta beendet einen gefährlichen Prozess. Und hilft dabei, die Regeln festzulegen, nach denen künftig auch seine Konkurrenten spielen müssen. 18 Milliarden US-Dollar wären dafür dann plötzlich gar nicht mehr so teuer.
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Und welcher Begriff ist für die Medienindustrie inzwischen nahezu unbrauchbar?
Die allgemeine Formulierung „AI.“ Das ist zumindest die Erkenntnis aus einem Bericht des Hollywood-Newsletters The Ankler. Demnach hat seit November 2023 Produzentin Kathleen Kennedy gemeinsam mit der Dekanin des American Film Institute, Susan Ruskin, immer wieder einige der mächtigsten Menschen Hollywoods hinter verschlossenen Türen versammelt. Oscar-Preisträger, Schauspieler, Studiochefs und Technologen aus dem Silicon Valley. Nach fast drei Jahren Gesprächen präsentieren sie nun ihr erstes gemeinsames Ergebnis. Und das lautet im Kern: „Wir müssen aufhören, alles AI zu nennen.“ Denn unter demselben Etikett würden inzwischen vollkommen unterschiedliche Dinge verhandelt. Fortschritt, Rationalisierung, Kontrollverlust, schöpferische Freiheit und Jobangst zugleich.
Entsprechend reden in der Debatte häufig alle über AI. Aber längst nicht mehr über dasselbe. Eine Software entfernt Bildrauschen oder trennt Tonspuren: AI. Ein Regisseur erzeugt mit generativen Modellen einzelne Bilder, verwirft sie, verändert sie, schneidet sie neu und behält damit die kreative Kontrolle: AI. Und jemand tippt „Mach mir einen Film“ in eine Maschine und akzeptiert das Ergebnis: genau, ebenfalls AI. Die Hollywood-Gruppe schlägt deshalb drei Kategorien vor: AI als Werkzeug, „Human Generative Workflows“, bei denen der Mensch die kreativen Entscheidungen kontrolliert und zuletzt maschinell generierte Ergebnisse, bei denen diese Kontrolle weitgehend fehlt. Klingt zunächst ein bisschen nach Wortklauberei. Tatsächlich könnte darin eine wichtige Voraussetzung für einen vernünftigen Umgang mit generativer Technologie liegen. Denn erst wenn wir unterscheiden, worüber wir reden, können wir vernünftig über Urheberrecht, Vergütung, Credits, Zustimmung, Produktionskosten oder den Schutz von Künstlern diskutieren.
Natürlich kann man über diese Bemühungen spotten. Netflix hat nach eigenen Angaben bereits bei rund 300 Titeln generative AI eingesetzt und dieses Jahr Ben Afflecks AI-Filmtechnologie-Unternehmen InterPositive für 587 Millionen US-Dollar gekauft. Während die einen noch Begriffe sortieren, bauen andere längst neue Produktionspipelines. Das Problem der Medienindustrie ist eben gerade, dass Technologie, Produktion, Recht und Organisation mit völlig unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs sind. Auch deutsche Sender und Produzenten sollten deshalb tunlichst darüber diskutieren: Welche AI? Für welche Aufgabe? Unter wessen kreativer Kontrolle? Und nach welchen Regeln? Vielleicht beginnt die nächste Phase der AI-Revolution deshalb dann doch mit einer präziseren Sprache, und die Zeit von Kennedy et al. war gut investiert.
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