Ein Gastbeitrag von Stefan Oelze, Geschäftsführer der Rosebank Entertainment AG. Er ist Mitglied im Gesamtvorstand der Produktionsallianz, im Vorstand der Sektion Entertainment sowie im Vorstand der Regionalgliederung NRW.

Chancen in der Internationalisierung und KI

Wir stehen vor den größten Herausforderungen unseres Lebens, jedenfalls soweit ich zurückdenken kann: unsere Gesellschaft verändert sich rasant und unsere Industrie steht vor der grundsätzlichsten Umwälzung, seitdem es Bewegtbild gibt, mit schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Wir haben Krisen erlebt, aber zum ersten Mal sehen wir eine Verbindung aus tiefgreifendem technologischem und wirtschaftlichem Wandel.

Als realistischer Optimist (oder optimistischer Realist) liegen in diesem tiefgreifenden Wandel Chancen, aber auch mit den Risiken müssen wir umzugehen lernen: was passiert mit Serien-Produzentinnen, mit Autoren, mit Regisseurinnen und Schauspielern und der Crew, die in einigen Jahren nicht mehr neue Staffeln drehen werden, sondern aus den letzten Staffeln einfach durch KI neue entstehen lassen? Sicherlich wird es (urheberrechtliche) Vergütungen geben, aber was ist mit der Crew, die bislang vor Ort gedreht hat? Was passiert mit unserem dualen System, wenn Werbetreibende ihre Budgets zukünftig stärker auf ihre eigenen und digitalen Kanäle mit unmittelbarer Interaktion verteilen, weil sie ihre Kundinnen und Kunden ohne Streuverluste erreichen?

Was geschieht mit Journalismus und der Glaubwürdigkeit und der Verlässlichkeit von Nachrichten? Wie werden Förderinstrumente zukünftig aussehen, wenn die öffentlichen Haushalte jedes Jahr immer stärker unter Druck geraten? Und wie schützen wir unseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor den Angriffen von Extremisten, die zukünftig Mehrheiten bilden können und das Ziel der Abschaffung oder der Schrumpfung von ARD und ZDF in die Bedeutungslosigkeit haben? Wie halten wir die Werte hoch, die nicht nur den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausmachen: das Erzählen und Zeigen von Vielfalt, von großen und kleinen Geschichten und vor allem den Wert unabhängiger Berichterstattung? Und natürlich hat diese gesellschaftliche auch eine wirtschaftliche Komponente: was hätten eine geschrumpfte ARD und ZDF als wichtigste fiktionale Auftraggeber für Folgen auf unser Ökosystem?

Aber genug von Risiken. Wo liegen Chancen?

  1. Internationalisierung: ich glaube zutiefst, Chancen liegen in einer stärkeren Internationalisierung. Innovation und Kreativität waren nie die größte Stärke Nachkriegs-Deutschlands. Das gemeinsame Investment von Frankreich und Südkorea von einer Milliarde Euro in Bewegtbild sollte uns doch zeigen, dass die Lösung in Partnerschaften liegt. Deutschland ist dabei immer das Schlusslicht, auch was das Thema Rechte und Vertrieb anbelangt.

  2. Anreize für Investitionen schaffen: Dazu gehört ein Steueranreiz-Modell, wie es andere Länder Europas haben, aber auch die Überlegung, unser Ökosystem für private Investoren reizvoll zu gestalten. Ein Beispiel ist Großbritannien: Der Produktionsmarkt für Spielfilme ist von 2024 auf 2025 um 31% auf US $ 3,8 Mrd. gestiegen („Variety“). Der gesamte Bewegtbild-Produktionsmarkt ist im gleichen Maße auf US $ 9 Mrd. gewachsen, 4 Mrd. davon sind im High-End-Serien-Sektor anzusiedeln. 85% dieses Marktes sind ausländische Investitionen, insbesondere aus den USA. Ja, Sprache spielt eine Rolle, aber ebenso Talent, Studios, Rahmenbedingungen und – ein Steueranreizmodell.

  3. Große Chancen liegen in der KI, aber auch hier dürfen wir den Anschluss als Nation, als Region und als Betriebe nicht verpassen. Wird eine der fünf ausgeschriebenen KI-Giga-Factories in Deutschland stehen (vielleicht sogar in NRW) oder wo sind die leistungsfähigen Systeme, die die Bewegtbild-Transformation vorantreiben werden? Wie bauen wir neue Qualifizierungen und Arbeitsplätze?

  4. Unsere Unternehmen umbauen: Viele Job-Beschreibungen werden sich dramatisch ändern. Es wird weniger Menschen brauchen, weil KI-Arbeitsplätze ersetzen wird. Hier müssen wir Angebote machen, gleichzeitig müssen wir neue Dinge lernen, viel mehr über Distribution, Vermarktung und Vertrieb verstehen (und anbieten) und neue Schwerpunkte setzen. Kommen unsere Renditen zukünftig vor allem aus Produktionsmargen oder schaffen wir es – indem wir Rechte besitzen, intelligent teilen und vertreiben – den durch Umsatzrückgang bedingten absoluten Margenrückgang mit neuen Einkünften auszugleichen? Wir müssen alte Geschäftsmodelle verteidigen und neue finden.

  5. Die Werte, die Struktur – und die Budgets – des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verteidigen: Hier müssen wir leben, was alle Seiten immer beteuern: eine neue Partnerschaft auf Augenhöhe, nicht als Auftraggeber und Auftragnehmer. Als Demokratinnen und Demokraten und als Unternehmerinnen und Unternehmer. Wir müssen den Wert von Unterhaltung hochhalten, der bildet den Kitt einer pluralen Gesellschaft. Die Signale müssen in die Politik, in die Gremien und in die breite Bevölkerung gehen. Und vielleicht müssen wir dabei auch wieder ein wenig neu lernen, für wen wir Programme produzieren, nicht für den Prenzlauer Berg, sondern für Garbsen bei Hannover…

Es tut mir leid, kleiner (und kürzer) ging es nicht. Gerade weil wir an einer Schnittstelle sind, die es in den über 30 Jahren meines Berufslebens (25 davon mit DWDL, herzlichen Glückwusch & vielen Dank) noch nicht gab. Wir brauchen Veränderungskraft, aber zuerst -willen. Und seien wir dabei ehrlich: im Vergleich zu anderen Industrien sind wir das noch nicht gewohnt. Wir müssen viele Dinge vollständig neu lernen, aber es gilt jetzt, die Rahmenbedingungen zu schaffen. Zusammen mit unseren Auftraggebern, mit anderen Stakeholdern unserer Industrie wie Werbetreibende, Plattformen, Agenturen, aber auch zusammen mit der Politik.