Ein Gastbeitrag von Christian Franckenstein, Geschäftsführer der Bavaria Film GmbH. Er ist Mitglied im Gesamtvorstand der Produktionsallianz.
Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen…
Wir schreiben das Jahr 2051. Die Orion durchquert routinemäßig das Milchstraßensystem. Commander Cliff Allister McLane sitzt mit Armierungsoffizier Mario de Monti und Astrogator Atan Shubashi in der Starlight-Casino-Bar.
„Wisst ihr noch“, sagt McLane, „damals, 1966? Als uns mehr als die Hälfte des Fernsehpublikums beim Flug durchs All zugesehen hat?“ De Monti nickt. „Galaktische Quoten.“ Shubashi schüttelt den Kopf. „Heute kaum mehr vorstellbar.“ „Allerdings“, sagt McLane. „Wir haben ja gerade das Jahr 2051 überflogen. Ihr glaubt nicht, wie es dort in der Fernsehbranche aussieht.“ De Monti: „Berichten Sie, McLane!“
McLane nimmt einen Schluck aus seinem Glas. „Nun ja. 56 Prozent Marktanteil erreicht dort niemand mehr. Außer vielleicht, wenn 22 Erdlinge einem Ball hinterherlaufen.“ Shubashi und de Monti schauen ungläubig: „Wirklich? Erzählen Sie mehr!“ McLane sieht die beiden an. „Shubashi, de Monti“, sagt McLane. „Sie müssen jetzt sehr stark sein…“
Commander McLane mag die Antwort wissen, ich kann sie natürlich nur erahnen und einen Blick in die Glaskugel wagen…
Verändern wird sich sicher, wo wir unser Publikum finden. 1966 erreichte die Orion mit sieben Folgen Quoten, von denen man heute kaum mehr zu träumen wagt. Ein Programm, ein Bildschirm, ein gemeinsamer Abend: das große Lagerfeuer. Dieses eine Lagerfeuer wird seltener. Dafür brennen sehr viel mehr Feuer. Manche klein, manche groß. Das Publikum verschwindet nicht. Es verteilt sich nur anders. Das Geschäft wird kleinteiliger.
Und damit verändert sich auch das Produzieren. Eine Geschichte ist nicht mehr zwangsläufig für einen Sendeplatz gemacht und mit dem Abspann beendet. Sie kann auf unterschiedlichen Wegen ihr Publikum finden, über Länder und Medien hinweg weiterleben und aus Figuren ganze Erzählwelten entstehen lassen.
Die Orion selbst ist dafür ein schönes Beispiel. Sie flog gerade einmal sieben Folgen durchs All. Fast sechzig Jahre später reden wir jedoch noch immer über sie. Heute würde man daraus vermutlich fünf Staffeln, drei Spin-offs und ein Prequel über die schwierige Jugend von Mario de Monti entwickeln. Ob das zwingend ein Fortschritt wäre, lasse ich offen.
Ein wirklicher Fortschritt lässt sich künftig dagegen schwerer ignorieren. 1966 brauchte es einigen Erfindungsgeist, um ein Raumschiff ins All zu befördern. Heute stehen wir am Anfang einer Entwicklung, an deren Ende sich Bilder, Stimmen, Welten und ganze Szenen in Sekunden erzeugen lassen.
Künstliche Intelligenz wird unsere Branche tiefgreifend verändern. Sie wird Prozesse beschleunigen, Sprachgrenzen überwinden, Archive erschließen und kreative Möglichkeiten eröffnen, für die heute Zeit oder Budget fehlen.
Aber wir sollten Technik nicht mit Kreativität verwechseln. Eine gute Idee bleibt zentral. Eine Figur, die uns interessiert. Ein Konflikt, der uns berührt. Eine Perspektive, die wir noch nicht kennen. Humor, Haltung, Überraschung – und dieses schwer berechenbare Etwas, das dafür sorgt, dass wir nach einer Folge nicht vernünftig ins Bett gehen, sondern doch noch die nächste ansehen.
Die Rolle des Produzenten wird sich verändern. Wer nur Bewegtbild für einen definierten Abnehmer herstellt, dürfte es schwerer haben. Produzenten werden stärker zu Unternehmern ihrer Geschichten: Sie entwickeln Ideen, Figuren und Rechte, suchen Partner und Finanzierungswege und denken früher darüber nach, wo und wie ein Stoff sein Publikum finden kann.
Als DWDL.de 2001 startete, waren Streaming und Social Media noch keine bestimmenden Kräfte der Medienwelt. Seitdem kamen Digitalisierung, Streamer, Plattformen, Konsolidierung, Fragmentierung, Disruption und Transformation – dazu eine stattliche Anzahl von Gamechangern. Manche haben das Spiel tatsächlich verändert. Andere spielen heute nicht einmal mehr mit.
Wer 25 Jahre Medienwandel beobachtet hat, weiß deshalb: Manche Revolution verändert alles. Manche bekommt vor allem ein Panel auf einem Medienkongress. Vorher zuverlässig unterscheiden lässt sich beides selten. Vielleicht ist das auch gar nicht weiter schlimm: Zukunft kann nicht in jedem Detail vorhergesagt werden. Entscheidend ist, offen genug zu bleiben, wenn sie plötzlich vor der Tür steht.
Und was würde ich mir für die nächsten 25 Jahre wünschen? Vor allem eine Branche, die ungewöhnlichen Ideen eine Chance gibt, Talente fördert und wirtschaftlichen Erfolg und kulturelle Vielfalt nicht als Gegensätze betrachtet. Denn Vielfalt braucht faire Bedingungen. Ich wünsche mir eine Branche, in der große Konzerne und mittelständische Unternehmen ihren Platz haben, einander ergänzen und voneinander profitieren. Dazu gehört auch, Produzenten stärker als Rechteinhaber wahrzunehmen. Wer geistiges Eigentum entwickelt und unternehmerische Risiken trägt, muss an den geschaffenen Werten teilhaben können. Rechte stärken die Eigenkapitalbasis, erleichtern den Zugang zu Fremdkapital und schaffen Spielräume für Investitionen in neue Stoffe und Projekte.
Neue Technologien eröffnen der Branche faszinierende Möglichkeiten. Aber Innovation und der urheberrechtliche Schutz kreativer Leistungen dürfen kein Widerspruch sein. Und bei aller Begeisterung für das technisch Machbare sollten wir auch in Zukunft den Wert der Unterhaltung hochhalten. Menschen wollen lachen, staunen, mitfiebern und für eine Weile den Alltag vergessen. Unterhaltung ist ein wesentlicher Teil unserer Kultur. Genauso wie das Kino: ein Ort, an dem aus vielen einzelnen Zuschauerinnen und Zuschauern für zwei Stunden ein gemeinsames Publikum wird. Dieses Erlebnis sollten wir fördern und bewahren.
Und schließlich wünsche ich mir Offenheit für neue Erzählformen, ungewöhnliche Geschichten und Formate, die heute vielleicht noch gar keinen Namen haben. Vielleicht entstehen die spannendsten Geschichten der nächsten 25 Jahre auf Wegen, die wir uns heute noch nicht vorstellen können. Wir sollten bereit sein, sie zu gehen. Vor allem aber sollten wir nie vergessen, was am Ende zählt: dass eine Geschichte Menschen erreicht, bewegt und in Erinnerung bleibt.
Zurück ins Starlight-Casino.
Shubashi blickt vom Bordcomputer auf: „McLane, hier steht etwas Merkwürdiges. 2051 befindet sich die Medienbranche offenbar gerade in ihrer größten Umbruchphase aller Zeiten.“ McLane nickt. „Ja. Und das war auch 2026 schon so. Plattformen kamen und gingen, Bildschirme verschwanden, künstliche Intelligenzen produzierten Bilder. Und ungefähr alle drei Jahre erklärte jemand das Fernsehen für tot. Immer hat sich fast alles fundamental verändert. Nur eines nicht: Jemand muss sich das Märchen von übermorgen erst einmal ausdenken und erzählen.“
Shubashi ergänzt lächelnd: „Und DWDL.de berichtet noch immer – Umbruch hin oder her. Der Chef Thomas Lückerath hat kürzlich sogar um einen Termin im Starlight-Casino ersucht … – um das Fünfzigjährige gebührend zu feiern.“













