Ein Gastbeitrag von Martin Moszkowicz, Geschäftsführer der Transcontinental Entertainment Studios GmbH und Träger des Carl-Laemmle-Produzentenpreises. Moszkowicz ist Professor an der HFF München und Präsident des Zurich Film Festival.
Als DWDL anfing, gab es kein YouTube und kein Smartphone, und Netflix verschickte DVDs mit der Post. Ein Kinofilm ging damals seinen festen Weg: Kino, Video, Pay-TV, Free-TV, und irgendwann kam die Abrechnung. Beim Fernsehen war es noch einfacher: Ein Sender bestellt, die Firma liefert, der Sender sendet, am nächsten Morgen schaut man auf die Quote. Fünfundzwanzig Jahre später verbringen die Amerikaner mehr Fernsehzeit mit YouTube als mit Netflix, ein Horrorfilm, den ein Sechzehnjähriger in seinem Kinderzimmer angefangen hat, spielt rund 400 Millionen Dollar ein, und in China ist mehr als ein Drittel der erfolgreichsten Smartphone-Serien maschinell erzeugt.
Ich könnte mir jetzt mehr Mut wünschen. Das wünschen sich alle, es kostet nichts, und am Montag danach ist alles wie vorher. Mein Wunsch ist kleiner und unbequemer: Ich wünsche mir, dass einer deutschen Produktionsfirma in 25 Jahren etwas gehört.
Beim Kinofilm war das nie so, und es ist bis heute nicht so. Die Arbeitsteilung stammt aus den fünfziger Jahren: Der Produzent stellt her, der Verleih bringt heraus, und dafür gehören ihm die Rechte für den deutschen Markt. Dann kamen die Sender dazu, erst als Käufer, dann als Mitfinanzierer, und wer mitfinanziert, will Rechte. Am Ende hat der Produzent den Film gemacht, und alle anderen halten Anteile daran. Der Film startet, läuft ein paar Wochen, geht ins Pay-TV, ins Free-TV, zum Streamer, und was er dort verdient, fließt in eine Abrechnung, in der Minimumgarantie und Herausbringungskosten längst als Schulden stehen. Beim Hersteller kommt meistens eine Null an, im besten Fall ein Teil seiner Handlungskosten. Im Fernsehen ist es einfacher und nicht besser: Wer für einen Sender oder Streamer produziert, ist Werkvertragsnehmer. Er liefert ab, bekommt sein Honorar, und die Serie gehört dem Auftraggeber, ob sie nun floppt oder das Jahr rettet. Ich kenne das von beiden Seiten des Tisches. Die Constantin, für die ich über drei Jahrzehnte gearbeitet habe, ist vor allem Auswerter; die haben ihre eigenen Probleme, aber nicht die der vielen Produktionsfirmen in diesem Land. Diese bauen kein Vermögen auf, sie fangen bei jedem Projekt wieder von vorn an, und irgendwann sind sie einfach müde.
Warum mich das gerade jetzt umtreibt: Die Knappheit, auf der unser Geschäft ein Jahrhundert lang beruhte, löst sich auf. Herstellen wird billig. Die Plattformen und die KI-Modelle, über die Inhalte künftig laufen, gehören ein paar Konzernen in Kalifornien und China. Ein Hersteller, dem weder die Rechte noch die Daten gehören und den das Publikum nicht kennt, ist in dieser Welt ein Zulieferer, und Zulieferer sind austauschbar. Ich sage seit Monaten auf jedem Panel denselben Satz: Wir sind stark in der Herstellung und schwach in allem, was danach kommt. Damit konnte man lange leben. Ich glaube nicht, dass das so bleibt.
Konkret heißt mein Wunsch: Sender und Streamer als Lizenznehmer mit definierten Fenstern, nicht als Mitfinanzierer, die sich über ihre Beteiligung alle Rechte sichern. Der Verleih als Dienstleister mit Honorar, nicht als Rechteinhaber. Der Produzent hält die Rechte und die Erlösansprüche, trägt dafür mehr Risiko und finanziert mehr selbst; ich bitte hier nicht um Schonung. Ich weiß, dass die Sender das anders sehen, sie zahlen schließlich. Aber ein Lizenznehmer zahlt auch, nur für das, was er nutzt. Dazu Kataloge, die wir zu unseren Bedingungen lizenzieren, auch an KI-Anbieter, statt zuzusehen, wie sie ungefragt verdaut werden. Und eine eigene Beziehung zum Publikum: Fünfzehn der zwanzig erfolgreichsten deutschen Kinofilme des vergangenen Jahres sind auf TikTok viral gegangen. Wer dort nicht selbst ausprobiert, was zieht, überlässt auch diesen Teil des Geschäfts anderen.
Frankreich, Großbritannien und Skandinavien haben starke Produzenten, denen ihre Stoffe gehören. Wir haben uns ein System geleistet, in dem sie strukturell arm bleiben. Das hat nie jemand so beschlossen. Es ist einfach so geblieben, weil es immer so war.
Ob sich das in 25 Jahren ändern lässt? Ich bin nicht sicher. Wünschen darf man es sich trotzdem, und bei DWDL wird man dann nachlesen können, wer recht hatte.














