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Der Rücktritt von ORF-Chef Roland Weißmann aufgrund von angeblich "unangemessenem Verhalten" hat die Branche auch in den zurückliegenden Tagen beschäftigt und die Schlagzeilen dominiert. Inzwischen hat der Stiftungsrat des Senders Ingrid Thurnher mit der Geschäftsführung des ORF betraut. Sie wird diese Position voraussichtlich bis Ende des Jahres übernehmen. Bis dahin will man einen neuen Chef bzw. eine neue Chefin finden, der oder die ab 2027 übernimmt - dann beginnt ohnehin die neue Geschäftsführungsperiode. Ob sich Thurnher an der öffentlichen Ausschreibung beteiligt und ihren Hut für die Zeit ab 2027 in den Ring wirft, ist aktuell noch unklar. Darüber habe sie "noch nicht nachgedacht", erklärte sie gegenüber dem "Standard". 

Ingrid Thurnher © ORF/Roman Zach-Kiesling Ingrid Thurnher
In einer ersten Stellungnahme bedankte sich Thurnher beim Stiftungsrat für das ihr entgegengebrachte Vertrauen. Die neue Generaldirektorin des ORF weiter: "Jetzt gilt es, rasch Verantwortung zu übernehmen und sicherzustellen, dass der ORF weiterhin das tut, wofür es ihn gibt, was er am besten kann – und was er auch in diesen vergangenen Tagen erneut bewiesen hat: Programm für unser Publikum zu machen." Vom Stiftungsrat wurde Thurnher zudem damit beauftragt, bis zu einer Sondersitzung im April ein Konzept erstellen zu lassen, "das geeignete Möglichkeiten und Maßnahmen für ein sicheres Arbeitsumfeld aufzeigt". Gegenüber dem "Standard" versprach Thurnher "volle Transparenz mit aller Konsequenz". Thurnher: "Es muss alles auf den Tisch, es muss alles aufgeklärt werden." Vertrauen sei "das wichtigste Gut" für einen öffentlich-rechtlichen Sender.

Pius Strobl © ORF/Roman Zach-Kiesling Pius Strobl
Hinter den Kulissen brodelt es nach dem Weißmann-Rücktritt dennoch weiter gewaltig. Zuletzt gab es etwa Spekulationen, dass Pius Strobl etwas mit dem Rücktritt Weißmanns zu tun haben könnte. Strobl war einst Kommunikationschef des ORF und wurde 2015 vom damaligen ORF-Boss Alexander Wrabetz zurückgeholt, er überwachte das 300 Millionen Euro schwere Bauprojekt am Wiener Küniglberg und gehört zu den bestbezahlten Mitarbeitern des ORF. Nun hieß es, Weißmann habe eine Pensionszusage an Strobl, die Wrabetz einst gegeben haben soll, zurückgezogen. Und dann soll Strobl auch noch die Frau gekannt haben, die die Vorwürfe gegen Weißmann erhoben hatte. Von einem Naheverhältnis war die Rede. 

Roland Weißmann und Pius Strobl © ORF/Thomas Ramstorfer Roland Weißmann (links) und Pius Strobl
Gegenüber der Tageszeitung "Der Standard" äußerte sich Strobl selbst zu den Schlagzeilen. Der ORF-Manager bestätigte in dem Interview, den gleichen Anwalt zu haben wie die Frau. Er habe sie jedoch nicht motiviert, die Vorwürfe gegen Weißmann öffentlich zu machen. Auch die unterschiedlichen Auffassungen zur Pensionsregelung bestätigt Strobl. Die letztmalige Korrespondenz mit Weißmann dazu sei im November 2023 erfolgt. "Mein Anwalt und ich haben zur Kenntnis genommen, dass ich diese Zusage nach Ablauf meines Dienstvertrags am 31.12.2026 beim Arbeits- und Sozialgericht einklagen werde müssen. Nach Ablauf meines Dienstverhältnisses deshalb, weil erst dann mein Anspruch geltend gemacht werden kann", so Strobl. Gleichzeitig spricht Strobl gegenüber dem "Standard" von "starkem Mobbing" und "Bossing" durch das Umfeld von Weißmann, darauf habe er ihn "mehrmals schriftlich" aufmerksam gemacht. Die Reaktionen seien überschaubar gewesen. Strobl leidet nach eigenen Aussagen an den Folgen eines Burnouts. Dies stehe jedoch nicht im Zusammenhang mit den Vorwürfen, die jetzt gegen Roland Weißmann erhoben wurden, so Strobl weiter. 

Geldscheine © Chobe / photocase.com
Auf eine andere Linie der neuen ORF-Generaldirektorin kann sich Pius Strobl derweil nicht einstellen. Ingrid Thurnher bleibt in Sachen Pension auf Weißmann-Linie. "Der ORF bestreitet diese Ansprüche", erklärt Thurnher am Sonntag in einem Interview mit der "Kronen Zeitung". Der ORF habe die Vereinbarung 2022 sowohl von einer Anwaltskanzlei als auch einem Universitätsprofessor überprüfen lassen. "Beide kamen zum Ergebnis, dass diese nicht wirksam zustande gekommen ist." Laut "Krone" geht es um 2,4 Millionen Euro, diese Summe ist allerdings nicht bestätigt und wurde von Ingrid Thurnher auch nicht weiter kommentiert.

Roland Weißmann © ORF/Thomas Ramstorfer
Und auch Roland Weißmann bzw. seine Anwälte haben sich mittlerweile noch einmal zu den Vorgängen geäußert und unter anderem "die laufende Vorverurteilung" zurückgewiesen. So kritisiert die Weißmann-Seite, dass am vergangenen Donnerstag in der Stiftungsratssitzung des ORF eine Stellungnahme der Frau vorgelesen worden sei, die die Vorwürfe gegen den ehemaligen Generaldirektor erhebt. Weißmann selbst habe bis heute keinen Überblick über das Material und kenne auch die Stellungnahme nicht. Er sei bislang vom ORF nicht aufgefordert worden, seine Sicht der Dinge darzustellen. Sowohl vom Stiftungsratsvorsitzenden als auch medial werde er "laufen vorverurteilt", so die Anwälte. Weißmann sei während seiner Zeit als ORF-Chef "nachweisbar immer bemüht, gemeldete Fälle von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung aufzuklären und abzustellen". 

Die Weißmann-Seite schildert in der Stellungnahme dann auch ihre Sicht auf die Dinge: Der Ex-ORF-Chef habe mit der betroffenen Mitarbeiterin seit Ende 2019 eine private Beziehung gehabt, damals sei er weder Generaldirektor noch der Vorgesetzte der Frau gewesen. Die Beziehung habe als eine Art "emotionale Affäre" begonnen. Es sei in beidseitigem Interesse zu gemeinsamen Essen, Laufausflügen, Besuchen zu Hause und immer wieder zu regem Austausch per Telefon und Chats gekommen. "Dabei wurden wechselseitig und einvernehmlich auch intime und höchstpersönliche Nachrichten ausgetauscht." 2021 sei die Beziehung abgekühlt. Im Oktober 2022 soll die Frau wieder Interesse gezeigt haben, nach einem von der Frau initiierten "romantischen Essen" sei es auch zu "einvernehmlichem physischen Kontakt" gekommen. Kurz danach soll sich die Frau wieder zurückgezogen haben. Entsprechende Telefonate sollen von der Frau mitgeschnitten worden sein. Danach habe es noch hin und wieder Kontakt gegeben. Noch 2025 soll die Frau Weißmann zum Geburtstag gratuliert haben, Spannungen habe es keine gegeben. Weißmann, so die Darstellung seiner Anwälte, habe die private Beziehung "niemals mit seiner Stellung als Generaldirektor in Verbindung gebracht". Die Tätigkeit der Mitarbeiterin beim ORF sei während der gesamten Zeit niemals Thema zwischen ihr und ihm gewesen und es habe auch niemals eine Form der Druckausübung oder eines Machtmissbrauchs gegeben.

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Darüber hinaus lässt Roland Weißmann auch Strafanzeige gegen mehrere Personen einreichen. Eine entsprechende Prüfung habe ergeben, "dass der Verdacht strafrechtlich relevanten Verhaltens mehrerer involvierter Personen besteht", heißt es von den Anwälten des ehemaligen ORF-Chefs. "Die weitere Würdigung und Bewertung des Sachverhalts soll sodann ausschließlich der zuständigen Ermittlungsbehörde obliegen." Davon unabhängig seien mögliche Ansprüche Weißmanns zivilrechtlicher Natur. Gegen wen genau oder gegen wie viele Personen sich die Strafanzeigen richten, ist aktuell unklar. 

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Und auch die Frau, die Weißmann ein Fehlverhalten vorwirft, hat sich mittlerweile geäußert. In einer von ihrem Anwalt verbreiteten Stellungnahme erklärte sie: "Dass Herr Weißmann mit Anwälten und medialer Begleitung gerichtliche Schritte und strafrechtliche Konsequenzen androht, empfinde ich als ein unangenehm durchsichtiges Ablenkungsmanöver und letztlich als ein weiteres Zeichen jenes Verhaltens, das mich in diese Situation gebracht hat. Meinem wiederholt kommunizierten Angebot, die Angelegenheit auf einem respektvollen Niveau zu lösen, wollte Herr Weißmann nicht nähertreten. Stattdessen wird offenbar Druck eingesetzt, dem ich mich ausdrücklich verwehre." Gleichzeitig erklärt die Frau, "nie eine Affäre" mit Weißmann gehabt zu haben. Es sei auch nie zu einem "intimen physischen Kontakt" gekommen. Und weiter: "Die Tatsache, dass ich nie sexuellen Kontakt mit ihm wollte und nie eine intime Beziehung zu ihm hatte, wurde mir letztendlich zum Verhängnis." Auch gegenüber dem "Falter" hat sich die Frau geäußert. Dort erklärte sie auch, wieso sich erst jetzt, Jahre nach den Vorfällen, melde. "Ich brauchte Zeit, meine Angst zu überwinden", erklärte sie unter anderem. "Schließlich konnte ich in den letzten Jahren hautnah beobachten, was mit den Frauen passiert, die sich beschweren – vor allem, wenn die betroffenen Männer in der Hierarchie weiter oben stehen."

Weitere News aus Österreich

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Ob RTL in Deutschland auch 2026 wieder ausgewählte Formel-1-Rennen übertragen wird, ist bislang zumindest offiziell nicht kommuniziert worden. Klar ist: Die Kölner verhandeln darüber mit Sky, RTL will den Pay-TV-Sender übernehmen und einigte sich auch 2025 schon auf Sublizenzen. Geplant war für 2026 offenbar auch eine Übertragung des Rennens aus China am vergangenen Wochenende. Die "Bild" berichtete unter anderem davon, dass RTL bereits Interviews angefragt und die Reise geplant habe. Letztlich ist nichts aus der Übertragung geworden - und da spielen auch die österreichischen Sender eine große Rolle. Weil RTL auch in Österreich zu empfangen ist, waren zuletzt auch die F1-Rennen bei RTL Österreich zu sehen - sehr zum Ärger der dortigen Rechteinhaber. ORF und ServusTV teilen sich die Formel-1-Rechte erneut, das Rennen am vergangenen Wochenende lief im ORF. Die Übertragungen bei den österreichischen Sendern waren zuletzt weitaus erfolgreicher als die bei RTL. Die Kölner sollen nach "Bild"-Infos zuletzt aber auch in Österreich auf potenzielle Werbekunden zugegangen sein, was den eigentlichen Rechteinhabern sauer aufgestoßen sein soll. Sie haben sich angeblich bei der Formel 1 darüber beschwert. Nun soll offenbar an dem Problem gearbeitet werden. Das nächste Rennen, das RTL wohl gerne zeigen würde, findet in Belgien am 19. Juli statt. 

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Der Sport-Streamingdienst DAZN wird in Österreich ab sofort von ProSiebenSat.1Puls4 vermarktet, eine entsprechende Zusammenarbeit haben die Unternehmen am Mittwoch angekündigt. Erst kürzlich hatte ProSiebenSat.1 für die Zeit ab 2027 Sublizenzen von DAZN an der Darts-WM und weiteren Darts-Turnieren erworben (DWDL.de berichtete), nun also die Vermarktungskooperation in Österreich. Peter Strutz, Commercial Director ProSiebenSat.1Puls4, sagt: "Premium-Sport braucht Premium-Vermarktung. Mit DAZN schaffen wir ein einzigartiges Angebot, das Reichweite, Emotion und technologische Innovationskraft vereint. Werbekunden profitieren von hochattraktiven Live-Sportumfeldern, adressierbaren Videoinventaren und einer skalierbaren Vermarktungslösung, die perfekt auf die Anforderungen moderner Markenkommunikation im CTV-Zeitalter abgestimmt ist." Und Lisa Eller, VP Advertising von DAZN, sagt, man bündele das Beste aus zwei Welten. "Premium-Live-Sport trifft auf eine enorme Vermarktungskraft. Für Kunden entsteht so ein leistungsstarkes, skalierbares und modernes Werbeprodukt, das perfekt auf den boomenden CTV-Markt in Österreich zugeschnitten ist."