Sandra Maischberger © WDR/Peter Rigaud
Sandra Maischberger über Talk-Kritik

"Zum Streit gehören Leidenschaft und Polemik"

 

Nachdem sich bereits ARD-Chefredakteur Rainald Becker gegen eine Zwangspause der deutschen Talkshows ausgesprochen hatte, äußert sich nun auch Sandra Maischberger. Die Talks hätten die AfD nicht groß gemacht, zugleich räumt sie auch Fehler ein.

von Timo Niemeier
13.06.2018 - 15:55 Uhr

Die zuletzt stark aufkommende Kritik an den Talkshows bei ARD und ZDF ist auch ganz besonders auf "Maischberger" zurückzuführen. Am 6. Juni talkte Sandra Maischberger mit ihren Gästen zum Thema "Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz" - dafür musste die Redaktion viel Kritik einstecken, auch, weil man den Titel der Sendung noch kurzfristig änderte. Zuvor lautete der Titel "Sind wir zu tolerant gegenüber dem Islam?". Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats hat daraufhin unter anderem ein Jahr Zwangspause für die Talkshows im deutschen Fernsehen gefordert.

Sandra Maischberger hat sich nun in einem Gastbeitrag in der "Zeit" zu Wort gemeldet und Fehler in der jüngsten Sendung eingeräumt. "Dass wir in der Sendung zu wenig über den politischen Islam und zu viel über kulturelle Alltagsprobleme diskutiert haben, wurde zu Recht kritisiert. Es war der Fehler der Redaktion, nicht der geladenen Gäste." Die kurzfristige Titeländerung sei keine Reaktion auf die harsche Kritik gewesen, sondern bereits vorher beschlossen worden - "nach einer heftigen internen Diskussion".

Den Vorwurf, Talkshows hätten die AfD groß gemacht und bis in den Bundestag gebracht, weist Maischberger zurück. "Fernsehleute neigen ja gelegentlich zur Selbstüberschätzung. Dass sie aber für ein Phänomen verantwortlich sein sollen, das auch einen großen Teil unserer europäischen Nachbarn erfasst hat, ist zu viel der Unehre." Wahlen in Ländern wie in Italien, Tschechien, Ungarn, Polen, Großbritannien und den USA würden zeigen, dass die Bürger auf große Umbrüche reagieren. "Sie bilden sich gesellschaftliche Erschütterungen nicht ein, sondern erleben sie. Sie tauschen sich darüber im Netz aus, lange bevor der öffentliche Raum davon Notiz nimmt."

Tatsächlich werde öffentlich "immer heftiger" gestritten, schreibt Maischberger in ihrem Gastbeitrag. Das müsse und würde sich auch in den politischen Talkshows widerspiegeln. Wer den Streit auf offener Bühne führen wolle, begebe sich dabei zwangsläufig auf unsicheres Terrain, so Maischberger. "Zum Streit gehören Leidenschaft und Polemik, manchmal auch die Provokation, die das Gegenüber erst dazu herausfordert, den eigenen Standpunkt mit Klarheit zu formulieren. Das gelingt meistens gut, hin und wieder entgleist die Debatte, bleibt der Erkenntnisgewinn im Eifer des Gefechts aus. Manchmal machen wir Journalisten Fehler, stellen in der Talkshow die falschen Fragen oder diskutieren mit den falschen Gästen."

Die öffentliche Kritik an den Sendungen lasse die Polit-Talker nicht kalt, dennoch habe sich die Rezeption von TV-Debatten verändert. "Wenn wir früher eine schlechte Sendung produziert haben, ernteten wir harsche Kritik. Wenn heute eine Sendung nicht gelingt, gefährden wir gleich den Fortbestand der Demokratie", schreibt Maischberger und fragt: "Geht’s auch etwas gelassener?"

Mit einer Zwangspause für Talkshows kann Sandra Maischberger wenig überraschend nichts anfangen. "Wer aus Angst vor einem falschen Wort gleich die Debatte vermeiden will, überlässt erst recht denen die Bühne, die diese Angst nicht haben, sondern sie zu nutzen wissen." Manchmal gebe es auf gewisse Fragen eben keine eindeutigen und damit befriedigenden Antworten. "Das auszuhalten ist schwierig", schreibt Maischberger in der "Zeit".


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