Als Pia Strietmann vor wenigen Wochen in München der Blaue Panther verliehen wurde für die Regie in "Herrhausen – Der Herr des Geldes", hielt ihr Hauptdarsteller und inzwischen inniger Freund Oliver Masucci die Laudatio auf sie. Und diese hatte es in sich, weil sich Masucci einen Rüffel in Richtung Presse erlaubte: In den Artikeln über Pia stehe oft "talentierte Jungregisseurin" oder, damit mache man sich bei ihr besonders beliebt, "talentierte Tatort-erfahrene Nachwuchsregisseurin". Das sei jetzt so seit gut 15 Jahren. Journalisten könnten mal anfangen, von der "international renommierten Regisseurin Pia Strietmann" zu schreiben, schlug er vor.

Wie absolut Recht Oliver Masucci hat! Denn welcher männliche Regiekollege im gleichen Alter und mit der gleichen Erfahrung wird fortwährend auf "jung" und "talentiert" reduziert? Na?

Seit Pia Strietmann im Jahr 2009 für ihr Kurzfilmdebüt "Fernweh" den Starter Filmpreis der Stadt München erhielt, ist ihre Liste an Würdigungen kontinuierlich länger und länger geworden. In diesem Jahr, in ihrem 48. Lebensjahr, schaffte sie mit Grimme-Preis, Deutschem Fernsehpreis und Blauem Panther für "Herrhausen" den Hattrick. Mehr geht nicht in Deutschland. Aber am kommenden Montag in New York, bei der Verleihung der International Emmys, da könnte noch was gehen.

Der Polit-Thriller über den am 30. November 1989 von der RAF getöteten Vorstandssprecher der Deutschen Bank ist, wie berichtet, in der Kategorie "TV Movie / Miniseries" nominiert. Diejenige, die die wahre Geschichte in Szene gesetzt hat, scheint die Nominierung überhaupt nicht zum Anlass zu nehmen, um – sinngemäß – abzuheben. Im Gegenteil.

Pia Strietmann © Christoph Bombart
Sehr down to earth, durchweg cool temperiert wirkt Pia Strietmann bei unserem Gespräch ein paar Tage vor ihrem Abflug nach New York. Sie ist da gerade in London on the job. Ihr aktuelles Regie-Projekt, die britische Serie "Prisoner" von Showrunner Matt Charman für Sky Television, steckt in der finalen Mischung. Nach der Weltpremiere auf dem Series Mania Festival in Lille habe "Herrhausen" eine "irre Aufmerksamkeit" bekommen, erklärt Strietmann. Sie werde seither auch von Agenten in London und in L.A. vertreten. Mit Erfolg, wie man bald bei Sky sehen wird.

Zum Preisregen für den Film, der ihr zum internationalen Durchbruch und zur iEmmy-Nominierung verholfen hat, sagt sie: "Klar fühlt es sich super an, so gesehen und bedacht zu werden. Ich weiß auch, wie bedeutend Preise für die Karriere sind." Aber diese Geschichte aus dem Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film (Hff) in München ist ihr im Kopf hängengeblieben:

Bei einer Preisverleihung saß sie mit anderen Studierenden und mit großen Augen im Publikum, als der Jury-Vorsitzende auf die Bühne trat und sagte: "Wenn Sie gleich Ihren Namen nicht hören, bilden Sie sich bitte ja nicht ein, dass Ihr Film nicht gut sei. Und wenn Sie Ihren Namen hören, bilden Sie sich bitte auch nichts ein." Da sei was dran, findet Pia Strietmann rückblickend. Vieles, was nicht mit viel Aufmerksamkeit bedacht werde, sei nicht weniger bedeutsam. "Also: Ich genieße den Preisregen, ich weiß ihn aber auch einzuordnen."

Auch ein "Tatort" hat geholfen

Dass sie jetzt auch außerhalb Deutschlands als Regisseurin gefragt ist, liegt ihr zufolge auch, aber nicht nur an "Herrhausen". Eine weitere Visitenkarte, die ihr die Tür zum internationalen Markt geöffnet hat, könnte der München-Tatort "Unklare Lage" gewesen sein, glaubt sie. Der Film aus dem Jahr 2020, in dem das Attentat auf das Olympia-Einkaufszentrum packend nachgespielt wird, trage nicht nur eine starke Handschrift: "Er zeigt auch sehr gut, was wir in Deutschland aus einem Budget herausholen können, das bekanntlich nicht in goldenen Säcken vom Himmel fällt."

"Unklare Lage" wurde, by the way, mit einem Grimme-Preis nominiert. Und obwohl sie sich eigentlich als Studentin vorgenommen hatte, alle Genres einmal durchzuprobieren, bevor sie sich wiederhole, um nicht in der berüchtigten Schublade zu landen, die es sowohl für Schauspieler als auch Regisseure gibt, ließ sich Pia Strietmann kurz darauf gleich auf den nächsten "Tatort" ein – und zwar in unmittelbarem Wettbewerb mit dem von den Kritikern oft und gerne "Meister des Genrefilms" genannten Dominik Graf.

Während Graf beim ersten Teil des 50-Jahre-Jubiläum-Tatorts "In der Familie" in Dortmund Regie führte, verpasste Strietmann den zweiten 90 Minuten in München ihren eigenen Erzählstil und ihre eigene Visualität, so wie es auch im Buch von Bernd Lange angelegt war. Wäre die Aufgabe gewesen, dass keiner merken soll, "dass das nicht der Dominik gemacht hat" – das hätte sie nicht interessiert. So viel Selbstbewusstsein hatte sie nach ihrem Tatort-Erstling bereits. Und so bemühte sie sich nach Kräften, dass man ihr nicht hinterhersagt, die "junge Nachwuchsregisseurin Pia Strietmann" dürfe "in die Fußstapfen des Großmeisters Dominik Graf treten".

Überall kam das, wie gesagt, leider nicht an.

Trotzdem hat sich Pia Strietmann einige Dinge von dem 26 Jahre älteren Regie-Kollegen abgeschaut. Zum Beispiel dass es immer die Möglichkeit gibt, anders auf einen Ort, eine Stadt zu blicken als immer durch das bekannte Postkartenobjektiv. Und wenn man sie auf den deutschen Zwang zum Krimi in der Fiktion anspricht, der in der Welt einmalig sein dürfte, dann fällt ihr, die selbst einmal Vorurteile dem Tatort gegenüber hatte, spontan ein Dominik-Graf-Zitat ein. Dieser sagte sinngemäß einmal, dass der Tatort eine geniale Erfindung sei, weil man über ihn auch immer etwas über die Gesellschaft, über Dysfunktionalität und Konflikte erzählen könne. "Wenn man den Krimi als Chance betrachtet, warum nicht?" Gleichwohl, das sieht sie schon auch so: "Natürlich gibt es zu viele Krimis, die diese Chance verstreichen lassen."

Pia Strietmann © Florian Emmerich Pia Strietmann bei der Arbeit am Set.

Dass sich Pia Strietmann einmal aus der professionellen Sicht einer Regisseurin solche Gedanken über den Zustand der deutschen Fiktion machen würde, lag nicht unbedingt auf der Hand. Die oft gehörte Geschichte von Leuten, die schon als Kind auf dem Dachboden den Projektor aufbauten, um heimlich Filme anzuschauen, und dann genau wussten: Ich will Filme machen – die kann sie nicht erzählen.

Per Zufall kam Strietmann zum Filmemachen

Ja, schon, irgendwas Künstlerisches steckte in ihr drin. Sie interessierte sich für Fotografie und schrieb vor sich hin, aber ohne bestimmten Zweck außer der jugendlich-überforderten Beschäftigung mit sich selbst. Aber was sie nach dem Abitur anfangen soll? Keine Ahnung. Sie wusste nicht einmal, dass man Filme in Deutschland machen, geschweige denn, dass man Filmemachen studieren kann. "Ich dachte, das ist etwas, das es nur in Hollywood gibt." Ahnungslos begann sie in ihrer Heimatstadt Münster erst einmal ein Studium in Geschichte, Englisch und Sport, wechselte später nach München und lernte dort im Studentenwohnheim eine Hamburgerin kennen, die ihr ihren Bewerbungsfilm für die Hochschule für Fernsehen und Film zeigte.

Und da kam Pia Strietmann das erste Mal der Gedanke, dass sie ihr Interesse an Fotografie und am Geschichtenerzählen im Beruf der Filmemacherin bündeln könnte.

Nach diversen Filmluftschnupperpraktika als Kamera- und Regieassistentin unter anderem bei der Bavaria in Geiselgasteig bewarb sie sich ebenso an der Hff. Zu ihren Professoren gehörte Doris Dörrie. "Deutschlands erfolgreichste Regisseurin" hatte Anfang der 2000er Jahre das Stadium der "vielversprechenden Nachwuchsregisseurin" längst hinter sich gelassen und lehrte in München kreatives Schreiben und Stoffentwicklung. Wer ihre Kurse besuchte, musste sich in den damals noch Smartphone-losen Zeiten eine Eieruhr besorgen, um den Schreibfluss stoppen zu können.

Einige Studierende nahm die Dörrie mit auf "Heldenreise" nach Santiago die Compostela, damit sie das Grundmuster jeder guten Geschichte sozusagen am eigenen Leib verstehen. Ob sie dafür "diese siebentätige Plage" auf dem Jakobsweg unbedingt hätte auf sich nehmen müssen, bezweifelt Pia Strietmann heute. Andererseits, erinnert sie sich lachend: "Wann kann man schon mal auf so spielerische Art und mit so viel Abenteuer verbunden eine Erfahrung machen, die einem dann auch noch einen Seminarschein bringt? Doch, die durchaus interessanten Gespräche mit Doris Dörrie haben mir Welten eröffnet, die mir am Schreibtisch verschlossen geblieben wären."

Pia Strietmann © Christoph Bombart
Nie kam ihr während des Filmstudiums allerdings der Gedanke, dass sie Welten nicht betreten könnte, nur weil sie eine Frau ist. Es hieß zwar in ihrem Regiejahrgang, in dem so viele Frauen wie Männer waren: "Ihr werdet es nicht alle schaffen." Pia Strietmanns Schlussfolgerung war aber nicht: "Okay, wahrscheinlich nur die Männer, wir Frauen bleiben außen vor." Sondern: "Hoffentlich bin ich gut genug." Inzwischen denkt sie, die Kathrin Bigelow und die frühen Werke von Susanne Bier zu ihren Regie-Vorbildern zählt, etwas anders darüber.

Ende Oktober beim Blauen Panther, da war an Strietmanns Miene nicht abzulesen, was sie bei Oliver Masuccis Laudatio dachte, in der er ja ein generelles Problem ansprach. Dass nämlich die Kritiker des Kulturbetriebs junge Frauen als ewig jung und als Nachwuchs betrachten. In ihrem Innersten, so kann man es heute deuten, nickte die Laudatierte heftig: Ja, ja, ja, endlich sagt’s mal einer, was mich stört!

"Was stört dich denn daran, nimm das doch als Kompliment, als jung und talentiert bezeichnet zu werden", bekommt Strietmann, die sich in der Tat über ein beneidenswert jugendliches Äußeres freuen kann, häufig zu hören. Aber ihr Störgefühl geht damit nicht weg, weil ihre diese augenscheinlich positiven Labels im beruflichen Kontext aufgepappt werden – und den männlichen Kollegen eher selten. "Das ist ein Riesenunterschied. Da muss noch viel passieren", sagt sie. Und da kann man ihr nur nickend zustimmen. Und Oliver Masucci sehr dankbar sein.

Der Schauspieler, der in Strietmanns (das kann man ohne Übertreibung sagen) Meisterwerk den Bankier Alfred Herrhausen spielt, plauderte übrigens anlässlich der Grimme-Preis-Verleihung aus, dass sie bei diesem "Herzens-Projekt" gemeinsam mit der ARD versucht hätten, "Geschichte funktional, spannend und abseits des herkömmlichen Erzählstils zu realisieren", Sehgewohnheiten hätten brechen und zum Mitdenken herausfordern wollen, "sowas geht nicht ohne Widerstände".

Ein Wort wie "Widerstand" löst natürlich schlimmstes Kopfkino aus, dass mit Pia Strietmanns cool-temperiertem Gemüt nicht in Einklang zu bringen ist: Geschrei am Set, Zank in der Produktion, Druck aus der Redaktion, Gefühlsexplosionen überall und so weiter und so fort. So was halt?

"Herrhausen" war ein Kraftakt für alle Gewerke

Pia Strietmann kann diese Bilder umgehend korrigieren, indem sie erst einmal zugibt: Ja, so ein Projekt dieser finanziellen Größenordnung und inhaltlichen Bedeutsamkeit wie "Herrhausen", das ja in der Produktion unvorhersehbare Hürden überwinden musste (die mein Kollege Torsten Zarges hier aufgeschrieben hat), könne nicht ohne Widerstände entstehen. "Und vielleicht macht das Filme erst gut?", denkt Strietmann ihren Gedanken hinterher. "Aber in dem Moment, wo niemand mehr Fragen stellt, nicht widerspricht, nicht anderer Meinung ist, und man einfach nur machen kann, wird es dann besser? Ist es nicht so, dass man, je mehr man gezwungen wird, Antworten auf Fragen zu finden oder eben auch Position zu beziehen, die Haltung eines Filmes dann auch schärft?"

Was ihre Herangehensweise als Regisseurin betrifft, versuche sie jedenfalls immer so zu arbeiten, dass sich ihre Vision in der regielichen Umsetzung mit der des Autors und auch der Produzentin deckt. Im Fall von "Herrhausen" sind das Thomas Wendrich und Gabriela Sperl. Strietmann stieß erst später hinzu, als Ersatz für einen männlichen Kollegen, der nach dem Produktions-Go aus zeitlichen Gründen nicht mehr dabeibleiben konnte. Auf Strietmanns Zusage musste Sperl nicht lange warten. Diese Riesenherausforderung passte für die Regisseurin zeitlich wie inhaltlich.

Bis zum Ende des Schneideprozesses führte sie mit Thomas Wendrich immer wieder Gespräche, ob sie mit ihrer Interpretation seiner Vision richtig lag, und wie sie das Bild, der er gezeichnet hatte, vielleicht noch schöner und moderner ausmalen könnte. Sie findet, das machte eine gute Regie- und Autorenarbeit aus. "Es liegt am gesamten Team, das lebendig und sichtbar zu machen."

"Herrhausen" war jedenfalls für alle ein enormer Kraftakt, weil der Dreh sehr kurzfristig von Südafrika nach Belgien verlegt werden musste. Danach nahm Pia Strietmann ein Jahr lang keine Regiearbeiten an, um ein altes Gefühl wiederzufinden, das sie seit ihrem Debütlangfilm "Tage, die bleiben" so sehr vermisste: "Welche Geschichte berührt dich oder kommt aus dir persönlich, dass nur du sie erzählen kannst?"

In dem ARD-Drama "Tage, die bleiben" aus dem Jahr 2011 verarbeitete Pia Strietmann den frühen Unfalltod ihres Vaters. Und auch in der Erholungsphase nach "Herrhausen" sind beim Hineinhorchen in sich selbst zwei Geschichten entstanden. Eine davon wird Strietmann mit Bernd Lange in Deutschland als Serie entwickeln. Und international? "Gibt viel zu lesen, viel zu sprechen", sagt die Regisseurin geheimnisvoll-lächelnd. Sie versuche, weiterhin "sehr sorgsam" mit der Auswahl zu sein.

Was in ihrer Checkliste an Genres noch fehlt: ein richtiger Liebesfilm. Den hatte sie noch nicht. Den würde sie gerne mal machen. "Und einen Film, der wirklich etwas verändert. Der zum Beispiel die Menschen davon abhält, AfD zu wählen. Das wäre eine Aufgabe."

Ihre unmittelbar nächste Aufgabe ist aber: sich einfach mal unbändig zu freuen bei den iEmmys und dem ganzen Drumherum. Sollte es tatsächlich mit dem Preis klappen: Auch da wäre dann aus deutscher Sicht ein Dreifachsieg geschafft nach den in den beiden Jahren zuvor prämierten Netflix-Serien "Die Kaiserin" (von "Nahaufnahme"-Kandidat Jochen Laube produziert) und "Liebes Kind" (von "Nahaufnahme"-Kandidatin Isabel Kleefeld inszeniert).

Und wer dann noch in Bezug auf Pia Strietmann irgendwas mit "jung" und "Nachwuchs" schreibt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.