Christian Wulff © Screenshot Phoenix
Abrechnung im "Spiegel", Antwort von Diekmann

Christian Wulff: "Journalisten können gruselig sein"

 

In einem lesenswerten "Spiegel"-Interview hat Ex-Bundespräsident Christian Wulff noch einmal mit den Medien abgerechnet und dafür teils scharfe Worte gefunden. Auf Twitter reagierte inzwischen auch "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann.

von Alexander Krei
21.07.2014 - 15:38 Uhr

"Ich war eine Provokation. Ich war einigen mächtigen Medienschaffenden zu unbequem geworden." Im aktuellen "Spiegel"-Interview mit Wolfgang Büchner, Christiane Hoffmann und Peter Müller spart der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff nicht mit Kritik an den Medien und sagt rückblickend über seine Zeit an der Spitze des Landes: "Da kam eins zum anderen, und an einem bestimmten Punkt entstand der Eindruck, Wulff ist von Springer zum Abschuss freigegeben. Da wollten viele nicht abseitsstehen." Einige Leitmedien hätten bereits während seiner Kandidatur und schließlich in den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit "eine Schablone für mich entworfen, in die alles hineingepackt wurde".

Nach Erscheinen des Interviews hat sich nun auch "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann zu Wort gemeldet - und via Twitter seine Sicht der Dinge dargestellt. "Oje, sein Blick zurück im Zorn scheint mir getrübt", schreibt Diekmann und veröffentlicht ein Schreiben Wulffs, in dem sich der damalige Bundespräsident bei ihm und einem Fotografen "für die fantastischen Fotos" bedankt, die ihm und seiner Frau nach der Wahl zum Präsidenten überlassen worden seien. "Sie sind eine großartige Erinnerung für uns an einen denkwürdigen Tag." Wulff an Diekmann: "Dank möchte ich Ihnen auch sagen für die Unterstützung, die ich in den vergangenen Jahren, gerade aber auch zuletzt im Umfeld der Wahl zum Bundespräsidenten, von Ihnen persönlich erfahren habe. Das ist für mich Ermutigung, Ansporn und Verpflichtung zugleich."

Unter dem Hashtag #TrüberBlickimZorn verweist Diekmann darüber hinaus auf in "Bild" erschienene Artikel, ist denen es heißt, Wulff sei "kein Wink-Onkel" und gar ein "neuer Präsident mit ganz anderem Stil". Darüber hinaus dokumentiert der "Bild"-Chefredakteur, dass er dem Leo-Baeck-Institut in New York den damaligen Präsidenten nach dessen Islam-Rede als Redner vorgeschlagen habe. Doch insbesondere die mediale Berichterstattung nach seiner Rede hat Wulff heute offenbar anders in Erinnerung. "Dass ich dafür von 'Bild' und FAZ' getadelt werde, war zu erwarten. Aber beim 'Spiegel'? Kein positives Wort. Stattdessen ist auch der 'Spiegel' in Hannover rumgelaufen und hat einer angeblichen Rotlichtvergangenheit meiner Frau hinterherrecherchiert."

"Bild"-Chef Kai Diekmann präsentierte auf Twitter nun auch weihnachtliche Grüße des einstigen Bundespräsidenten, in denen dieser zehn Wochen nach der viel diskutierten Rede schrieb: "Dank für manch klugen Ratschlag." Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die "Bild"-Zeitung Wulff einst mit einer Falschmeldung stürzte, wie Medienjournalist Stefan Niggemeier kürzlich in seinem Blog erläuterte. Darauf spielt auch Wulff an: Der Antrag auf Aufhebung der Immunität beruhe auf einer konstruierten Geschichte der "Bild"-Zeitung. "Nach dem Freispruch hieß es dann: Na ja, rechtlich mag das alles in Ordnung sein - aber moralisch! Das erinnert mich an eine Jagdgesellschaft, die ein nicht zum Abschuss freigegebenes Tier erlegt und anschließend sagt: War trotzdem richtig, das Tier hatte sicher Tollwut."

Auf die Frage, ob diverse Grenzüberschreitungen letztlich in der Summe nicht Grund genug für seinen Rücktritt gewesen seien, sagte Wulff: "Eindeutig nein. Ich Diese Formulierung 'in der Summe' kann ich inzwischen mehr nicht mehr hören. Journalisten haben wir Hunderte Fragen gestellt, teilweise völlig absurde Fragen, und ich habe sie allesamt beantwortet. Die Staatsanwaltschaft hat Hunderte Vorwürfe geprüft, kein einziger hielt stand. Und dann sagen Sie: 'aber in der Summe!' Mit kommt es so vor, als ob viele dieser Fragen gar keinen anderen Sinn hatten als den, mich ins Zwielicht zu rücken. 'Wulff dementiert' hieß so viel wie: 'Es wird schon was dran sein.'"

Im lesenswerten "Spiegel"-Interview gibt Christian Wulff nun, einige Wochen nach Veröffentlichung seines Buches, zu Protokoll, "kaum noch gegen irgendjemanden Groll" zu empfinden. "Ich habe es geschafft, nicht bitter zu sein." Das liest sich allerdings dann doch ein wenig anders. Auch mit Blick auf die "Spiegel"-Redakteure, denen er vorwirft, ihre Rolle zu beschönigen. Wulff: "Lesen Sie mal nach, was Sie im Zusammenhang mit meiner Frau über Autos und Glamour geschrieben haben oder über eine Verbindung von VW und der BW-Bank. An den Haaren herbeigezogen. Was hat der sogenannte investigative Journalismus bei mir denn zutage gefördert? Meinen Urlaub im Gästehaus von Carsten Maschmeyer auf Mallorca? Auf der Insel wusste doch jeder, dass ich dort war."

Wulff weiter: "Ich halte einige Titelseiten des 'Spiegel' für absolute Entgleisungen, zum Beispiel die mit der Zeile 'In Amt und Würden' - wo dann 'Würde' durchgestrichen war. Ich finde, dafür sollten sich die Verantwortlichen schämen." Dass er ein zu enges Verhältnis zum Boulevard unterhalten habe, glaubt Christian Wulff indes nicht, auch wenn er es für möglich hält, dass die Bekanntgabe der Beziehung zu seiner späteren zweiten Frau auch in der "Bild"-Zeitung "vielleicht" ein Fehler gewesen sei. Dass er als Aufsteiger unter besonderer Beobachtung stand, sei ihm aber bewusst gewesen. Die Journalisten hätten sich für jedes Detail des Zusammenlebens interessiert. "Ein zwölfjähriges Mädchen in unserem Nachbarhaus fragten sie am Telefon aus, wie denn mein Verhältnis zu meiner Frau sei. Journalisten können gruselig sein."

Nach seinen Erfahrungen fordert Christian Wulff, die Regularien des Presserats zu überdenken. "Auswüchse könnten strenger geahndet werden im Interesse des Ganzen. Aber im Grunde sollte die Form der freiwilligen Selbstkontrolle genügen. Was früher am Stammtisch blieb, kann heute jeder in Form eines Internetblogs in alle Welt verbreiten. Damit dürfen sich Qualitätsmedien nicht gemeinmachen. Sie müssen unterscheidbar sein." Ein Vorschlag, den der Deutsche Journalisten-Verband übrigens zurückweist. Freunde werden Wulff und die Medien aber wohl so oder so nicht mehr. Auf den Einwurf, er habe viel Gewicht verloren, entgegnete Wulff im "Spiegel"-Interview": "Ich bin damals regelrecht abgemagert, das war ungesund. Und wenn ich so wenig Einsicht bei Medienschaffenden sehe wie bei Ihnen in diesem Interview, brauche ich wohl noch ein paar zusätzliche Aufbaukurse."

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