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Meine Woche in Serie

"Lovesick": Der zeitgemäße Nachfolger von "HIMYM"

 

Geschichten über die Suche nach Liebe sind ein Dauerbrenner - egal ob als Buch, Film oder Serie. Und doch fühlt sich unsere Kolumnistin Ulrike Klode bei der britischen Serie "Lovesick" sehr stark an "How I Met Your Mother" erinnert. Sie schreibt über die Parallelen und darüber, warum "Lovesick" so sehenswert ist.

von Ulrike Klode
07.07.2018 - 08:38 Uhr

Vier Wochen lang habe ich keine Serien geschaut, weil ich auf Reisen war. In Schottland. Mein Kollege Kevin Hennings hat mich hier vorzüglich vertreten, so dass Sie weiterhin samstags über Serien lesen konnten. Jetzt habe ich einiges nachzuholen beim Seriengucken, greife aber für diese Woche auf eine Serie zurück, die ich vor ein paar Monaten geschaut habe, allerdings in meiner Kolumne mit keinem Wort erwähnt habe. Ganz zufälligerweise spielt sie in Schottland. Und nein, auch wenn "Outlander" naheliegend wäre - es ist eine andere: nämlich "Lovesick". Eine kleine, feine Comedy, die in Glasgow spielt, in der das Schottisch-Sein an sich allerdings keine große Bedeutung hat. 

Um diese Serie zu beschreiben, werde ich auf eine Sache zurückgreifen, die ich beim Schreiben über Serien zu vermeiden versuche: Ich werde sie in Ansätzen mit einer bekannteren Serie vergleichen. Manchmal kann ein solcher Vergleich hilfreich sein. Manchmal kann er aber auch vollkommen in die Irre führen und Erwartungen wecken, die nicht erfüllt werden. Gleichzeitig neigt man zu Verallgemeinerungen, und es kann passieren, dass man dem Wesen der neuen Serie nicht gerecht wird. Es gibt also gute Gründe, das nicht zu tun. Bei der britischen Comedy "Lovesick" allerdings drängt sich der Vergleich zur amerikanischen Sitcom "How I Met Your Mother" dermaßen auf, dass er mir nicht erst beim längeren Nachdenken über die Serie in den Kopf gekommen ist, sondern schon beim Gucken der ersten Folge. Je mehr ich davon schaute, desto mehr Paralleln fielen mir auf. Das fing beim Thema an, ging über die Hauptfigur, die besondere Erzählstruktur und die wichtigsten Nebenfiguren bis in Details. Und trotzdem wirkt "Lovesick" nicht wie eine Kopie von "How I Met Your Mother", sondern wie ein zeitgemäßer, britischer Nachfolger: romantisch, lustig, warmherzig und klug erzählt. 

Im Mittelpunkt von "Lovesick" steht Dylan Witter (Johnny Flynn), der auf der Suche nach der einen großen Liebe ist. Natürlich ist "How I Met Your Mother" ("HIMYM") nicht die einzige Serie, die die Suche nach Liebe von Menschen Ende der 20er, Anfang der 30er in einer Großstadt zum Hauptthema hat. Deswegen wäre diese Parallele allein viel zu schwach. Doch dadurch, dass bei "Lovesick" die Hauptfigur ein Romantiker ist, der hohe Ansprüche hat, nicht nur in der Liebe, sondern auch im Job auf der Suche ist, zudem strubbelige Haare hat, erinnert er mich stark an Ted Mosby, die Hauptfigur von "HIMYM". Dylan hat einen besten Freund, mit dem er zusammenwohnt: Luke (Daniel Ings), der mit einer Frau nach der anderen ins Bett geht, sich dafür rühmt, die besten Anmachtricks zu kennen, kein Interesse an längeren Beziehungen hat, immer einen coolen Spruch auf den Lippen hat und der im Job erfolgreich ist. Na, fühlen Sie sich auch an Barney Stinson erinnert? Und dann gibt es noch Ähnlichkeiten bei der weiblichen Hauptfigur Evie (herrlich chaotisch von Antonia Thomas gespielt), allerdings nicht vorrangig die Charakterzüge betreffend, sondern eher, was die Entwicklung der Figur angeht. Worauf ich jetzt allerdings nicht näher eingehen will, um niemandem die Spannung zu verderben. 

Kommen wir zu weiteren Parallelen: "Lovesick" hat ein Korsett, das es möglich macht, Dylans Frauen-Geschichten nacheinander zu erzählen. Ganz zu Anfang erfährt er, dass er Chlamydien hat. Er muss nun jede Frau, mit der jemals Geschlechtsverkehr hatte, kontaktieren. Entsprechend wird in jeder Folge die Geschichte einer seiner Beziehungen erzählt. Auch das erinnerte mich an "HIMYM", in dem die ganze Serie so aufgebaut ist, dass Ted seinen Kindern in der Zukunft (sehr langatmig) berichtet, wie er ihre Mutter kennenlernte. Beide Strukturen haben zur Folge, dass die Serien als Rückblick erzählt werden. Es gibt außerdem ein paar Handlungsstränge, die Ähnlichkeiten aufweisen, aber darauf kann ich aus Spoilergründen hier nicht näher eingehen. Wer "HIMYM" kennt und dann "Lovesick" schaut, wird selbst darauf stoßen. 



Die Hauptfiguren aus "Lovesick": Dylan (2. v. l., Johnny Flynn), Evie (Antonia Thomas) und Luke (ganz rechts, Daniel Ings). Ganz links die wichtigste Nebenfigur Angus (Joshua McGuire).

Das Entscheidende sind allerdings die Sachen, in denen sich "Lovesick" von "HIMYM" unterscheidet. Zuerst: Aus der Art der Produktion lässt sich einiges ableiten. "HIMYM" ist eine Sitcom, vorrangig produziert in einem geschlossenen Set in einem Studio, mit mehreren festinstallierten Kameras gefilmt (Multi-Camera-Sitcom). "Lovesick" dagegen spielt an verschiedenen echten Locations, wurde mit dynamischen Kamerapositionen gefilmt (Single-Camera-Sitcom), was den Dreh aufwändiger macht, den Schauspielern und Schauspielerinnen aber mehr Freiräume gibt. Auch das Drehen an echten Locations in Glasgow und Umgebung trägt zu mehr Lebendigkeit und Authentizität bei. Hinzu kommt, dass durch die Kameratechnik optisch hochwertige, komponierte Bilder entstehen können - was die Regisseure hin und wieder gekonnt eingesetzt haben. 

Der Humor ist ein anderer. Klar, amerikanischer Humor ist ohnehin nicht mit dem britischen Humor vergleichbar. Aber es geht mir auch um etwas anderes: "HIMYM" ist auf Lacher und Pointen geschrieben und folgt in der Struktur der Folgen oft den klassischen Sitcom-Regeln. "Lovesick" nicht. Das merkt man an den Dialogen, die selten richtig lustig sind, und an den Figuren selbst. "Lovesick" ist vom Tonfall her zwar amüsant, hat aber auch viele tragische Momente, anrührende Szenen und nutzt insgesamt die ganze Bandbreite der menschlichen Gefühle deutlich mehr als "HIMYM". Die Figuren bei "Lovesick" sind zwar etwas überzeichnet, aber längst nicht so stark übertrieben wie das bei der amerikanischen Serie der Fall war. Das hat bei "Lovesick" zur Folge, dass mit viel komplexeren Charakteren gearbeitet werden kann. Was die Serie richtig gut macht. (Mal so nebenbei: Die Besetzung ist insgesamt großartig! Und die drei Hauptdarsteller sind einfach wunderbar!) 

Ein weiterer Unterschied, den ich hier kurz erwähnen will: "Lovesick" hat zwar das oben erwähnte Rückblenden-Korsett, doch es gibt in der Gegenwart eine weitere Erzählebene. Je weiter die Folgen fortschreiten, desto stärker werden beide Ebenen verwoben, was einen besonderen Reiz hat, und wodurch das Thema Freundschaft stärker in den Vordergrund gespielt wird als am Anfang. 

Ich mochte "How I Met Your Mother" wirklich gerne - obwohl ich nach wie vor der Meinung bin, dass es ein Frevel war, dass ihre Handlung mittendrin verlängert wurde, weil die Serie so erfolgreich war -, aber sie ist eben auch ein Kind ihrer Zeit. In den 13 Jahren seit dem Start ihrer ersten Staffel hat sich besonders im Comedy-Bereich die Art, Serien zu machen und Serieninhalte zu erzählen, so stark verändert, dass "HIMYM" im Vergleich zu vielen neuen Produktionen etwas altmodisch wirkt. Die erste Staffel von "Lovesick" dagegen war in Großbritannien 2014 zu sehen, im selben Jahr also wie die neunte und letzte Staffel von "HIMYM". Und ich kann jedem nur dringend ans Herz legen, diese wunderbare britische Comedy zu schauen, die nicht nur gut erzählt und hervorragend besetzt ist, sondern auch so viele kluge Dinge über die Liebe zu sagen hat. 

Alle drei Staffeln von "Lovesick" sind bei Netflix zu sehen. Mittlerweile gibt es drei Staffeln, die dritte wurde im Frühjahr 2018 veröffentlicht. Ob es eine vierte geben wird, ist noch nicht bekannt.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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