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Meine Woche in Serie

"Chernobyl" ist bemerkenswert - aus vier Gründen

 

Eine Serie, die einen dokumentarischen Anspruch erhebt, ist eine Gratwanderung zwischen fiktionaler Verdichtung und Abbildung der Wirklichkeit. Im Fall der HBO/Sky-Serie "Chernobyl" ist das gelungen, findet unsere Kolumnistin Ulrike Klode.

von Ulrike Klode
08.06.2019 - 09:57 Uhr

"Chernobyl" ist eine der wenigen Serien, die es schaffen, mich mit jeder Folge zu verstören und zum Nachdenken zu bringen - lange über die eigentliche Episode hinaus. Die Gemeinschaftsproduktion von HBO und dem britischen Sky ragt für mich aus der Reihe der vielen hochwertigen Serien (allesamt hervorragend geschrieben, besetzt und produziert) in den vergangenen Jahren hervor. Und zwar aus diesen Gründen. 
- Achtung, es folgen leichte Spoiler auf die Ereignisse in den bisher gezeigten Folgen 1 bis 4. - 

1. Weil sie es schafft, der Atomkatastrophe von Tschernobyl, einem Ereignis, das meine Kindheit und Jugend nachhaltig geprägt hat, Bilder und Gesichter zu geben. Ich war zehn, als bekannt wurde, was passiert ist. Und einen Tag später sollten wir auf Klassenfahrt gehen, unsere allererste Klassenfahrt. Die wurde zwar nicht abgesagt, aber wir durften nicht rausgehen in den Wald, den die Jugendherberge umgab, sondern mussten die ganzen vier Tage über in Gebäuden bleiben, nur den Parkplatz vor der Jugendherberge durften wir zum Ballspielen nutzen. Die Atomkatastrophe in Tschernobyl - eigentlich weit, weit entfernt von meinem kleinen Heimort im Osten Westdeutschlands, in einem anderen politischen System, jenseits der Mauer - hat bei mir dazu geführt, dass ich mich damals schon mit Atomenergie auseinandergesetzt habe. Ich wollte alles dazu wissen, auch, wie es ist, wenn man verstrahlt ist. Das ging nicht nur mir so: Ich erinnere mich an ein Gespräch mit anderen Kindern bei uns im Dorf, eine Woche nach dem Unfall in Tschernobyl. Wir gingen die Hauptstraße hinunter - auf den Wiesen durften wir noch immer nicht spielen - und überlegten, dass es ja doch doof sei, dass man Strahlung nicht sehen könne. Dass diese Wolke da über uns todgefährlich sein könnte. Und was wir tun würden, wenn uns morgen die Haare und die Zähne ausfielen, weil wir verstrahlt sind. Die Antwort eines Jungen, ein oder zwei Jahre älter als ich: "Ich würde mir eine Zange nehmen, den Mast da hochklettern und mit der Zange die Stromleitung anschneiden. So schnell kannst du gar nicht gucken, wie ich dann tot bin. Zack, tot. Ohne Schmerzen."
Durch diesen dokumentarischen Anspruch, den die Serie erhebt, habe ich nun, mehr als 33 Jahre später, endlich Bilder zu dieser für mich damals unvorstellbaren und nicht greifbaren Katastrophe im Kopf. Ich sehe Gesichter, sehe Schicksale, kann mitleiden. Und das ist gut, das ist eine Auseinandersetzung, die ich damals gebraucht hätte, um den abstrakten Schrecken besser bewältigen zu können. 

2. Weil sie es schafft, immer wieder neue Figuren einzuführen, zu denen ich in kurzer Zeit eine Bindung aufbauen kann. Es ist gewagt, in Folge 4 von 5 mit einer Bäuerin und einem Soldaten einzusteigen, die ich beide vorher nie gesehen habe, die ich nach vier Minuten aber auch wieder verlassen und nie wiedersehen werde. Trotzdem geht mir die Bäuerin, die sich weigert ihren Hof und ihre Tiere zu verlassen, nahe. Genauso wie der Soldat, der verzweifelt versuchen muss, diese alte Frau zum Gehen zu überreden - obwohl er genau weiß, dass sie recht hat. Noch ein Beispiel aus Folge 4: die Szenen mit den Liquidatoren. Diese drei Männer - zwei von ihnen Soldaten mit Kriegserfahrung, einer von ihnen weiß noch nicht einmal, wie man ein Gewehr richtig lädt -, die damit beauftragt wurden, Haustiere in der Sperrzone zu erschießen. Ich weiß wenig über die drei Männer, sie kamen in der Serie bisher nicht vor. Und doch spüre ich ihr Leid, ihre Verzweiflung, ihre Trauer. Ich weiß, wie gefährdet sie selbst sind, weil sie soviel Zeit in der Sperrzone verbringen müssen. Ich weiß nicht, ob sie selbst so genau wissen, welche gesundheitlichen Opfer sie hier bringen. Aber ihnen ist klar, dass es ein gefährlicher Einsatz ist. Und ich weiß: Sie tun das, weil es getan werden muss. Die Szenen mit diesen drei Männern geht mir ans Herz. Obwohl ich natürlich weiß, dass der Autor Craig Mazin mit Absicht diese Art von Liquidatoren ausgewählt hat - Liquidatoren, die nur Felder bearbeiten, um die verseuchte Erde abzutragen, hätten mich vermutlich nicht so berühren können. Aber so ist das eben bei dramatischen Erzählungen, Szenen, Figuren und Entscheidungen werden zielgerichtet ausgewählt. Entweder mit Auswirkungen auf die Handlung oder auf das Publikum oder - im Idealfall - mit Effekten auf beides. 

Figuren mit so wenig Hintergrund und so spät in einer Serie einzuführen, kann leicht schiefgehen. Besonders, wenn diese neue Figur ohne Bezug zu den Hauptfiguren eingeführt wird. Dann frage ich mich als Zuschauerin: Was soll denn diese Figur hier? Und denke zu schnell über den Zweck nach, bin also von der Geschichte abgelenkt, der neue Charakter kann mich nicht mehr erreichen. Bei "Chernobyl" ist es gelungen. Und ich kann noch nicht genau sagen, warum. Es hat auf jeden Fall damit zu tun, dass uns diese Serie von Anfang an klargemacht hat: Das ist eine Geschichte, die viele Menschen betroffen hat. Und dass sie auch immer wieder diese vielen Menschen gezeigt hat. Entscheidend ist außerdem: Dass der Atomunfall von Tschernobyl an sich die Hauptrolle spielt. Auch wenn die Haupfiguren hier nominal Regierungsvertreter Boris Shcherbina (gespielt von Stellan Skarsgård; die deutsche Schreibweise des Namens: Boris Schtscherbina) und Wissenschaftler Valery Legasov (gespielt von Jared Harris; die deutsche Schreibweise des Namens: Waleri Legassow) sind, so geht es doch nicht darum, wie sich das Leben dieser zwei Menschen in der Serie verändert und welche Entscheidungen sie treffen, sondern wie die Katastrophe das Leben aller Menschen verändert. Die Katastrophe ist die Hauptfigur, die in der Szene dabei ist, wenn der verzweifelte junge Soldat die dickköpfige alte Bäuerin zum Gehen zwingen muss. Die Katastrophe ist die Hauptfigur, die in der Szene dabei ist, wenn die drei Liquidatoren täglich zutrauliche Hunde und süße Welpen erschießen müssen. 

3. Weil sie es schafft, mit großer Wucht eine aktuelle politische Botschaft zu transportieren: Leugnen bringt nichts, vor allem nicht auf lange Sicht. Ja, das kann man auf die ganze Lügen-/Propaganda-Scheiße von US-Präsident Trump beziehen. Ist bei einer amerikanisch-britischen Produktion naheliegend. Ich beziehe das aber auf den drohenden Klimakollaps und die Menschen, die das noch immer leugnen und sich dagegen wehren, sich damit auseinanderzusetzen. Nur weil man etwas nicht wahrhaben will, heißt es nicht, dass es nicht wahr ist. In "Chernobyl" ist Vize-Chefingenieur Anatoly Dyatlov (gespielt von Paul Ritter; deutsche Schreibweise des Namens: Anatoli Djatlow) der erste, der einfach nicht wahrhaben will, dass der Reaktorkern explodiert ist. Weder als in Folge 1 immer wieder geschockte und schwer verletzte Mitarbeiter zu ihm in den Kontrollraum kommen, noch als er die aus der Reaktor-Ummantelung herausgesprengten Graphit-Brocken selbst sieht, noch Monate später in Folge 5, als er durch die Strahlung schwer verletzt im Krankenhaus liegt. Er will es nicht wahrhaben, weil dann sein Weltbild zerstört würde. Er ist nur ein Beispiel für die große Lügerei im Zusammenhang mit Tschernobyl. Wie man in Folge 1 sehr gut sieht, zog sich das Leugnen durch alle Ebenen, bis hoch in den Kreml. Im Nachhinein ist es schwer zu sagen, wie viele Menschen weniger hätten sterben und leiden müssen, wenn man sich der Wahrheit von Anfang an gestellt und entsprechend gehandelt hätte. 

4. Weil sie nur noch besser wird, wenn man sich die Hintergründe erklären lässt. Ich bin grundsätzlich der Meinung: Eine Serie muss aus sich selbst heraus funktionieren. Wenn es nötig ist, dass irgendjemand, der oder die an der Serie beteiligt war, mir erklären muss, wie dies oder jenes gemeint war, zeigt das in meinen Augen nur eins: Diese Serie hat Mängel. (Ein Beispiel dafür: "Game of Thrones", nachzulesen in meinem Kolumnentext zum Serienfinale.) Bei "Chernobyl" sehe ich das allerdings etwas differenzierter, weil sie einen dokumentarischen Anspruch erhebt. Beim Schauen der ersten Folge war mein Google-Bedürfnis sehr hoch, ich wollte unbedingt mehr über die Hintergründe erfahren, wollte wissen, wie nah dran die Serie ist, ob die Figuren ausgedacht waren und so weiter. Google konnte diesen Wissensdurst nur bedingt befriedigen, noch hilfreicher fand ich den Twitter-Thread eines russischen Journalisten, der darüber schrieb, wie akkurat in "Chernobyl" selbst Details im Hintergrund seien. Richtig begeistert war ich allerdings, als ich den HBO-Podcast zu "Chernobyl" entdeckte, in dem Craig Mazin, der Schöpfer, Drehbuchautor und Executive Producer der Serie, über die Recherche und die Hintergründe spricht. Folge für Folge erklärt er im Gespräch mit Journalist Peter Sagal, was warum der Realität entspricht, wie er vorgegangen ist, warum er sich in einigen wenigen Fällen dazu entschieden hat, von wahren Ereignissen oder wahren Personen abzuweichen. Und warum ihm das alles so wichtig ist.

Ich verstehe jetzt viel besser als vorher, was die Figuren bewegt, warum sie bestimmte Entscheidungen fällen und wie es kommt, dass die Opferbereitschaft so hoch ist. Ich bin beeindruckt, mit welcher Akribie sowohl im Kleinen als auch auch im Großen Craig Mazin und sein Team hier vorgegangen sind. Ein Beispiel für Akribie im Kleinen: die Uniformen der Feuerwehrleute am Kraftwerk, bei denen selbst die Knöpfe gestimmt haben. Akribie im Großen: den sowjetischen Geist nicht zu missachten, ihn nicht überzubügeln mit amerikanischem Pathos - wie zum Beispiel bei der Rede der Skarsgård-Figur, als Arbeiter gesucht werden, die die Schleusen unter dem Kraftwerk öffnen. Oder den sowjetischen Geist überzubügeln mit Verklärung durch den Westen - wie das wenig glorreiche, weil streng bürokratische Verhalten in den Krisensitzungen im Kreml von Generalsekretär Michail Gorbatschow. Selbst die Sätze, die General Tarakanov (gespielt von Ralph Ineson) zu den "Bio-Robotern" sagt, stimmen fast Wort für Wort. (Für alle, die den Podcast nicht hören wollen, kann ich das "Vice"-Interview mit Craig Mazin über seine Recherche zur Serie empfehlen: "Warum 'Chernobyl' so erschreckend akkurat ist".) Natürlich ist mir klar, dass hier verdichtet und dramatisiert wurde - trotz aller Recherche, trotz aller Genauigkeit, trotz aller Liebe zum Detail. Aber es ist nun mal eine fiktionale Serie, keine reine Dokumentation.  

Ja, "Chernobyl" ist bemerkenswert. Und die Serie wird mich noch länger beschäftigen - aber ich bin auch froh, wenn dieser fast unfassbare Horror nach fünf Folgen vorbei ist. 

Die fünfteilige Miniserie "Chernobyl" läuft auf Sky Atlantic HD und ist in den Sky-Streamingangeboten verfügbar. Am 11.6. ist die fünfte und letzte Episode der Serie in Deutschland zu sehen, in den USA und in Großbritannien wurde sie bereits veröffentlicht.

Nachtrag am 9.6.: Craig Mazin hat die Drehbücher aller fünf "Chernobyl"-Folgen online veröffentlicht, man kann sie sich als pdf anschauen und auch herunterladen. Ich habe sie hier verlinkt:
Episode 1
Episode 2
Episode 3
Episode 4
Episode 5

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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