Böhmermann bei Tagung Mehr - Medien: Programm 2020 © DWDL
Böhmermanns harte Bestandsaufnahme

"Augen aufmachen und gucken, was schief läuft!"

 

"Wenn man Veränderungen bewegen möchte, muss man offen darüber reden, was eigentlich los ist" - das forderte Jan Böhmermann bei der Diskussion über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Und sparte dann demzufolge auch nicht mit Kritik.

von Uwe Mantel
07.11.2016 - 21:29 Uhr

Auch wenn bei der Tagung "Mehr - Medien: Programm 2020", die anlässlich der Gründung des Grimme-Forschungskollegs an der Universität zu Köln am Montagnachmittag stattfand, in der ersten Diskussionsrunde vor allem über die Finanzierung der Öffentlich-Rechtlichen diskutiert wurde - sie stellt eigentlich nicht das drängendste Problem von ARD und ZDF dar. Jan Böhmermann fasste das so zusammen: "Bei den Öffentlich-Rechtlichen ist das Thema Geld eigentlich ziemlich geil. Geld ist ja ohne Ende da, es versickert halt irgendwo."

Wichtiger wäre also schon, sich mal die anderen Baustellen von ARD und ZDF anzuschauen. "Natürlich geht da vieles besser", so Böhmermann. "Wenn man relevante Veränderungen bewegen möchte, muss man offen miteinander darüber reden, wie es eigentlich ist. Dafür kann man natürlich Leute von außen hinzuholen. Man kann aber auch einfach mal die Augen aufmachen und gucken, was schief läuft." Und das ist aus seiner Sicht so einiges.

Vor allem haben ARD und ZDF aus seiner Sicht den Anschluss an die heutige Zeit verpasst. "Die Öffentlich-Rechtlichen haben es fast zwanzig Jahre versäumt, sich mal umzugucken, was technologisch eigentlich passiert. Momentan ist es nun an Leuten wie Sophie Burkhardt (stellvertretende Geschäftsführerin von funk, die ebenfalls an der Diskussion teilnahm) oder an meiner Crew und mir, diese Lücke von zwanzig Jahren zu überbrücken. Und das ist nicht nur eine technologische, sondern auch eine inhaltliche und kulturelle Frage."

Während Friedrich Küppersbusch eine "Goldgräberstimmung" ausgemacht hat, weil nun auf Youtube jeder selbst Clips veröffentlichen könne, was auch die traditionellen Inhalteproduzenten auf Trab gebracht habe ("Die haben uns zum Einen Feuer unterm Arsch gemacht, zum Anderen Publikum abgejagt und zum Dritten gesagt: 'Hört auf zu Grübeln und macht mal!' Das ist eine großartige Situation.") und weil die Plattform als "Permanenzlabor" für neue Formate diene, ist Böhmermann weniger euphorisch. "Das ist keine 'Goldgräberstimmung' weil gar kein Geld da ist. Du kannst vielleicht ein paar Google-Euros einsacken, aber du verdienst dort keine echte Kohle."

Sich bei der Entwicklung neuer Formate für junge Leute auf Youtube zu verlassen, könne ohnehin nicht die beste Lösung sein. "Ideal wäre doch, wenn der Sender sich nicht aus einer Plattform bedienen müsste, die es neben dem Sender gibt, sondern wenn der Sender das selbst zulassen würde." So aber gebe es eine zunehmende Entkopplung des öffentlich-rechtlichen Systems von der Produktion und von den Zulieferern der Inhalte. Ohnehin gehe die Bereitschaft, progressive Unterhaltungformate, neue Sachen und ein Scheitern zuzulassen, langsam gegen Null. Wenn bei einem Sender keine Produktionserfahrung mehr existiere und wenn man den Diskurs, der dort stattfindet, nicht kenne, dann werde es zunehmend schwierig. Schon heute müsse man jedenfalls nicht mehr zum WDR gehen, um einen Film zu drehen. Und er habe auch nicht das Gefühl, dass "Leute, die heute journalistisch etwas reißen wollen, sich darum reißen, beim WDR ein Volontariat zu bekommen."

Es ging natürlich auch nochmal um die Erdogan-Affäre, bei dem die ZDF-Leitung und Böhmermann bekanntlich nicht einer Meinung waren - auch wenn Böhmermann das ZDF verteidigte. "Ich weiß genau - wie die meisten beim ZDF, die für uns zuständig sind - dass wir einander brauchen, dass es aber nicht einfach ist, diese Welten zusammen zu bekommen." Es sei der seltene Fall gewesen, dass die Programmrichtlinien des Senders vielleicht nicht in direktem Gegensatz zu seiner Haltung stünden, bei denen er aber in seinem Selbstverständnis als Satiriker bereit gewesen sei, einen Schritt weiter zu gehen. Das werfe ganz grundsätzliche Fragen auf: "Wie weit darf ein öffentlich-rechtlicher Sender oder muss er gehen, um relevant zum gesellschaftlichen Diskurs in bestimmten Situationen beizutragen. Gibt’s eine Art Inhaltsfirewall, eine Grenze, die man nicht überschreitet?" Und weiter: "Das war natürlich keine Loriot-artige, fein-ziselierte Nummer, aber sie hatte ihre Berechtigung, weil sie Sachen zu Tage gefördert hat, die ja ohne uns da waren. Das zuzulassen ist eigentlich klassischer Bildungsauftrag - so hart das ist und so weh das manchmal tut."

Weh tut auch manchmal, sich am Diskurs in den sozialen Netzwerken zu beteiligen, wo bekanntlich häufig ein rauher Wind weht. Doch gerade deswegen sei es so wichtig, dass die Öffentlich-Rechtlichen dort stärker in Erscheinung treten: "Ich finde bedenklich, dass die Neue Rechte die sozialen Medien viel besser verstanden hat als Leute, die geradeaus denken können. Ich halte das für eine zivilisatorische Gefahr." Er brauche sich nur seinen Nachrichteneingang anzuschauen, der sehe "seit Jahren nicht sehr erfreulich aus". "Die Leute sind alle längst da, wo öffentlich-rechtliche Sender leider nicht sind. Und das ist echt Scheiße."

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